Thyssen-Krupp und Tata formen europäischen Stahlriesen

Thyssen-Krupp und Tata vereinen ihre europäischen Stahlsparten. Tausende Stellen sollen wegfallen, Konzernsitz soll Amsterdam sein. Wie Thyssen-Krupp-Chef Hiesinger den Stahlwerkern den Deal dennoch schmackhaft macht.


Knapp zwei Jahre haben sie miteinander verhandelt, jetzt wollen sie es zusammen versuchen: Thyssen-Krupp und der indische Tata-Konzern planen die Fusion ihrer beiden Stahltöchter in Europa. Eine entsprechende Absichtserklärung gaben beide Konzerne am Mittwochmorgen in Essen und Mumbai ab.

Das neue 50:50-Joint-Venture mit dem Namen Thyssen-Krupp Tata Steel käme auf einen Umsatz von 15 Milliarden Euro, würde gut 21 Millionen Tonnen Flachstahl erzeugen und rund 48.000 Mitarbeiter beschäftigen. Es wäre damit in Europa der zweitgrößte Stahlkocher nach Weltmarktführer Arcelor Mittal. Hauptsitz des neuen Konzerns mit 34 Standorten in Deutschland, den Niederlanden und Großbritannien soll Amsterdam sein. Beide Seiten planen, in den kommenden Jahren rund 4000 Stellen in Produktion und Verwaltung zu streichen, um die angepeilten Synergieeffekte zwischen 400 und 600 Millionen Euro pro Jahr zu erzielen. Dieser Abbau soll gleichermaßen auf beide Partner entfallen.




„Mit dem geplanten Joint Venture geben wir den europäischen Stahlaktivitäten von Thyssen-Krupp und Tata eine nachhaltige Zukunftsperspektive“, sagte Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger. „Die Belastungen für jeden der beiden Partner fallen geringer aus, als sie für beide allein ausgefallen wären.“ Tata-Steel-Chef Natarajan Chandrasekan sprach von einem „Meilenstein“ für beide Partner.

Der Essener Traditionskonzern wird seine gesamte Stahlsparte mit zuletzt 7,6 Milliarden Euro Umsatz in die neue Gesellschaft einbringen. Dazu kommen noch stahlwerksnahe Dienstleistungen, die derzeit noch der Handelssparte Material Services angegliedert sind.


Der Betriebsrat der Thyssen-Krupp-Stahlsparte, Günter Back sagte: „Der Vorstand hat gegen alle Warnungen alles auf eine Karte gesetzt. Das bedeutet nicht, dass wir das gutheißen.“ Ziel müsse es nun sein, „das Schlimmste“ zu vermeiden. Back zeigte sich überzeugt, dass es bei einer Fusion nicht bei dem angekündigten Abbau von rund 2000 Stellen bei Thyssen-Krupp in Deutschland bleiben werde. Am Ende würden einem Zusammenschluss „wesentlich mehr“ Arbeitsplätze zum Opfer fallen, meinte er. Für diesen Freitag haben Betriebsrat und IG Metall zu einer Protestkundgebung in Bochum aufgerufen, zu der mindestens 5000 Stahlkocher erwartet werden.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD) forderte von Thyssen-Krupp und Tata umfangreiche Zusagen für Standorte und Beschäftigte. „Einen Zusammenschluss um jeden Preis darf es nicht geben“, sagte Nahles am Mittwoch in Berlin. Die Standorte in Deutschland müssten erhalten, betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen werden. Außerdem sei es wichtig, dass im Falle eines Zusammengehens der Unternehmenssitz in Deutschland liege. Nur so lasse sich die Montan-Mitbestimmung langfristig sichern.


