Der tiefe Fall von Rupert Stadler – ein Lehrstück über Fehler und Versäumnisse

Gestern Vorstandsbüro, heute Einzelzelle: Die Festnahme von Rupert Stadler ist ein Schock – nicht nur für Audi. Versagt haben vor allem dessen Kontrolleure.


Nein, Rupert Stadler darf am Wochenende nicht aus dem Gefängnis. Fast einen Tag lang hatten die Ermittler den mittlerweile beurlaubten Chef von Audi verhört – und was sie dabei hörten, das reichte ihnen nicht. In den nächsten Tagen stehen in der Haftanstalt Augsburg-Gablingen deshalb weitere Termine an. Und wieder wird Stadler den Staatsanwälten Rede und Antwort stehen müssen.

Sein Anwalt hat keine Haftbeschwerde eingelegt. Damit bleibt Stadler, wo er ist: hinter Gittern.

Dort geht es dem Audi-Chef wie jedem anderen Gefangenen auch. Die Anstaltskleidung der Justizvollzugsanstalt ist blau. Stadler darf zur Vernehmung seinen Manageranzug auch nur dann tragen, wenn er vorher einen entsprechenden Antrag stellt. Stadler, der Chef eines Konzerns mit 90.000 Beschäftigten, erhält das gleiche Essen wie die anderen Insassen auch.

Und er hat auch sonst keinen Anspruch auf bevorzugte Behandlung. Die Strafverfolger sehen bei Stadler weiter Verdunkelungsgefahr. Ihren Verdacht, er wolle Zeugen beeinflussen, konnte der Beschuldigte auch in stundenlangen Gesprächen nicht ausräumen. Im Wesentlichen soll sich die Vernehmung um ein einziges, längeres Telefonat gedreht haben. Die Ermittler hatten Stadler dabei abgehört, wie er mit einem Porsche-Mitarbeiter sprach und die mögliche Beurlaubung eines Audi-Mitarbeiters debattierte.

Der Schock von Stadlers Festnahme Anfang der Woche sitzt noch immer tief: Bei Audi, in der Autobranche und wohl vor allem bei Stadler selbst. Noch vor wenigen Tagen war der 55-Jährige einer der mächtigsten Unternehmenslenker der Republik, reiste im Firmenjet, sprach mit Regierungschefs und verteilte Milliardenbudgets.

Nun sitzt er im Gefängnis, weil Audi im dritten Jahr der Dieselaffäre immer noch Autos mit manipuliertem Abgasverhalten ausgeliefert hat. Und weil Stadler, der seit Ende Mai als Beschuldigter geführt wird, einmal zu viel telefonierte.


Stadler, so viel darf man heute sagen, war sich lange ziemlich sicher, er fühlte sich in seiner Vorstandswelt gut geschützt. Der Mann, der nicht weit vom Audi-Werk in Ingolstadt auf einem Bauernhof aufwuchs, hatte bis dahin eine Traumkarriere. Nach seinem Einstieg Anfang der 1990er-Jahre weckte der scharfe Intellekt des jungen Aufsteigers das Interesse des damaligen Audi-Chefs Ferdinand Piëch.

Der VW-Patriarch nahm Stadler mit nach Wolfsburg und machte den gewieften Strippenzieher zu seinem Bürochef. Fortan ging es für den Betriebswirt nur noch aufwärts: Unter Martin Winterkorn wurde Stadler Finanzvorstand bei Audi, 2007 rückte er auf den Chefsessel in Ingolstadt. Der Marketingexperte übernahm ein Unternehmen in voller Fahrt – und Stadler holte noch mehr raus.

2011 gelang ihm sogar das Kunststück, mehr Autos als Mercedes zu verkaufen, Stadler war auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn.

Doch gleichzeitig hatte in Ingolstadt jener gigantische Betrug seinen Anfang genommen, der zunächst den VW-Konzern an den Rand des Abgrunds und Stadler jetzt hinter Gitter brachte. Audi wollte um jeden Preis den Diesel in den USA salonfähig machen, schaffte aber die Grenzwerte für Stickoxid nicht.

Software statt Adblue

Nur mit dem massiven Einsatz von Adblue, einer dem Abgasstrom zugeführten Harnstoff-Flüssigkeit, wäre das Problem zu lösen gewesen. Doch die Audi-Techniker entschieden sich für einen anderen Weg: Mittels einer von Bosch umprogrammierten Software manipulierten sie die Motoren so, dass sie auf den Rollenprüfständen sauber blieben, auf der Straße aber ungefiltert liefen.

Was Stadler von diesem Treiben wusste, ist bis heute unklar, er beteuerte bis zuletzt seine Unschuld. Seine Untergebenen hätten ihn über Jahre getäuscht, sagte er auch im kleinen Kreis. Eine seltsame Erklärung für jemanden, dem man sonst das Attribut „blauäugig“ nicht zuschreiben würde.

Mindestens so gravierend sind aber die Vorkommnisse seit dem Herbst 2015, nachdem der Skandal publik wurde. Statt aufzuklären, bleibt in Ingolstadt vieles im Dunkeln, auch wenn immer neue Vorwürfe laut werden. „Ich möchte und werde meinen Anteil zur Aufklärung beitragen, ohne Wenn und Aber“, verspricht Stadler im Februar 2018 im Handelsblatt-Interview. Dabei laufen zu diesem Zeitpunkt noch manipulierte Diesel vom Typ A6 und A7 vom Band, wie Stadler später einräumt.


Doch der Aufsichtsrat lässt ihn gewähren. Mehrmals wird er von der US-Kanzlei Jones Day befragt, die Anwälte erstellen im Auftrag der Kontrolleure einen Bericht für das US-Justizministerium. Danach verschwindet dieser in der Schublade, zumindest für die Öffentlichkeit. Die Staatsanwaltschaft München II lässt das Dokument beschlagnahmen. Die Verdachtsmomente gegen Stadler häufen sich: Ein Ex-Motorenentwickler geht in Haft und sagt aus, die Staatsanwaltschaft lässt die Audi-Zentrale während der Jahrespressekonferenz 2017 durchsuchen.

Für die VW-Kontrolleure immer noch kein Grund zu handeln, im Gegenteil: Im Mai 2017 verlängert die von VW dominierte Hauptversammlung Stadlers Vertrag um weitere fünf Jahre – ein Zeichen von Loyalität. Die Stärke dieser Verbundenheit dürfte jetzt von den Staatsanwälten weiter auf die Probe gestellt werden. Stadler, so vermuten diese, könnte noch viel zu sagen haben.