Wie Tim Cook neue Maßstäbe setzen will

Das neue iPhone X wird 1000 Dollar kosten – und vermutlich wird es ein großer Erfolg. Ist Apple bald mehr als eine Billion Dollar wert? Das hängt auch davon ab, wie der Kulturwandel gelingt, den Tim Cook vorantreibt.


Auf Palo Altos Flaniermeile University Avenue ist am letzten Samstagmorgen im August besonders viel los. Beim jährlichen Kunstfestival drängen sich so viele Besucher zwischen den Ständen der Aussteller, dass der hagere Mann mit der tief in die Stirn geschobenen Baseballkappe kaum auffällt. Einige Passanten erkennen Tim Cook dennoch und nicken dem Apple-Chef diskret zu. Auf dem Weg zu seinem vietnamesischen Lieblingsrestaurant Tamarine schaut Cook beim Apple-Store vorbei und beobachtet genau, was die Besucher dort so machen. Der Befund ist eindeutig: Vor den neuen iPads drängeln sich die Kunden, die auf langen Tischen aufgereihten iPhones liegen dagegen ziemlich unbeachtet da.

Von Dienstag an soll das anders werden. Dann präsentiert Cook im gerade fertiggestellten Steve Jobs Theater neben Apples neuem Hauptquartier ein Sondermodell, das beweisen soll, dass das iPhone auch nach zehn Jahren Potenzial hat. Das erste Modell mit einem neuen Design seit 2014 wird unter dem Namen iPhone X in die Läden kommen – das ist bereits durchgesickert.

Erste Details sind ebenfalls bekannt: Das iPhone X wird sich per Gesichtserkennung entsperren lassen und Aufladen ohne Kabel unterstützen, berichten die Websites „9to5Mac“ und „Macrumors“.




Fast die gesamte Stirnseite des neuen Modells wird ein stromsparendes und kontrastreiches OLED-Display einnehmen. Ähnliches bietet Hauptkonkurrent Samsung schon seit April mit seinem Spitzenmodell S8.

Wird das neue Modell ein Erfolg, kann Cook die leise Kritik am angeblich zu mäßigen Innovationstempo des Konzerns ebenso vergessen machen wie den zuletzt enttäuschenden Geschäftsverlauf in China. Tatsächlich könnte Apple dann womöglich schon im Herbst als erstes Unternehmen einen Börsenwert von einer Billion Dollar erreichen. Momentan fehlen dazu noch rund 150 Milliarden Dollar.

Doch das iPhone X setzt auch beim Preis neue Maßstäbe. Als erstes Smartphone wird es wohl über 1000 Dollar kosten, die speicherstärkste Version sogar 1200 Dollar – ohne Steuern. Damit wäre das Smartphone fast so teuer wie der Edel-Laptop MacBook.

Geht Cooks Kalkül tatsächlich auf oder steht der saftige Preis und das hippe X für spätrömische Dekadenz, als Vorbote für den drohenden Niedergang also?


iPhone X: "Apple wird die Nachfrage nicht befriedigen können"

Die meisten Analysten sind davon überzeugt, dass der höhere Preis die Attraktivität des neuen Flaggschiffs nicht schmälern wird. „Apple wird die Nachfrage nach dem neuen Top-Modell nicht befriedigen können“, meint JP Morgan Chase & Co Analyst Rod Hall und verweist auf Lieferengpässe bei den OLED-Displays. Er erwartet deshalb monatelange Wartezeiten für die Kunden.

Barclays-Analyst Mark Moskowitz glaubt, dass Apple den Kauf des Jubiläums-Modells mit Zusatzangeboten versüßen könnte, wie etwa einem vergünstigten Abo für Apple Music oder zusätzlichen Speicherplatz. Und Katy Huberty, Analystin bei Morgan Stanley, glaubt sogar, dass das iPhone X einen „Super-Zyklus beim Upgraden auslösen“ kann. Etliche der weltweit geschätzt 700 Millionen iPhone-Nutzer würden künftig noch rascher auf neue Hardware wechseln, um Verbesserungen bei Kamera und Akku möglichst früh zu nutzen.

