Warum Tesla-Fahrer an Autobahn-Raststätten unbeliebt sind

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Warum Tesla-Fahrer an Autobahn-Raststätten unbeliebt sind

An Raststätten prallen PS-Freaks und Tesla-Jünger aufeinander. Die einen regen sich über Ladesäulen auf, die Parkplätze blockieren – die anderen über ewiggestrige Diesel-Fahrer. Szenen eines Kulturkampfes.


Andreas Schimanski hätte jetzt eine halbe Stunde, um ein bisschen zur Ruhe zu finden. Ein Pott Kaffee vielleicht, 2,50 Euro, ein Stückchen Kuchen zum gleichen Preis oder eine Brezel. Gerade kommt er von einem Termin aus Hannover, jetzt ist Schimanski auf dem Heimweg zu seinem Haus in den Weinbergen des Elsass.

Eine lange Reise, da könnte ihm die Pause am Rasthof Achern, ein paar Kilometer vor Straßburg, gerade recht kommen. Doch Schimanski bleibt lieber in seinem Auto sitzen. „Ich halte mich einfach nicht so gerne da drinnen auf“, sagt Schimanski und wendet sich wieder dem Display seines Tesla Model S zu. Langsam wechselt der Ladebalken die Farbe. Rot, Orange, Gelb, Grün. 22 Minuten, geschafft. Schimanski macht die Türe zu und fährt davon.

Da drinnen ist Björn Lang vom Kaffeeautomaten bis zum Bockwurstwasser für alles verantwortlich. „Wenn ich dürfte, ich würde diese Ladestationen heute wieder abbauen“, sagt Lang, Pächter des Rasthofs Achern, und gibt einen langen Seufzer von sich. „Darf ich aber leider nicht.“



An deutschen Raststätten spielen sich erstaunliche Szenen ab. Während die Politik noch diskutiert, wie sich der Elektromobilität zum Durchbruch verhelfen lassen könnte, tobt hier schon der Kulturkampf zwischen der neuen und der alten Autowelt. An 59 Rasthöfen im ganzen Land hat der US-Konzern Tesla vor gut zwei Jahren seine Supercharger aufstellen lassen. So soll die Infrastruktur gerichtet sein, wenn Ende Juli die ersten Modelle des neuen Tesla bei den Kunden ankommen. Innerhalb von knapp 30 Minuten wird dann an den Autobahn-Säulen der Akku des Autos aufgeladen. Um die Standorte hatten sich Dutzende Unternehmen beworben. Die Regensburger Firma Euro Rastpark war eine der wenigen, die den Zuschlag erhielten. „Unsere Erwartungen haben sich leider nicht erfüllt“, sagt Johannes Witt, Geschäftsführer des Unternehmens, zu dem auch der Rasthof in Achern gehört. Statt guter Geschäfte bescheren ihm und den meisten Kollegen die Tesla-Kunden einen veritablen Kulturkampf.

Tankstellen-Renaissance vertagt

Dabei hofft nicht nur Witt, sondern die ganze Branche der Rasthofbetreiber auf eine Renaissance durch die Elektromobilität. Tankstellen, das waren in den ersten Jahrzehnten der Automobilität die Kathedralen des Fortschritts. Wer hier anhielt, um seinen Wagen betanken zu lassen, der war nicht nur was, weil er es sich offensichtlich leisten konnte, da schwang immer auch eine Prise Entdeckermut drin. Wer ein Auto fuhr, der traute sich tatsächlich in die Höllenkisten, mit denen jährlich Dutzende Rennfahrer verunglückten und deren Geschwindigkeit den meisten Menschen per se nicht geheuer war. Bis heute füllen die architektonischen Entwürfe der frühen Zapfanlagen atemberaubende Bildbände. Erst im vergangenen Jahr widmete der Berliner Performancekünstler Friedrich Liechtenstein ihnen eine zehnteilige Dokumentationsreihe. „Tankstellen des Glücks“, fünf Stunden Zündkerzenromantik, eine lange Nacht pure Nostalgie.



Denn diese Zeiten sind lange vorbei. An den meisten Raststätten sieht es heute so aus wie in Achern. Inmitten einer riesigen Parkfläche ein verschachtelter Zweckbau, einstöckig, ein separater Eingang führt zu den Toiletten ums Eck. Drinnen dann das Gewusel der nichtigen Nützlichkeiten. Duftbäume, Autokarten, Wischerblätter. Wer es trotzdem noch einen Gang weiter schafft, gelangt in den Essbereich, in dem sich jeder Kantinenkenner umgehend zu orientieren weiß.