Börsianer greifen bei Aktien von Thyssen-Krupp und Tata zu

Ähnlich äußerte sich Wirtschaftsministerin Brigitte Zypries (SPD): Das Vorhaben sei „von großer Tragweite für die Region, die Beschäftigten und den Stahlstandort Deutschland“, sagte Zypries. Ein solcher Schritt brauche die Akzeptanz der Beschäftigten, die aber noch nicht überzeugt seien. „Gegen die Arbeitnehmer ist keine tragfähige Lösung denkbar“, unterstrich sie. Zudem gelte mit Blick auf den deutschen Stahlkonzern: „Die Montan-Mitbestimmung ist ein hohes Gut und muss erhalten bleiben.“

Diese Mitbestimmungsrechte der Belegschaft bleiben Thyssen-Krupp zufolge erhalten. Die Gewerkschaft IG Metall hatte dies zuletzt immer als eine wesentliche Voraussetzung für eine mögliche Zustimmung zu dem Deal gefordert.

Mit der jetzt unterzeichneten Absichtserklärung schafft Thyssen-Krupp die Voraussetzungen, um die Arbeitnehmer in die weiteren Verhandlungen einzubinden. Denn die haben sich bislang vehement gegen einen solchen Zusammenschluss gesperrt. Schon in den vergangenen Tagen zeichnete sich ab, dass auf der an diesem Wochenende geplanten Aufsichtsratssitzung des Konzerns die Mitglieder des Kontrollgremiums lediglich über die Absichten des Vorstandes informiert werden.


Eine Abstimmung über die Fusion wird es erst nach einer gegenseitigen Prüfung der Bücher beider Konzerne vermutlich Anfang kommenden Jahres geben. Der tatsächliche Vollzug der Vereinbarung dürfte nach Prüfung der Kartellbehörden vermutlich Ende 2018 erfolgen. Bei den Aktionären kommen die Pläne gut an: Die Papiere von Thyssen-Krupp stiegen bis zum Mittag um knapp vier Prozent.

Der jetzt beschlossene Schritt ist für Hiesinger nur konsequent. Der 57-Jährige drängt die Bedeutung des Stahls im Ruhrkonzern zurück und fördert stattdessen die Technologiegeschäfte. Das ist sein Plan, den er verfolgt, nachdem er Thyssen-Krupp kurz nach seinem Amtsantritt 2011 vor der Pleite gerettet hat. Es waren die missglückten Investitionen in zwei Stahlhütten in den USA und Brasilien, die den Traditionskonzern unter dem Strich rund acht Milliarden Euro gekostet haben.

Hiesinger zeigte sich jedoch überzeugt, dass es gelingen werde, in den bevorstehenden Gesprächen auch die Arbeitnehmerseite von dem Vorhaben zu überzeugen. „Wir wollen den Stahl nicht loswerden“, sagte er. Die Arbeitnehmervertreter hatten zuvor angekündigt, bei einer möglichen Abstimmung im Aufsichtsrat geschlossen gegen eine Fusion stimmen zu wollen. Ein solches Votum wäre ein Novum in der Konzerngeschichte. Zu einer Abstimmung werde es bei der am kommenden Samstag geplanten Sitzung des Aufsichtsrats jedoch zunächst nicht kommen, kündigte Hiesinger an.


Die Krupp-Stiftung als wichtige Großaktionärin begrüßte das Vorhaben. Hiesinger stellte durch die Fusion eine „nachhaltige Zukunftsperspektive“ in Aussicht. Mit dem Zusammenschluss seien beide Unternehmen „weitaus besser aufgestellt, um den strukturellen Herausforderungen von Europas Stahlindustrie zu begegnen“. Durch den Zusammenschluss würden beide Unternehmen von erheblichen Synergien profitieren, hieß es.

In einem Brief an die Mitarbeiter wies Hiesinger auf „erhebliche Überkapazitäten“ in der Stahlbranche hin. Die Nachfrage nach Flachstahl wachse nur sehr langsam. Alle Stahlunternehmen arbeiteten mit Restrukturierungsprogrammen dagegen, heißt es in dem Schreiben, das der Deutschen Presse-Agentur vorlag. „Die Wirkung ist aber nur von kurzer Dauer und schnell vom Markt aufgezehrt.“ Dadurch entsteht eine Abwärtsspirale, die uns dazu zwingt, immer wieder schmerzhaft nachzuziehen.“

Um aus diesem Kreislauf auszubrechen, habe man sich für den Zusammenschluss entschieden. Denn Stahl hat zwar eine lange Tradition bei Thyssen-Krupp. Aber das Geschäft ist konjunkturanfällig – läuft es gut, fließen die Gewinne. Läuft es schlecht, kommen die roten Zahlen, die auch für den gesamten Konzern gefährlich werden können. Dennoch gibt es erhebliche Widerstände gegen die Fusion.


