Timo Glock: DTM-Titel hätte dieses Jahr "komischen Beigeschmack"


Trotz Audis Ausstieg mit Jahresende und der ungewissen Zukunft kämpft die DTM um eine Saison 2020. Der Meistertitel wäre aber laut BMW-Pilot Timo Glock nicht dasselbe wie in einer normalen Saison - und das liegt nicht nur an den leeren Rängen, mit denen die DTM wegen der Coronakrise voraussichtlich konfrontiert wäre.

"Selbst wenn die Fans dabei wären, hat dieses Jahr einen komischen Beigeschmack", sagt der Ex-Formel-1-Pilot im Formel-1-Podcast 'Starting Grid'. Er fürchtet, "dass man sich vielleicht gar nicht so ausgelassen freuen könnte wie in der Vergangenheit, weil man weiß, dass die Welt gerade irgendwie stillsteht".

Der 38-Jährige rechnet damit, dass ausgerechnet in der drohenden Abschiedssaison der DTM die Emotionen zu kurz kommen werden. "Wir sind normalerweise an der Rennstrecke und genießen es, wir haben Spaß und Emotionen. Es sind Leute da, es ist Party, man trifft sich, es wird miteinander geredet. Das sind alles Dinge, die werden nicht möglich sein", sagt Glock, der mit "strikten Regeln" rechnet.

"Wird alles sehr emotionslos und kalt"

"Wir fahren da hin und fahren dann Rennen in einem sterilen Raum - im wahrsten Sinne des Wortes. Abstand halten, nur mit Maske herumrennen, jeder macht seinen Job und verschwindet wieder so schnell wie möglich ins Hotel und separiert sich. Das wird alles sehr emotionslos und kalt werden, glaube ich."

Nicht nur für die Fahrer, sondern auch für die Ingenieure und Mechaniker werde es "schwierig sein, das locker zu nehmen und trotzdem zu versuchen, das Beste aus seinem Job zu machen", glaubt Glock. "Weil jeder am Ende dastehen wird: Was darf ich denn jetzt? Darf ich dem jetzt die Hand geben? Darf ich ihm nur den Ellenbogen geben? Das ist alles komisch und nicht natürlich, so wie wir es kennen."

Ob er mit grotesken Funksprüchen rechne, nach dem Rennen auf Umarmungen und Jubel mit seiner Crew zu verzichten? "Ich habe ja einen Helm auf", sagt er. "Somit ist das ja eigentlich vergleichbar mit einer Maske. Da müsste man mal beim Gesundheitsminister anfragen."

Glock erklärt Emotionsausbrüche auf Siegerpodest

Aber wie wichtig sind die Fans eigentlich für einen Rennfahrer? Spielen die Zuschauer nicht beim Fußball, wo diese während des Matches mit den Akteuren interagieren, eine viel größere Rolle? Glock stimmt zwar teilweise zu, hält die Emotionen der Fans aber gerade wegen des starken Kontrasts zwischen der Isolation im Cockpit und des Trubels nach der Zielflagge für einen grundlegenden Teil des Rennfahrerjobs.

"Während des Rennens bist du im Tunnel und nimmst wenig um dich herum wahr", sagt Glock. "Deswegen sind wir auch teilweise so emotional auf dem Podium. Weil du dann erst realisierst: Wahnsinn, was für ein Haufen Leute - und alle feiern dich! Und alles ist mega-ausgelassen und großartig. Wenn du aber dann auf dem Podest stehst, und es ist kein Fan da? Das ist dann schon ein Thema."

So wichtig sind die Fans für die Rennfahrer

Welche Rolle die Fans spielen, wurde Glock bei seinem legendären DTM-Sieg beim Auftakt in Hockenheim 2018 klar, als er Gary Paffett in einem sehenswerten Duell niederrang.

In der Runde zurück an die Box habe er "realisiert, dass die Leute auf der Tribüne stehen, 'Standing Ovations' geben und gefeiert haben bis zum Abwinken. Das war Gänsehaut pur. Das werde ich nie vergessen, aber das werden wir so nicht erleben. Ein Sieg wird leider emotionslos bleiben."

Für den Fan sei es "umso trauriger, dass er sich das nicht vor Ort und wahrscheinlich nur am Fernseher anschauen kann", findet Glock. Das liege daran, dass gerade die DTM von ihrer Offenheit im Umgang mit den Zuschauern lebt. "Wir sind ständig umgeben von den Fans. Wenn wir von A nach B laufen, ist immer einer an deiner Seite, der sagt: 'Können wir ein Foto machen? Krieg ich ein Autogramm?' Das wird alles nicht sein", fürchtet Glock.

Gibt es 2020 noch DTM-Rennen?

Aber wird es überhaupt zu einer Saison 2020 kommen? "Wir warten eigentlich täglich auf ein Update, was den Rennkalender angeht für 2020", sagt Glock. "Ich weiß, dass im Hintergrund daran gearbeitet wird, dass wir noch Rennen fahren dieses Jahr."

Ihm ist aber bewusst, dass die Umstände schwierig sind, da die DTM im Gegensatz zur Formel 1 ihr Geschäft nicht mit den TV-Deals macht, sondern mit den Einnahmen aus den Ticketverkäufen. "Es ist natürlich schwierig für die ITR, für Gerhard Berger, das umzusetzen - mit dem Wissen, dass wir keine Zuschauer auf der Tribüne und somit keine Ticketverkäufe haben. Das sind alles Dinge, die einen riesigen Rattenschwanz nach sich ziehen, der da dranhängt. Das macht es sehr schwierig, eine wirkliche Planung hinzubekommen."

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