Wie ein Teenager zum Miteigentümer des Drogeriekonzerns dm wurde

Kinder an die Macht: Ein Teenager wird Miteigner des größten deutschen Drogeriekonzerns dm. Beim Wettbewerber Rossmann greift die nächste Generation schon durch.

Käme der neue Miteigentümer der Drogeriekette dm auf die Idee, sich in einer seiner Filialen vorzustellen, er würde wohl allenfalls zweifelnde Blicke kassieren. Garniert mit der Frage: Dir soll der Laden gehören? Dir?!

Nein, es geht nicht um Götz Werner, der gemeinhin als Schöpfer und Eigentümer des Shampoo- und Spüli-Imperiums gilt, auch wenn er seine Geschäftsanteile schon vor Jahren in eine Stiftung eingebracht hat. Werner würden sie in den Filialen erkennen. Genießt der „Professor“, wie er intern genannt wird, doch längst Prominentenstatus und wird als Vorzeigeunternehmer gefeiert.

Kaum bekannt ist dagegen, dass Werner vor Jahrzehnten den Unternehmer Günther Lehmann als Co-Gesellschafter an Bord holte. Unbemerkt von der Öffentlichkeit hat Lehmann die dm-Anteile vor einigen Monaten auf seinen Sohn übertragen. Die Folge: Die Hälfte des Drogeriereichs mit europaweit mehr als 56.000 Beschäftigten und über 3300 Filialen gehört jetzt einem Teenager.

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Lehmann ließ eine Anfrage dazu unbeantwortet. Einträge im Handelsregister belegen jedoch den Wachwechsel. Details über den Youngster sollen zu dessen Schutz nicht veröffentlicht werden.

Nur so viel: Schon 1974 beteiligte sich sein Vater an dm. Damals hatte Werner gerade seine ersten zwei Drogeriemärkte eröffnet – und das Potenzial des Konzeptes erkannt. Die Kunden waren begeistert, die Umsätze stiegen. Doch für den großen Wurf fehlten Werner die Mittel. Lehmann, damals Gesellschafter der badischen Supermarktkette Pfannkuch, sprang ein. Im Gegenzug bekam er 50 Prozent der Anteile am Unternehmen.

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Inzwischen taxiert das Magazin „Forbes“ das Vermögen des 76-Jährigen auf 2,8 Milliarden Dollar. Der größte Teil dürfte auf die dm-Beteiligung entfallen. Die liegt nun in den Händen seines Sohnes – auch wenn der damit zunächst wenig anfangen kann.

„Die Geschäftsausrichtung von dm“, werde durch die „Veränderung nicht beeinflusst“, sagt Unternehmenschef Erich Harsch. Im Aufsichtsrat wacht weiter der Senior über den Geschäftsgang. Zudem hat ein Düsseldorfer Wirtschaftsprüfer eine sogenannte Pflegschaft zum Wohle des Jungmilliardärs übernommen und soll dessen Interessen bei einzelnen Rechtsgeschäften wahren. Erst in ein paar Jahren könnte sich der Filius daranmachen, eine eigene Agenda umzusetzen.

Umdenken bei Rossmann

Ein anderer Gründersohn spielt indes schon heute eine gewichtige Rolle bei dm: Christoph Werner. Er ist in der Geschäftsführung zuständig für Marketing und Beschaffung. Mit Lieferanten feilscht der 44-Jährige regelmäßig um bessere Konditionen. Gleichzeitig baut er das Onlinegeschäft aus und hält den Erzrivalen Rossmann auf Trab.

Auch dort gewinnt der Nachwuchs sukzessive an Einfluss. Schon vor Jahren hat Unternehmensgründer Dirk Roßmann die Mehrheit seiner Beteiligungsgesellschaft, in der auch die Anteile an der Drogeriekette gebündelt sind, auf seine Söhne übertragen. Daniel Roßmann kümmert sich um Expansion und Immobilien des Händlers. Sein Bruder Raoul ist für Einkauf und Marketing sowie das Onlinegeschäft verantwortlich.

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Gerade erst hat er einen Pakt mit dem US-Versandgiganten Amazon geschlossen. Deos, Duschgel und rund 5000 weitere Artikel aus dem Rossmann-Sortiment können Kunden in Berlin nun über Amazons Schnelllieferdienst Prime Now ordern.

Dabei musste der 32-Jährige wohl auch intern Überzeugungsarbeit leisten: Vater Dirk hat sich bislang nicht als Amazon-Fan geoutet. Im Gegenteil: „Konzerne wie Amazon zahlen kaum Steuern in Deutschland und haben damit einen Wettbewerbsvorteil gegenüber lokalen Händlern“, wetterte Roßmann noch vor einem Jahr im Interview mit der WirtschaftsWoche. „Das muss ich nicht noch unterstützen.“

Neue Generation, neue Werbemöglichkeiten

Bei dm wird das neue Bündnis zwischen Rossmann und Amazon „sehr interessiert und aufmerksam“ beobachtet, sagt Werner, der Jüngere. Trotzdem sieht er dm nicht unter Zugzwang. Der dm-eigene Onlineshop würde sich „sehr positiv“ entwickeln. Kooperationen mit großen Marktplätzen wie Amazon seien in Deutschland und Europa daher derzeit nicht geplant, sagt Werner.

Stattdessen setzt er auf die Marketingkraft von Netzstars wie der YouTuberin Bianca Heinicke, deren „Bibis Beauty Palace“ Millionen Jugendliche begeistert. „Mit ihrer nahbaren Art treffen diese Menschen den Nerv einer Generation“, sagt Werner.

Eine Generation, der auch der neue dm-Gesellschafter angehört.