Hiesingers riskanter Spagat


Vor allem die deutschen Arbeitnehmer laufen Sturm gegen die Pläne des Managements. Für viele im Konzern sind Stahl und Thyssen-Krupp untrennbar. „Die Verbundstrategie von Thyssen-Krupp hat viele positive Seiten“, sagt Knut Giesler, Bezirksleiter der IG Metall in Nordrhein-Westfalen. „Sie macht den Konzern krisensicherer.“ Auch die Argumentation Hiesingers, Europas Stahlindustrie komme wegen der Überkapazitäten an einer Konsolidierung nicht vorbei, zieht bei den Arbeitnehmern gar nicht: „Deutschlands Hütten sind voll ausgelastet“, sagt Giesler. „Wenn hier Kapazitäten stillgelegt werden, kommt der Stahl nach einer Fusion mit Tata von dort oder aus China – das macht doch keinen Sinn.“

Dennoch ist auch der Arbeitnehmerseite klar, dass eine Fundamentalopposition nicht zielführend ist. Die weltweiten Überkapazitäten lassen sich nicht wegdiskutieren, und der nächste Abschwung ist in der zyklischen Branche programmiert. Die Alternative wäre eine schon mit dem Finanzinvestor Cevian diskutierte Zerschlagung des Konzerns, indem das Industriegeschäft in eine eigene Gesellschaft ausgegliedert wird. Kaum vorstellbar, dass sich die Arbeitnehmer darauf einlassen werden.

Also gilt es jetzt für Hiesinger, den Stahlwerkern den Deal mit Tata doch noch schmackhaft zu machen. Eine wichtige Rolle bei deren Besänftigung dürfte die Zusicherung einer Beschäftigungs- und Standortssicherung sein. Auch die 50:50-Beteiligung ist ein Zugeständnis an das Arbeitnehmerlager: Je höher der Anteil von Thyssen-Krupp, desto größer ist der Einfluss der Deutschen auf den Kurs des Gemeinschaftsunternehmens – und desto umfangreicher die Mitbestimmungsrechte. Je länger dies garantiert wird, desto besser aus Sicht der Arbeitnehmer.


Schon am Dienstag signalisierten deren Vertreter Gesprächsbereitschaft: Entscheidend sei, wie die neue Gesellschaft finanziell ausgestattet sei, hieß es. Hiesingers Dilemma: Sind seine Zugeständnisse an die Beschäftigten zu groß, riskiert er den Sanierungserfolg der Stahlsparte. Schließlich will er die Kosten durch bessere Auslastung und höhere Produktivität der Werke um rund 500 Millionen Euro pro Jahr drücken. Gelingt das nicht, riskiert er Ärger mit seinen Anteilseignern. „Mit jeder Wohltat für die Arbeitnehmer verschlechtert sich die Kostensituation“, heißt es warnend aus Kreisen des aktivistischen Investors Cevian, mit gut 15 Prozent der zweitgrößte Investor des Industriekonzerns nach der Krupp-Stiftung, die 23 Prozent hält. Für Hiesinger ein riskanter Spagat.

Der jetzt geplante Zusammenschluss mit Tata verschafft dem hochverschuldeten Ruhrkonzern finanziell Luft: Durch eine bilanzielle Neubewertung nach Abschluss der Transaktion würde sich das Eigenkapital und damit auch dessen Verhältnis zur Nettoverschuldung deutlich verbessern. Nach einer Modellrechnung des Bankhauses Lampe könnte der Buchgewinn bis zu drei Milliarden Euro betragen. „Thyssen-Krupp wäre damit aus dem Gröbsten raus“, sagte Lampe-Analyst Marc Gabriel.