#ThinkingForward: Wie sich Toto Wolff die Zukunft der Formel 1 vorstellt

James Allen
·Lesedauer: 6 Min.

Seit dem Rückzug von Frank Williams im Jahr 2020 ist Toto Wolff der erfolgreichste aktive Teamchef der Formel 1. Seine Verantwortung bei Mercedes umspannt neben dem Formel-1-Team auch die Formel E, aus der sich die Mercedes-Rivalen BMW und Audi erst kürzlich überraschend zurückgezogen haben.

Wie also sieht der nunmehr siebenmalige Weltmeister-Teamchef die Zukunft der Formel 1 und der Formel E, und wie stellt er sich den Motorsport von morgen vor? In der neuesten Ausgabe unserer Interviewserie #ThinkingForward sprechen wir mit ihm über die zukünftige Rolle von Automobilherstellern im Motorsport, den Showdown zwischen Hybrid- und Elektro-Rennserien um die Vormachtstellung und eine mögliche Gehaltsobergrenze für die Fahrer der Formel 1.

Frage: "Toto, Concorde-Agreement, Einführung einer Budgetobergrenze, ein erfolgreicher Start aus dem Corona-Lockdown: Glauben Sie, dass die Formel 1 durch die Lehren aus der Krise jetzt vielleicht sogar besser aufgestellt ist als davor? Und wird das dabei helfen, die Zukunft der Formel 1 zu gestalten?"

Toto Wolff: "Nun, für den Sport war das offensichtlich ein sehr schwieriges Jahr. Aber auch auf der persönlichen Ebene wird niemand am Silvesterabend dasitzen und sagen: 'Das war ein tolles Jahr!'"

"Aber, und das entspricht auch der Mentalität in unserem Team, aus den schmerzhaftesten Situationen kann man am meisten lernen. So gesehen stimme ich zu, dass der Sport gestärkt aus dieser Krise hervorgehen wird."

"Wir haben es geschafft, trotz allem einen Kalender auf die Beine zu stellen, und das lag daran, dass die FIA, die FOM und die Teams sehr konstruktiv zusammengearbeitet haben. Und wir haben die Kosten reduziert. Wir sind eine der wenigen Sportarten auf der Welt, der das gelungen ist. Und ich glaube, dass uns das für die Zukunft stärken wird."

Formel 1 "auf einem sehr guten Kurs"

Frage: "Aus strategischer Sicht wäre es ein Erfolg für die Formel 1, wenn die Teams, die FIA und die Formel 1 alle die gleichen Ziele verfolgen, wie sie sich die Formel 1 vorstellen. Und die Fans dieses Produkt und die Persönlichkeiten dann interessant finden. Vor fünf Jahren hätte wohl niemand gesagt, dass sich die Formel 1 diesbezüglich auf einem guten Weg befindet. Und jetzt?"

Wolff: "Ich denke, dass wir entgegen aller Befürchtungen auf einem sehr guten Kurs sind."

"Wir wachsen, und zwar sowohl im frei empfangbaren Fernsehen als auch im Pay-TV. Und wir haben eine sehr erfolgreiche Kooperation mit Netflix, wodurch wir ein neues Publikum erreichen. Social Media ist ein Bereich, der sehr stark wächst. Da sind wir weltweit der am stärksten wachsende Sport, obwohl wir von einem niedrigeren Niveau kommen als unsere amerikanischen Gegenüber."

"Das am stärksten wachsende Segment sind die 15- bis 36-Jährigen. Wir sehen und spüren jeden Tag, dass unser junges Publikum größer wird. In der Hinsicht sind wir auf jeden Fall besser aufgestellt als vor fünf Jahren."

Toto Wolff hat Norbert Haug 2013 als Mercedes-Sportchef abgelöst

Toto Wolff hat Norbert Haug 2013 als Mercedes-Sportchef abgelöst<span class="copyright">Motorsport Images</span>
Toto Wolff hat Norbert Haug 2013 als Mercedes-Sportchef abgelöstMotorsport Images

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"Natürlich dürfen wir dabei nicht auf OEMs oder Teams vergessen, die solche Beziehungen heute noch nicht haben, damit dabei nicht am Ende eine zu große Diskrepanz entsteht. Aber wir müssen uns jetzt darauf verständigen, wie wir die langfristige Zukunft gestalten wollen. 80 Prozent der Teams haben schon solche Partnerschaften. Ich hoffe, dass in Zukunft alle auf unterschiedliche Weise davon profitieren können. Aus den Gründen, die ich gerade genannt habe."

Was man in der Formel 1 mit Geld nicht kaufen kann

Frage: "Im Bereich der Automobilhersteller hat es dieses Jahr einiges an Bewegung gegeben. Honda hat entschieden, dass die Formel 1 nicht länger ins Konzept passt. BMW und Audi sind aus der Formel E ausgestiegen. Ist das ein natürliches Kommen und Gehen von Herstellern im Motorsport? Oder der Anfang einer größer angelegten Neubewertung des Motorsports für die Automobilbranche?"

Wolff: "Ich denke, dass es mehrere Gründe für dieses Kommen und Gehen gibt."

