„Die Telekom ist eine Großbaustelle“

Die Telekom bewirbt bei der Hauptversammlung die Übernahme des US-Mobilfunkers Sprint. Doch Aktionärsvertreter bleiben skeptisch.


Timotheus Höttges möchte heute über Unternehmertum sprechen. Oft sei die Neigung groß, auf Risikovermeidung zu setzen, erklärt er, statt auf Chancen der Zukunft. Unternehmertum, betont der Telekom-Chef, brauche aber beides.

Dass diese Botschaft an die Aktionäre ankommt, ist wichtig. Denn dem Konzern stehen spannende Zeiten bevor: Er plant die größte Übernahme seit Jahren. Die Deutsche Telekom will über ihre Tochter T-Mobile US den amerikanischen Mobilfunker Sprint übernehmen.

Die Telekom zahlt dem bisherigen Eigentümer von Sprint, dem japanischen Konzern Softbank keine große Übernahmesumme. Stattdessen behält Softbank seine Anteile an dem fusionierten Unternehmen, gibt aber die Kontrolle an die Bonner ab.


Damit kann die Telekom die Ergebnisse des dann deutlich größeren Mobilfunkers am Markt in ihrer Bilanz konsolidieren – und so von dessen guten Kunden-, Umsatz- und Ergebniswachstum profitieren.

Allerdings bringt Sprint auch einen gewaltigen Schuldenberg mit in die Ehe ein: rund 30 Milliarden Euro. Und die Telekom muss die Integrationskosten stemmen, die sie selber auf rund 15 Milliarden Dollar schätzt. Zwar erklärt der Konzern, durch die Fusion könnten 43 Milliarden Dollar Synergieeffekte gehoben werden, doch treibt sie auch die relative Verschuldung in die Höhe und gefährdet das Rating.

Aber Unternehmertum brauche: „die Nummer sicher“, rief Telekom-Chef den Aktionären auf der Hauptversammlung zu., „und die Nummer gut möglich.“

Das Geschäft in den USA sei das beste Beispiel dafür. Zwar gebe es keine Möglichkeit ohne Risiken. Aber „nur wer sie eingeht, eröffnet sich den nächsten Horizont.“ Und die Telekom sei gleichzeitig nicht leichtsinnig.


Er bekommt sanften Szenenapplaus aus dem sonst eher verhaltenen Publikum. Höttges Wachstumsperspektive kommt an – aber bei einigen bleibt die Skepsis.  

Noch ist die Übernahme von den Kartellbehörden jedoch nicht genehmigt – und die Investoren der Deutschen Telekom machen sich Sorgen. „Es steht noch in den Sternen, ob die in Aussicht gestellten Synergien tatsächlich gehoben werden können oder ob man stattdessen auf einem gigantischen Schuldenberg sitzen bleibt“, merkt Ingo Speich an, Portfoliomanager bei Union Investment.

„Wir haben die Sorge, dass die Dividendenwachstumsstory der T-Aktie, die wir in den letzten Jahren gesehen haben, durch den Deal in den USA in Gefahr gerät“, sagt er.


Wie die Dividendenstrategie aussieht, wird der Konzern kommenden Donnerstag bei seinem Kapitalmarkttag erklären. Speich äußerte auch angesichts vieler anderer Herausforderungen im Konzern – etwa im Breitbandausbau oder Problemen bei T-Systems Bedenken: „Die Telekom ist gerade ein Großbaustelle“, so Speich.

Die Telekom will in diesem Jahr 12,5 Milliarden Euro investieren, davon rund fünf Milliarden in Deutschland. Diese Ankündigung hatte im Februar dafür gesorgt, dass die Aktie an Wert verloren hat, obwohl die Bilanz des vergangenen Jahres gut war. „Ich weiß, einige von euch, sehen die hohen Investitionen kritisch“, sagte Telekom-Chef Höttges.

Er wüsste auch, es sei ein schwieriges Jahr für die Telekom-Aktie gewesen. Die gesamte Branche sei gerade sehr niedrig bewertet. Natürlich sei er nicht zufrieden damit, erklärte der Vorstandschef und betonte aber sein derzeitiges Mantra, das Unternehmen wachse in 95 Prozent seiner Geschäfte. Kein anderes Telekommunikationsunternehmen habe ein Wachstumsprofil wie die Telekom auf beiden Seiten des Atlantiks.


Höttges ließ es sich auch nicht nehmen, auf die zu schießen, die sonst ihn angreifen. An alle, die er die Telekom für deren Breitbandausbau kritisieren, richtete er die deutlichen Worte: „Ohne die Deutsche Telekom würde im Internet in Deutschland gar nichts funktionieren.“

Das es Wettbewerber gibt, die das absolut verneinen würden, muss dem Manager klar sein. Vor allem da Vodafone derzeit vorhat, durch die Übernahme des Kabelanbieters Unitymedia selbst ein deutschlandweites, schnelles Breitbandnetz zu schaffen.

Das ist zwar nicht so weitverzweigt wie das der Telekom, würde aber zusammen immerhin rund 13 Millionen Haushalte versorgen und könnte noch einmal etwa 10 Millionen Haushalte erreichen.

Thomas Hechtfischer, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), wollte angesichts der Übernahme daher auch wissen, welche Auswirkungen das auf die Telekom hat.

Höttges erklärte dazu, es sei ihm wichtig zu betonen: „Wir lieben Wettbewerb und niemand soll uns beschützten. Wir wollen nur die gleichen Bedingungen wie die anderen.“

Angesichts des geänderten Wettbewerbsumfeld müsse man aber die Frage stellen, ob sich nicht die Regulierung ändern müsse. Schließlich würden die beiden Kabelunternehmen dann 70 Prozent aller Fernsehkunden bündeln.

Stefan Ten Doornkaat von der  Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SDK) forderte zudem genauere Erläuterungen zum Fall Toll Collect: Wie das Handelsblatt zuerst berichtete, haben sich die Telekom und Daimler als Betreiber des LKW-Maut-Systems mit dem Bund auf eine Zahlung von 3,2 Milliarden Euro geeinigt.

Damit geht ein 14 Jahre andauernder Rechtsstreit um die verspätete Einführung zu Ende. Höttges erklärte dazu, de facto zahle die Telekom nun noch 550 Millionen Euro. Er hatte am Rande der Veranstaltung bereits gesagt, die Einigung wäre fair für alle Seiten.

Wie bereits in den vergangenen Jahren lobte Aufsichtsratschef Ulrich Lehner Höttges und den Rest des Vorstands. Sie hätten eine „klare Strategie für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens zu sichern.“

Diese Klarheit schreibt der Vorstandschef dem Konzern auch selber zu. Die Digitalisierung gleiche einem Meer an Möglichkeiten, sagt er zum Schluss seiner Rede. „Es ist kraftvoll. Es ist unendlich. Es ist einladend.“

Die größte Herausforderung sei vielleicht die, unter den vielen Möglichkeiten die jeweils richtige zu finden.  Aber: „Die Telekom ist auf diesem Meer mit einem klaren Kompass unterwegs.“ Warum der Konzern dann statt eines Fernrohres einen großen Plastikbaum auf der Bühne platziere blieb indes bis zum Schluss unklar.