Tech-Branche verspricht mehr Verantwortung

Für den New Yorker Marketing-Professor Scott Galloway zahlen Internet-Riesen zu wenig Steuern. Foto: Tobias Hase

Die DLD-Konferenz war einst der Ort, an dem Visionäre aus dem Silicon Valley von Europäern bejubelt wurden. Inzwischen schlägt ihnen hier Kritik entgegen - und auch Top-Player der Branche kommen mit einem Ton der Demut nach München.

München (dpa) - Die Zeiten der Internet-Euphorie sind längst vorbei. Nach einem Jahr voller Kritik, Selbstzweifel und Ernüchterung will die Tech-Branche zeigen, dass sie gereift ist. Man sei bereit, Verantwortung für die Zukunft zu übernehmen, ist ihre Botschaft bei der Innovationskonferenz DLD in München.

Uber-Chef Dara Khosrowshahi versprach bei seinem ersten öffentlichen Auftritt in Europa einen klaren Bruch mit der Vergangenheit. Uber habe sich beim Markteintritt in Deutschland «unangemessen und falsch» verhalten, räumte er ein. Deswegen gehe es jetzt um einen «kompletten Neuanfang».

Khosrowshahi zeigte Bereitschaft zu neuer Demut ganz im Kontrast zu seinem aggressiv auftretenden Vorgänger Travis Kalanick. «Zuallererst würde ich nicht das Wort «erobern» benutzen», sagte er auf die Frage von «Bild»-Chefredakteurin Tanit Koch, welche Stadt in Deutschland Uber als nächstes erobern wolle.

Für Facebook kam der einflussreiche Politik- und Kommunikationschef Elliot Schrage ebenfalls mit einem Fehlereingeständnis: Das Online-Netzwerk habe sich zu sehr darauf versteigert, neue Erlebnisse zu schaffen. Dadurch habe man sich zu wenig darum gekümmert, die Nutzer vor Hass und Hetze sowie ausländischer Einmischung wie den russischen Polit-Kampagnen zur von Donald Trump gewonnenen US-Präsidentenwahl zu schützen. «Wir wollen zeigen, dass wir die Menschen enger zusammenbringen können», versprach Schrage.

Für manche war das nicht gut genug: Der New Yorker Marketing-Professor Scott Galloway, der auf den DLD-Konferenzen traditionell über die Rolle der Internet-Riesen referiert, forderte diesmal ohne Umschweife, sie zu zerschlagen. Sie behinderten als Monopolisten den Fortschritt und bezahlten zu wenig Steuern, argumentierte Galloway zum Kopfnicken vieler Teilnehmer.

«Warum haben wir Trump, warum haben wir den Brexit?», fragte Albert Wenger vom Start-up-Investor Union Square Ventures. «Weil von den vergangenen 10, 20 Jahren nur ein sehr kleiner Teil der Gesellschaft profitiert hat» - viele der Anwesenden inklusive. Dagegen habe eine Menge Leute den Anschluss verloren. «Und wenn wir nicht bereit sind, etwas grundlegend Neues zu erfinden, das dies angeht, werden wir eher mehr als weniger Trumps haben», mahnte er.

Ursprung des Problems sei die seit Jahrzehnten andauernde Automatisierung, die mit dem Vormarsch künstlicher Intelligenz noch eine ganz andere Qualität erreiche, erklärte der für eher düstere Vorhersagen bekannte Oxford-Ökonom Carl Benedikt Frey. «Wir sehen, dass die Jobs mit mittlerem Einkommen quer durch die Gesellschaft verschwinden», betonte er. «Selbst Leute, die nicht arbeitslos geworden sind, aber in Jobs mit schlechterer Bezahlung und niedrigerem sozialen Status abrutschten, sind unterm Strich Verlierer der Automatisierung.» Und Jobs, die dank neuer Technologien entstehen, verlangten nach ganz anderen Qualifikationen als bisher.

«Ericsson entlässt 1000 Leute, Ericsson stellt 1000 neue ein - so funktioniert das», sagte Frey. Doch die Diskrepanz zwischen Gewinnern und Verlierern werde oft übersehen, weil die Politik zu sehr auf Durchschnittswerte vertraue. «Wenn Sie eine Hand im Kühlschrank und die andere im Ofen haben, ist von der Durchschnittstemperatur her auch alles in Ordnung - aber das ist Unsinn, so zu rechnen», kritisierte Frey.

Was also tun? Die vom Medienkonzern Burda veranstaltete DLD ist im Geiste eine europäische Konferenz. Und so drehte sich ein großer Teil der Debatten darüber, wie Europa die Zukunft verbessern kann - und zugleich dem Schicksal entgehen, nur zum Schlachtfeld der Tech-Giganten aus Amerika und China zu werden.

Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) forderte in Sachen Technologie eine aktivere Rolle der EU in der Welt. Der frühere Telekom-Chef René Obermann, der heute ein Investor ist, brachte eine europäische Version der US-Forschungsagentur DARPA ins Gespräch, die angeschlossen ans Verteidigungsministerium mit staatlicher Finanzierung an neuen Technologien arbeitet.

Tom Wehmeier vom Kapitalgeber Atomico sieht die europäische Tech-Industrie so stark wie nie zuvor. Es sei nur eine Frage der Zeit, wann das Ökosystem globale Champions hervorbringen werde. Und Roland-Berger-Chef Charles-Edouard Bouée sieht vor allem in der künstlichen Intelligenz eine große Chance für deutsche und europäische Firmen. Die großen Player der Plattformen in den USA, die mit Daten und Werbung heute viel Geld verdienten, wollten an ihrem Geschäftsmodell festhalten. Die Europäer könnten unbelastet davon die Chancen der künstlichen Intelligenz ergreifen, argumentiert er.

Künstliche Intelligenz verringere auch die Gefahr, dass die Autoindustrie zum bloßen Zulieferer für die großen Plattformen degradiert werden, schätzt Bouée. In Deutschland gebe es außerdem viele gut ausgebildete Menschen, eine starke Forschung und einen starken industriellen Kern.