Tischtennis-Männer ziehen ohne Boll ins Halbfinale

Deutschland zieht ohne Timo Boll ins Halbfinale: Ruwen Filus wächst über sich hinaus

Drei Stunden lang saß Timo Boll beinahe regungslos auf seinem Stuhl, er wollte seinen angeschlagenen Rücken nicht weiter belasten.

Erst als Teamkollege Ruwen Filus seinen Matchball zum 3:1 über Brasilien verwandelt hatte, sprang der Routinier auf. Auch ohne die Hilfe ihres Spitzenspielers haben es die deutschen Profis ins Halbfinale der WM in Schweden geschafft - und damit eine Medaille bereits sicher.

"Wir sind nach Timos Ausfall zusammengerückt, die Bank war richtig heiß heute", sagte Abwehrspezialist Filus: "Für Samstag hoffen wir, dass unsere Verletzten wieder dabei sind – aber so oder so: Wir geben Vollgas."

Die Hoffnungen auf ein Traumfinale gegen China und womöglich sogar auf den Sturz der Seriensieger aus dem Reich der Mitte waren nach der Partie jedoch gedämpft. Ischias-Beschwerden hatten Boll schon gegen Brasilien in die Box verbannt, ein Einsatz des Weltranglistenzweiten am Samstag gegen die starken Südkoreaner wäre zumindest ein Risiko. Auch Patrick Franziska droht wegen einer Zerrung im Oberschenkel auszufallen, und Dimitrij Ovtcharov ist nicht im Vollbesitz seiner Kräfte.

"Das war natürlich eine Hiobsbotschaft mit Timo, Franz nicht fit, ich weit weg von der Bestform. Aber wir haben uns richtig reingekämpft, und dass Ruwen Filus dann noch gegen Calderano gewinnt, war stark und freut mich fürs Team", sagte Ovtcharov.

Filus wächst über sich hinaus

Der Weltranglistendritte war auch gegen Brasilien von den Nachwehen seiner Hüftverletzung beeinträchtigt, gewann sein Match gegen Gustavo Tsuboi jedoch mit all seiner Routine und Klasse mit 3:1. Matchwinner war allerdings Filus mit zwei Siegen. Der Abwehrspezialist aus Fulda wuchs im Fünfsatzkrimi gegen Hugo Calderano vom Bundesligisten TTF Ochsenhausen über sich hinaus. Die Nummer zwölf der ITTF-Rangliste hatte zuletzt immerhin Boll zweimal bezwungen.

Zur mit Spannung erwarteten Revanche kam es nicht, weil der Rekordeuropameister aus Düsseldorf wenige Stunden vor dem Spiel den Daumen gesenkt hatte. Der größtmögliche Rückschlag für die Auswahl des Deutschen Tischtennis-Bundes (DTTB) und besonders bitter, weil sich Boll vor der K.o.-Runde bewusst geschont hatte. Der 37-Jährige ließ das unbedeutende Gruppenspiel gegen Slowenien aus und es auch am Donnerstag ruhig angehen.

Boll sorgt sich um Ovtcharov 

Sorgen hatte sich Boll eher um Kronprinz Ovtcharov als um seine eigene Gesundheit gemacht. "Es ist ein Zwiespalt. Er will der Mannschaft helfen, aber er hat Angst, länger auszufallen", sagte Boll vor dem Viertelfinale dem SID. Er war sich sicher: "In seinem Zustand wäre ich hier nicht angetreten." Ovtcharov tat es doch und wird mit einer Medaille belohnt.

Schon bei der vergangenen Mannschafts-WM in Kuala Lumpur hatte das DTTB-Team auf seine beiden Spitzenspieler verzichten müssen und das Podest klar verpasst. Diesmal verhinderte Ruwen Filus eine weitere Enttäuschung für die erfolgsverwöhnten Deutschen. Ob aus Bronze noch Silber oder sogar Gold wird, entscheiden nicht zuletzt Bolls angeschlagener Rücken und Ovtcharovs lädierte Hüfte.