Missbrauchsskandal um Arzt der US-Turnerinnen weitet sich aus

Larry Nassar vor Gericht

Der Missbrauchsskandal um den ehemaligen Teamarzt der US-Turnerinnen, Larry Nassar, hat sich nochmals ausgeweitet. Nassar habe mindestens 265 Mädchen und Frauen missbraucht, sagte die Richterin Janice Cunningham am Mittwoch (Ortszeit) in Charlotte im US-Bundesstaat Michigan. Bisher war der Arzt von mehr als 150 Mädchen und Frauen des Missbrauchs beschuldigt worden. Vor dem Gericht in Charlotte wollen mindestens 65 der Opfer gegen Nassar aussagen.

"Wir haben mehr als 265 Opfer identifiziert und eine unbestimmte Zahl von Opfern im Bundesstaat, im Land und überall in der Welt", sagte Cunningham zu Beginn der Anhörung, bei der die Dauer einer weiteren Haftstrafe für Nassar festgelegt werden soll. Sie habe daher entschieden, Live-Übertragungen im Internet aus dem Gerichtssaal zu erlauben, damit alle Betroffenen das Verfahren verfolgen könnten.

Nassar wird ohnehin den Rest seines Lebens hinter Gittern verbringen. Eine andere Richterin im US-Bundesstaat Michigan hatte den 54-Jährigen, der über Jahre hinweg minderjährige Sportlerinnen sexuell missbraucht hatte, bereits am vergangene Woche zu einer Haftstrafe von bis zu 175 Jahren verurteilt.

Diese Verurteilung kam zu einer früheren Haftstrafe von 60 Jahren hinzu, zu der Nassar im Dezember wegen Besitzes von Kinderpornografie verurteilt worden war. In dem dritten Prozess in Charlotte könnten nun noch einmal mindestens 25 bis 40 Jahre Haft hinzukommen.

Die Polizei in Michigan gestand unterdessen früheres Versagen im Umgang mit Nassar ein - und zwar konkret im Fall des Missbrauchsopfers Brianne Randall-Gay. Als 17-Jährige war sie im Jahr 2004 bei dem Arzt wegen Rückenbeschwerden in Behandlung. Er betatschte sie an den Brüsten und versuchte, mit dem Finger in ihre Vagina einzudringen.

Randall-Gay wandte sich daraufhin seinerzeit an die Polizei der Gemeinde Meridian Township. Dies blieb für Nassar aber ohne Folgen.

Der örtliche Polizeichef David Hall entschuldigte sich nun in einem Telefonat, dann bei einem persönlichen Treffen und schließlich auch auf einer Pressekonferenz bei Randall-Gay. "Wir wurden getäuscht", sagte er. Die Polizei in Meridian Township hatte Nassar damals zwar vernommen. Der Arzt stellte seine sexuellen Handlungen aber als wissenschaftliche fundierte Behandlungsmethode dar - womit sich die Polizei zufrieden gab.

"Es tut uns leid. Wir wurden manipuliert und getäuscht", sagte auch der örtliche Verwaltungschef Frank Walsh bei der Pressekonferenz. Die per Videoleitung zugeschaltete Randall-Gay berichtete, als sich die Polizei bei ihr am Telefon entschuldigt habe, sei sie "sofort zusammengebrochen". Dies sei ein Anruf gewesen, "auf den ich fast 14 Jahre lang gewartet habe".

Randall-Gay war in der vergangenen Woche vor Gericht dem Arzt direkt gegenübergetreten. "Sie haben meine damalige Verletzlichkeit ausgenutzt, um mich sexuell zu missbrauchen", sagte sie. Bei der Polizei habe der Arzt die "Dreistigkeit" gehabt, zu behaupten, dass sie seine Behandlungsmethode missverstanden habe, da sie sich in ihrem Körper nicht wohlgefühlt habe. Leider habe die Polizei "Ihren Worten geglaubt und nicht meinen".

Generell hatte Nassar gegenüber den Mädchen seine sexuellen Handlungen als Teil einer Untersuchung oder Behandlung dargestellt. Er war fast 30 Jahre lang der Mannschaftsarzt der US-Turnerinnen. Der Skandal hat den Turnsport in den USA tief erschüttert. Vor einer Woche war auf Druck des Olympischen Komitees der USA (USOC) der gesamte Vorstand des US-Turnverbands zurückgetreten.