„Unser Angebot ist sehr stark auf die Kunden zugeschnitten“, sagt Witt und meint damit Fernfahrer und alle anderen, die ihr Geld damit verdienen, dass sie es noch weit haben und eigentlich längst los sein müssten. Mit Fortschritt, Innovation oder gar Avantgarde hat hier keiner viel am Hut.



Anekdoten eines Kulturkampfes

Als Tesla vor drei Jahren groß auf den deutschen Markt drängte, da ließen die Apple-Jünger fast ihr Smartphone links liegen. Die Gefährte hatten nicht nur Displays groß wie Macs und Flügeltüren wie das Batmobil, sie konnten sogar von selbst fahren. Auf einmal waren Autos wieder all das, was sie einst verkörperten. Schnell sein, Reichtum repräsentieren und dabei noch einen visionären Lebensentwurf darstellen. Hieß das nicht auch für die Raststätte, willkommen am Treffpunkt der Avantgarde?

Witt zumindest hat das geglaubt: „Wir haben große Hoffnungen in die Supercharger gesetzt“, sagt er. Zum einen weil eine halbe Stunde Akkuladen einfach deutlich länger ist als drei Minuten Dieselsaugen. Und wo Zeit ist, da ist auch die Bereitschaft, Geld auszugeben.

Doch nach drei Jahren lässt sich sagen: Der Plan ist gescheitert. Während der Unternehmenschef Witt dafür noch höfliche Worte findet, geht es am Nebentisch wüster zu. Der Chef ist nicht ohne Grund von seinem Büro in Regensburg quer durchs Land bis an die französische Grenze nach Achern gereist, einmal im Jahr versammelt er alle seine Pächter um zu hören, wie deren Geschäfte so laufen und wo die größten Sorgen liegen. Die Ersten haben sich an dem lauen Sommerabend schon zu einem Bier zusammengefunden. Sobald das Wort Tesla fällt, bricht ein Sturm der Empörung los. Zieht man die Schimpfworte ab und die Plattitüden, dann bleiben ein paar Anekdoten hängen.



Da ist die Pächterin, die auf dem Parkplatz vor ihrem Rasthof einen Flohmarkt organisierte. „Als einer der Händler zum Aufbau am Supercharger gehalten hat, stürmte ein Tesla-Fahrer ins Geschäft“, erinnert sie sich, „und hat mich wild beschimpft, ich solle sofort den Platz räumen – dabei waren noch zehn Stationen frei.“ Andere Pächter beschweren sich darüber, „noch nicht ein einziges Mal hat einer von denen was bei mir gekauft“. Einer von ihnen war gar selbst so leichtsinnig, seinen Wagen für ein paar Minuten an den Superchargern abzustellen. „Kurze Zeit später war ein Bild davon bei Facebook, da drunter stand: „Scheiß Verpenner“.

„Verpenner“, ist dabei nicht nur die Verballhornung des Verbrennungsmotors, sondern auch ein generelles Codewort für all die Ewiggestrigen, die noch nicht verstanden haben, was die Stunde geschlagen hat.


Als sich der Sturm der Empörung unter den Tankstellenpächtern gelegt hat, kommt der Chef Witt auch mal wieder zu Wort. „Auch wenn wir alle ein bisschen enttäuscht sind, jetzt müssen wir natürlich dranbleiben am Thema Elektromobilität“, sagt er. Es stimmt, dass die Ladestellen meistens leer bleiben, die wenigen Nutzer nichts konsumieren und trotzdem Parkraum verbrauchen. Wenn aber der Durchbruch der Elektromobilität kommt, „dann werden diejenigen im Vorteil sein, die sich am Anfang als Knotenpunkte etabliert haben“, sagt Witt. Ein zartes Nicken kann der eine oder andere aus der Pächterriege dann doch nicht zurückhalten.

Selbst Andreas Schimanski, der nicht nur Tesla-Fahrer, sondern im Hauptberuf auch Inhaber einer Beratungsfirma für erneuerbare Energien ist, sagt irgendwann während des Ladevorgangs am Rasthof Achern: „Ein-, zweimal bin ich doch eingekehrt, als ich ein bisschen kaputt war. Das Essen hat eigentlich auch gut geschmeckt.“



KONTEXT

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Tesla Model S 60 

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