Terror! Diesel! Flüchtlinge! Wie wir uns die Welt schön reden…

Jan Rübel
Reporter bei Zeitenspiegel Reportagen
Flüchtlinge warten 2015 an der deutsch-österreichischen Grenze (Bild: dpa)

Sag mir, worüber du sprichst: Es verrät eine Menge. Zum Beispiel, dass wir den Malus stets beim Anderen suchen. Über eine deutsche Meisterleistung.

Ein Kommentar von Jan Rübel

Mit diesen drei durch Ausrufezeichen schwer behangenen Wörtern titelt in diesen Tagen die „Bild“-Zeitung und meint, unser Gemüt genau erkannt zu haben. Vielleicht hat „Bild“ recht – aber anders, als die Redakteure womöglich meinen.

Terror. Diesel. Flüchtlinge. Das also seien die Themen, mit denen sich Kanzlerin Angela Merkel (CDU) im Endspurt des Bundestagswahlkampfs herumzuschlagen hat, laut den Auguren des Massenblatts.

Terror, weil ein Mensch in Hamburg auf andere einstach und man davon ausgehen muss, dass er damit einen Anschlag verüben wollte, und dass seine islamistische Weltanschauung dafür den Ausschlag gab. Wie viel die Psyche, offenbar erkrankt, eine Rolle spielte, wird eher ausgeblendet. Aber die „Lügenpresse“ ist Meister im Ausblenden, nur im Gegenteil dessen, wie es die Erfinder dieses Wortes meinen.

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Diesel, weil Autokonzerne offenbar Absprachen trafen, um Kunden um Geld und Gesundheit zu betrügen, von der Natur als stillem Opfer ganz zu schweigen – und weil die Politik, namentlich Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU), tatenlos zuschaut.

Flüchtlinge, weil nicht davon auszugehen ist, dass die Miseren und die Konflikte auf diesem Planeten derart schrumpfen werden, dass die Verdammten dieser Erde nicht rettende Ufer anstreben werden; dass in mittelfristiger Zukunft nicht wieder Fliehende nach Deutschland eilen.

Ich persönlich finde ja, dass es viele Probleme gibt, also Themen in einem Bundestagswahlkampf, da braucht es keine Reduzierung auf drei Schlagworte. Über Steuern redet kein Hund, über Schulden in der Zukunft, die Gestaltung der Renten für die kommenden Generationen und Investitionen in die langsam dahinrottende Infrastruktur keine Katze und über die Gestaltung von Gerechtigkeit und Freiheit in der globalisierten Gesellschaft kein Meerschwein(chen). Wenn indes „Bild“ meint, Terror, Diesel und Flüchtlinge seien die aktuellen Leitplanken des deutschen Gemüts, dann können wir uns das ja mal anschauen.

Was uns bewegt

Terror, mit ihm müssen wir nicht leben, wir müssen ihn nicht wie ein Naturgesetz akzeptieren, sondern dagegen lässt sich etwas unternehmen. Doch dies ist mehr Arbeit der Sicherheitsbehörden, die übrigens einen guten Job machen. Die Rechnung jedenfalls, weniger Muslime im Land bedeute weniger Anschlagsgefahr, wäre eine akute Schulklassenversetzungsgefährdung in einer globalisierten Welt.

Diesel, sicherlich ein großes Wahlkampfthema. Ist es jedoch nicht niedlich, wie „Bild“ dieses Wort einrahmt zwischen „Terror“ und „Flüchtlingen“, im Grunde verpackt und versteckt? Es ist auch ein hausgemachtes Problem, ein deutsches Fehlversagen. Da ist es angenehmer, auf äußere, nicht selbst verschuldete Probleme zu verweisen. Herablassend gegenüber anderen und bei sich selbst wegschauend – das ist keine Beleidigung des deutschen Gemüts, sondern eine Zustandsbeschreibung.

Flüchtlinge, wirklich das große Thema unserer Zeit? Es kleinzureden täte Unrecht, aber bisher hat Deutschland die große Herausforderung der Aufnahme von so vielen Geflohenen seit 2015 gut gemeistert. Auch hier halten uns die Medien den Spiegel vor, irgendwie können wir den Ausländern dankbar sein, halten sie doch her für unsere geliebten Ängste – und dies belegt eine aktuelle Medienstudie.

Und nun zu den Fakten

Von Januar bis April 2017 untersuchten Wissenschaftler Zeitungsartikel und Fernsehberichte. Das Ergebnis: „Die deutschen Medien haben den gewalttätigen Einwanderer als Angstfigur neu entdeckt”, bilanzierte Thomas Hestermann, Journalismus-Professor an der Hochschule Macromedia. In der August-Ausgabe des Medienmagazins „journalist“ stellte er die Ergebnisse seines aktuellen Forschungsprojekts vor, das er in Zusammenarbeit mit der Freiwilligen Selbstkontrolle Fernsehen und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen verantwortet.

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In der Pressemitteilung des Medienmagazins heißt es: „Von den vier überregionalen Zeitungen und acht reichweitenstärksten deutschen Fernsehsendern, die in der Studie untersucht wurden, fiel besonders die „Bild“-Zeitung auf. Im untersuchten Zeitraum zwischen Januar und April 2017 berichtete „Bild“ vor allem dann über Ausländer, wenn diese einer Straftat verdächtigt werden – das war in 64,3 Prozent der Berichte der Fall. „Süddeutsche Zeitung“ (39,5 Prozent) und „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (38,2 Prozent) thematisieren seltener Kriminalität. Nur in der „taz“ geht es mit 18,6 Prozent der Artikel über Nichtdeutsche deutlich weniger um Straftaten. Die Berichte der meistgesehenen Fernsehnachrichten beziehen sich in 52,2 Prozent der Fälle auf Kriminalität.

In der Fernsehberichterstattung habe sich der Anteil der Berichte, in denen Gewalt nichtdeutscher Tatverdächtiger thematisiert wird, seit 2014 vervierfacht – während der Anteil nichtdeutscher Tatverdächtiger in der Kriminalstatistik lediglich um ein Drittel anstieg. Im Gegensatz dazu wird im Fernsehen heute nur halb so oft über nichtdeutsche Opfer von Gewalttaten berichtet wie 2014, obwohl die Statistik des Bundeskriminalamts einen Anstieg nichtdeutscher Gewaltopfer verzeichnet.

Ein weiteres Ergebnis der Studie: Wenn es in den Medien um Geflüchtete und Zuwanderer geht, bleibt die Sicht der Betroffenen meist außen vor.

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