"Der wichtigste ist der Return on Investment. Wenn es nicht möglich ist, einen Return zu generieren, sei es durch Branding oder Marketing, oder auch durch Technologietransfer, oder ganz direkt finanziell, dann wird dich dein Vorstand früher oder später fragen: 'Warum machen wir das eigentlich?' Das ist ganz klar."

"Du musst etwas zurückbekommen. Wenn der Return für eine Branche nicht gut genug ist, oder nicht so gut ist wie in anderen Sparten, dann wirst du eines Tages unweigerlich den Stecker ziehen. Außerdem: Wenn ein Projekt nicht erfolgreich ist und damit nicht einmal für die Marke positiv abstrahlt, würde ich als Vorstand auch nicht anders entscheiden."

Toto Wolff gehört inzwischen zu den mächtigsten Männern in der Formel 1

Toto Wolff gehört inzwischen zu den mächtigsten Männern in der Formel 1<span class="copyright">Motorsport Images</span>
Toto Wolff gehört inzwischen zu den mächtigsten Männern in der Formel 1Motorsport Images

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"Elon Musk ist der Marketingchef und erste Cheerleader seines Unternehmens. Er steht für das Ausloten von Grenzen, für Innovation, für Unternehmertum. Er ist ein Rockstar, könnte man sagen. Und sie waren ein Pionier auf dem Gebiet der Elektromobilität. Sie brauchen keine Marketingplattfirmen, weil Tesla und ihr Eigentümer und CEO selbst das beste Marketing sind."

"Unternehmen, die eine viel längere Historie in der Automobilbranche haben, haben immer Marketingplattformen genutzt, um ihre Marken auf eine bestimmte Weise emotional zu beladen. Genau dafür sind diese Plattformen relevant."

"Mercedes hat in den vergangenen Jahren definitiv vom Erfolg in der Formel 1 profitiert. Wir sind sportlich, haben heute ein sportliches Image, werden als dynamisch wahrgenommen. Es geht alles ums Teamwork und den Mindset dahinter, und um die globale Plattform. Wenn dazu jetzt noch der allerwichtigste Faktor kommt, nämlich gute Autos, dann greift das alles wunderbar ineinander. Dann profitieren die Marke, das Marketing und letztendlich die Autoverkäufe von diesen Aktivitäten."

"Es liegt alles an der eigenen Entscheidung: Welche Marketingplattform möchte ich nutzen? Und wie kann ich den emotionalen Faktor in die Entscheidung führen, ein Auto zu kaufen?"

Warum der Verbrenner noch eine Zukunft hat

Frage: "Die Strategie der Formel 1 ist, an nachhaltigen Treibstoffen zu arbeiten und weiter auf Verbrennungsmotoren mit Hybridantrieb zu setzen, die noch lange fahren werden, nachdem Regierungen Neuzulassungen von Verbrennern längst verboten haben. Wie wird das von den Herstellern wahrgenommen? Und werden Sie in zehn, 15 oder mehr Jahren immer noch Verbrennungsmotoren bauen?"

Wolff: "Ich denke, wir haben aus den vergangenen paar Jahren gelernt, dass nicht vorhersehbar ist, wohin sich die Industrie bis 2030 entwickeln wird."

Toto Wolff hat mit Mercedes bereits sieben Konstrukteurstitel gewonnen

Toto Wolff hat mit Mercedes bereits sieben Konstrukteurstitel gewonnen<span class="copyright">Motorsport Images</span>
Toto Wolff hat mit Mercedes bereits sieben Konstrukteurstitel gewonnenMotorsport Images

Motorsport Images

"Mit Stefano Domenicali, der reinkommt, haben wir eine zusätzliche Leadership-Komponente, und Chase (Carey; Anm. d. Red.) ist auch noch da. So gesehen glaube ich, dass wir alle zusammen, alle Stakeholder, den Sport in eine strahlende Zukunft führen können."

"Wir sehen die ersten Erfolge, die wir mit den verschiedenen Schritten in den vergangenen zwei Jahren eingeleitet haben, und ich glaube, dass der Sport in sieben Jahren in einer fantastischen Position sein könnte. Damit meine ich, dass die Teams nachhaltig aufgestellt sein werden, sowohl finanziell als auch technologisch, und sie werden großartige Unterhaltung bieten. Das ist die Zukunft, in der ich bleiben möchte."

"Ich bin stolzer Miteigentümer dieses Teams, gemeinsam mit Mercedes. Aber meine Rolle könnte sich in Zukunft verändern. Ich bin jetzt in meinem achten Jahr als Teamchef. Ich kann mir vorstellen, dass noch eine Zeit lang zu machen, aber vielleicht werde ich in den nächsten paar Jahren irgendwann in eine andere Funktion wechseln. Ich habe mich da noch nicht entschieden."

"Es geht darum, die organisatorische Struktur der Zukunft zu identifizieren, die richtigen Personen dafür zu entwickeln. Erst wenn das so weit ist, werde ich meine Rolle verändern."

Mit Bildmaterial von Motorsport Images.