Cooks großer Vorteil: Er kann weiter auf eine treue und überdurchschnittlich zahlungskräftige Gemeinde zählen, die auf kein anderes System umsteigen will. Wenn nur jeder zehnte der gegenwärtigen iPhone-Besitzer in den nächsten Monaten das neue Topmodell bestellt, müsste Apple siebzig Millionen Geräte produzieren und könnte damit mehr als siebzig Milliarden Dollar Umsatz erzielen. Zum Vergleich: Im vergangenen Quartal verkaufte Apple 41 Millionen iPhones quer durch alle Preisklassen und setzte damit knapp 25 Milliarden Dollar um.




Hinzu kommt, dass der Preissprung nicht ganz so gewaltig ist, wie er scheint. Das derzeitige Premiummodell iPhone 7 Plus kostet bereits bis zu 930 Dollar, soviel wie Konkurrent Samsung auch für sein neues Spitzenmodell Galaxy Note 8 verlangt.

Zudem hat Apple bereits vor zwei Jahren ein Leasing-Modell eingeführt, bei dem die Kosten fürs iPhone auf Monatsraten verteilt werden und das Upgrade auf die jeweils aktuelle Version erlauben. Das iPhone X, so kalkulieren Analysten, könnte so für um die 40 Dollar pro Monat offeriert werden.

Zwar mindern solche Finanzierungmodelle zunächst den Umsatz, weil ihre Einnahmen nicht sofort, sondern über bis zu zwei Jahre verbucht werden müssen. Aber Mobiltelefongesellschaften offerieren ähnliche Angebote, bei denen Apple sofort die Einnahmen realisieren kann. Zudem geht nur ein Teil der Telefone ins Leasing-Kontingent, das Gros wird zur Premiere normal verkauft.



Mit dem Modell Mieten statt Kauf löst Apple ein weiteres Problem. Am Dienstag wird Cook neben dem iPhone X voraussichtlich zwei weitere Modelle vorstellen, verbesserte Versionen der gegenwärtigen Spitzenmodelle iPhone 7 und iPhone 7 Plus. Doch wer will sich diese aufgehübschten und auch relativ teuren Varianten zulegen, wenn das iPhone X das neue Maß aller Dinge ist und im nächsten Jahr eine neue Produktgeneration kommt?

Wenn allerdings absehbar ist, dass die Wartezeit für das iPhone X lang wird, ergibt die Wahl der neuen Mittelklasse-Geräte und der spätere Umstieg auf eine Nachfolgegeneration Sinn. Das Mieten von Software liegt ohnehin im Trend. Wenn Apple das auch auf Hardware erweitern kann, wäre das zwar problematisch für die Umwelt. Aber ein Traum für Manager und Aktionäre, die so auf wiederkehrende Umsätze bauen können.


Apples neue Attacke: Samsung ist alarmiert

Schlecht stehen die Chancen nicht. Zwar legen Jugendliche und junge Erwachsene laut Freizeitforschern weniger Wert auf materielle Dinge, sondern bevorzugen Erlebnisse. Doch die müssen dokumentiert und auf sozialen Medien geteilt werden. Vorzugsweise mit dem Smartphone mit der besten Kamera. Stotterten frühere Generationen ihr erstes Auto ab, muss nun das Smartphone abgezahlt werden.

Großinvestor Warren Buffett ist zwar schon 87 Jahre alt, aber er glaubt dank seiner Urenkel ein Gespür dafür zu haben, was die Jugend bewegt. Einmal im Monat lädt der drittreichste Mann der Welt seine Urenkel und deren Freunde zum Mittagessen in die Schnellrestaurantkette Dairy Queen ein. Nicht nur weil es dort günstig ist (Mittagessen gibt es ab fünf Dollar), sondern weil seinem Konzern die Kette gehört. Bei den Restaurantbesuchen ist dem greisen Multimilliardär aufgefallen, dass seine Gäste „ihre iPhones kaum aus der Hand legen“.

