Team Wallraff: „Die Alis von heute kommen aus Osteuropa“

„Ganz unten“ hat Günter Wallraff vor 32 Jahren als türkischstämmiger Arbeiter Ali angefangen, Missstände in der Arbeitswelt aufzudecken. Genau daran knüpften sein Team und er gestern an – und enthüllte erschreckende Zustände.

Seit 32 Jahren deckt Günter Wallraff Missstände auf dem deutschen Arbeitsmarkt auf.

 

Günter Wallraff macht sich auf den Weg nach unten, nach „Ganz unten“. Zurück zu seinen Wurzeln. Es waren seine aufsehenerregenden Enthüllungen im gleichnamigen Buch, die ihn damals, vor 32 Jahren plötzlich in den Mittepunkt rückten und als den deutschen Investigativ-Journalisten etablierten.

Derzeit recherchiert Günter Wallraff wieder, unterstützt von einem Team aus Reportern, die zeitweilig über Monate in andere Rollen schlüpfen – im Auftrag der Wahrheit, der sich Wallraff verpflichtet hat. Nicht immer ist das unumstritten, immer jedoch unbestreitbar erkenntnisreich.

Für seine neue Ausgabe von ‘Team Wallraff – Reporter undercover’ haben Günter Wallraff und sein Team „in riskanten oder körperlich anstrengenden und schlecht bezahlten Berufen recherchiert und die Arbeitsbedingungen unter die Lupe genommen“. So kündigt es Wallraff gewohnt vollmundig an. Gleich drei Kollegen recherchierten für die gestrige Ausgabe von „Team Wallraff“ als Hilfsarbeiter. Der polnischstämmige Tom Alexander, unterwegs als Thomek, ließ sich als einer von vielen osteuropäischen Tagelöhnern am Frankfurter „Arbeiter-Strich“ von einem weißen Lieferwagen aufgabeln. Sein Job: Als Schwarzarbeiter für zehn Euro, bar auf die kralle, Steine klopfen. Der Aufreger: Der Privatmann, der die Arbeiter beschäftigt, ist ausgerechnet Steuerberater…

Kollegin Mira Ivan ergeht es nicht besser: Sie soll als Reinigungskraft eine komplette Grundschule reinigen – in vier Stunden. 18 Klassenräume, zwei Lehrerzimmer, drei große Flure, 18 Toiletten, 14 Urinale, 14 Waschbecken, zwei Treppenhäuser über drei Etagen und der Eingangsbereich. Pro Raum hätte die Reporterin  schlappe acht Minuten Zeit.

„Nicht zu schaffen“, sagt schon der Kollege, der sie einarbeiten muss. Es sei denn, man putzt mit Dreckwasser und denselben Lappen für sämtliche Waschbecken und Toiletten. Das ‘ Reinigungsunternehmen reagierte mit einer Stellungnahme: “Unsere Mitarbeiter werden in das 4-Farbsystem eingewiesen und darin geschult…In Sanitäranlagen werden separates Wasser, separate Reinigungstücher sowie ein geeigneter Sanitärreiniger benutzt.”

Auch Wallraff schlüpfte einst in die Rolle als „Putzmann“. “Man war Mensch zweiter Klasse”, erinnert er sich, damals, in den 1980er Jahren. Und heute? Entwürdigend sei die Arbeit noch immer.

Am Ende bleibt die leise Frage: Was hat sich in den vergangenen Jahren eigentlich geändert? Was hat sich tatsächlich gewandelt, ja, im Idealfall verbessert in diesen letzten dreißig Jahren?

Die ernüchternde Bilanz, die Wallraff einmal mehr zieht: “Auch 32 Jahre nach meinen Enthüllungen als Ali zeigen unsere Recherchen: Es gibt noch immer ein ‘ganz unten’ in der deutschen Arbeitswelt. Die ‘Alis’ von heute kommen meist aus Osteuropa. Es gibt weiterhin viel zu tun für mein Team.“

Foto: RTL