In den vergangenen zwölf Monaten hat Buffett deshalb seinem langjährigen Favoriten IBM den Laufpass gegeben und stattdessen kräftig Apple-Aktien erworben. Seinem Beteiligungsunternehmen Berkshire Hathaway gehören rund 2,4 Prozent am Apple-Konzern, was ungefähr 21,3 Milliarden Dollar entspricht.




Apple-Wettbewerber Samsung ist alarmiert. In Seoul ärgert man sich immer noch darüber, dass man im vergangenen Jahr dem Erzkonkurrenten zu leichtes Spiel machte. Nach nur wenigen Monaten am Markt musste der Konzern im Oktober sein Flaggschiff Galaxy Note 7 wegen Akku-Explosionsgefahr vom Markt nehmen. Eine Panne, die mindestens 5,3 Milliarden Dollar kostete, das Image von Samsung schwer beschädigte und Apple zusätzlichen Absatz bescherte.

In diesem Jahr kämpft Apples wichtigster Wettbewerber mit einer Führungskrise. Der 49-jährige Konzernerbe Lee Jae Young wurde gerade wegen Korruption und Meineids zu fünf Jahren Haft verurteilt.

Als de-facto-Chef von Samsung verantwortet er auch die Smartphone-Sparte. Während er voll damit beschäftigt ist, den Knast durch Berufung oder Begnadigung abzuwehren, plant sein Mobilfunkchef Jong-Kyun Shin nun allein die Abwehrstrategie gegen Apple. Das erst im April vorgestellte Flaggschiff Galaxy S8 verkauft sich zwar gut. Doch um gegen Apple bestehen zu können, soll Jong-Kyun Shin erwägenden Nachfolger S9 schon Anfang nächsten Jahres zu präsentieren. Schon jetzt gewährt Samsung großzügige Rabatte für Apple-Abtrünnige. Wer sein iPhone gegen ein Spitzenmodell von Samsung eintauscht, erhält bis zu 300 Dollar Preisnachlass.



Die Jagd auf potentielle Wechsler wird in einem übersättigten Markt zum neuen Hauptkampfgebiet. Das weiß auch Apple-Großaktionär Buffett. „Wenn es an der Zeit ist, ein neues Modell zu kaufen, greifen sie überwiegend zum gleichen Produkt“, hat er bei seinen Urenkeln und deren Freunden beobachtet. Apple-Chef Cook wäre deshalb gut beraten, die Nachkommen von Buffett so schnell wie möglich mit einem Jubiläums-iPhone auszustatten.

Wie das iPhone X von normalen Kunden aufgenommen wird, darüber kann sich Cook selber im Apple Store in Palo Alto überzeugen, es sind ja nur ein paar Minuten Fußweg.

KONTEXT

Wer 2016 die meisten Smartphones verkaufte

Platz 1

Koreas Elektronikriese Samsung konnte 2016 306.446.600 Smartphones verkaufen. Das entspricht einem Marktanteil von 20,5 Prozent.

Platz 2

14,4 Prozent der 2016 verkauften Smartphones kamen von Apple: 216.064.000 Stück.

Platz 3

Huawei konnte 2016 132.824.900 Smartphones verkaufen. Das sind 8,9 Prozent Marktanteil für das chinesische Unternehmen.

Platz 4

Ebenfalls ein chinesischer Konzern ist Oppo. Der Hersteller konnte 2016 89.299.500 Endkunden für den Kauf seiner Smartphones begeistern. Marktanteil: 5,7 Prozent.

Platz 5

BKK Communication Equipment hatte 2016 einen Marktanteil von 4,8 Prozent. Das chinesische Unternehmen konnte 72.408600 Smartphones verkaufen. Allerdings sind in dieser Rechnung nicht die gesondert aufgeführten Zahlen von Oppo enthalten. Das Unternehmen ist eine Tochter von BKK.

Andere

Den größten Marktanteil machen weitere Hersteller aus: 45,6 Prozent des Smartphone-Marktes 2016 entfallen auf "Andere". Das sind 682.314.300 Stück.

Gesamt

Insgesamt wurden 2016 1.495.358.000 Smartphones verkauft.

Quelle: Gartner