Sind Tattoos im Job noch ein Problem? Was ihr dazu wissen solltet

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Noch vor 20 Jahren waren sie eher selten sichtbar, heute sieht man sie überall: Tätowierungen werden immer beliebter. Mehr als jeder fünfte Deutsche hat laut einer repräsentativen Ipsos-Umfrage im Auftrag der „Apotheken Umschau“ mindestens ein Tattoo. Besonders bei der jüngeren Generation ist die Körperkunst beliebt: Fast jeder Zweite 20- bis 29-Jährige und jeder Dritte 30- bis 39-Jährige ist tätowiert. Doch welche Konsequenzen hat das auf dem Arbeitsmarkt? Worauf müssen Tätowierte achten – und was dürfen Arbeitgeber ihnen vorschreiben?

Rechtsanwalt Urban Slamal hat sich auf das Thema Tätowierungen spezialisiert. Er vertritt viele Tattoo-Studios und die Unternehmen, die deren Zubehör herstellen und liefern. Slamal ist regelmäßig Dozent für die rechtlichen Belange des Tätowierens und Piercens. Auch er selbst ist tätowiert und Mitglied des Vorstandes des Bundesverbands Tattoo e.V.

„Prinzipiell gilt: Ihr habt das Recht auf die freie Entfaltung eurer Persönlichkeit – so steht es in Artikel 2 des Deutschen Grundgesetzes“, sagt er. Das bedeutet, ihr dürft selbst entscheiden, ob, wo und was ihr euch tätowieren lasst. Allerdings kann euer Arbeitgeber euch bei einem berechtigten Interesse einen bestimmten Dresscode vorgeben. Und unter Umständen kann dieser auch vorschreiben, dass man eure Tätowierungen nicht sehen können soll.

„Bei Tattoos im Job gibt es einen wichtigen Faktor“, erklärt der Rechtsanwalt. „Nämlich, ob ihr in der Privatwirtschaft oder im öffentlichen Dienst tätig seid.“ Arbeitet ihr in einem privaten Unternehmen, kann euer Chef, soweit er ein nachvollziehbares Interesse an der Außenwirkung seiner Mitarbeiter hat, entscheiden, was er zulässt – und was nicht. „Einige Arbeitgeber legen auch aus anerkennenswerten Gründen viel Wert darauf, wie ihre Firma in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Besonders in konservativen Branchen, zum Beispiel im Finanzwesen oder unter Anwälten, soll noch oft ein herkömmliches Bild des Jobs vermittelt werden.“ Allerdings sei es stark abhängig vom Unternehmen, ob es Tattoos akzeptiere oder nicht.

Im öffentlichen Dienst sind Tätowierungen problematischer. „Vor allem Menschen in Uniformen müssen hier aufpassen. Denn ihre Kleidung hat eine Neutralitätsfunktion, die Beamten sollen den Staat oder das Land repräsentieren, und nicht ihre individuelle Persönlichkeit“, sagt Slamal. Daher stellen offen sichtbare Tätowierungen nicht selten ein Einstellungshindernis dar.

Was solltet ihr bei Bewerbungsgesprächen beachten?

Im Bewerbungsgespräch soll der Arbeitgeber herausfinden, ob ihr für den Job qualifiziert seid und ob ihr zum Unternehmen passt. Fragen zu nicht sichtbaren Tattoos oder Piercings haben mit beidem nichts zu tun – und im Bewerbungsgespräch nichts zu suchen.

„Hat das Unternehmen ein berechtigtes Interesse daran, dass seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein bestimmtes Bild vermitteln, könnte es sein, dass ein Tattoo an den Händen oder am Hals zum Problem wird“, sagt Slamal. Das betreffe vor allem Jobs in konservativen Branchen mit Publikumsverkehr. Arbeitet ihr zum Beispiel als Grafikerin viel am Computer, stellen Tattoos eher kein Problem dar. Wenn ihr aber in einer Anwaltskanzlei arbeitet, möchte euer Arbeitgeber vielleicht nicht, dass ihr sichtbare Tattoos tragt. Darüber solltet ihr euch bewusst sein, bevor ihr euch für einen Job bewerbt.

Wenn ihr noch nicht wisst, in welcher Branche ihr später arbeiten wollt, solltet ihr euch erst einmal an Stellen tätowieren lassen, die nicht sichtbar sind, rät Slamal. „Wer sich am Bauch, Rücken oder an den Oberschenkeln tätowieren lässt, ist dann vorerst auf der sicheren Seite.“

Was darf euer Arbeitgeber euch verbieten?

Ein Tattoo verbieten darf euer Arbeitgeber nicht – aber ihr müsst mit Konsequenzen rechnen, falls euer Tattoo nicht zur gewünschten Außenwahrnehmung des Unternehmens passt. „Wenn ihr euch nicht sicher seid, ob eure geplante Tätowierung in Ordnung ist, würde ich es vorab mit dem Arbeitgeber abklären“, sagt Slamal. Dazu seid ihr zwar nicht verpflichtet, aber es kann euch vor bösen Überraschungen schützen.

Euer Chef kann im Einzelfall auch anordnen, dass ihr während der Arbeit Kleidung tragt, die eure Tattoos verdeckt. Das würde beispielsweise bedeuten, dass ihr im Sommer langärmlige Sachen tragen müsstet, während eure untätowierten Kolleginnen und Kollegen in T-Shirts herumlaufen.

Für Jobs in eher konservativen Branchen rät Slamal: Haltet euch an die sogenannte T-Shirt-Regel. Sieht man das Tattoo nicht, wenn ihr ein T-Shirt tragt, sollte es kein Problem darstellen.

Vor allem in Jobs im öffentlichen Dienst werden Tattoos noch kritisch gesehen

Wenn ihr jedoch im öffentlichen Dienst arbeiten möchtet, solltet ihr euch vorher ganz genau überlegen, an welcher Stelle ihr euch tätowieren lasst – und mit welchem Motiv. Denn für Angestellte, die den Staat vertreten, gelten schärfere Regeln als für die in anderen Branchen. Das gilt zum Beispiel für Menschen, die in Ämtern, im Gericht, bei der Polizei, bei der Bundeswehr oder in öffentlich-rechtlichen Einrichtungen angestellt sind. Beamte sollen nämlich möglichst neutral auftreten.

So wies zum Beispiel die Bundespolizei 2014 eine Bewerberin ab, die ein großflächiges Tattoo am Unterarm hatte. Begründung: Eine große, sichtbare Tätowierung gehöre sich nicht für deutsche Polizisten, die gerade bei Grenzkontrollen oft die „ersten Vertreter des deutschen Staates“ seien. Das Verwaltungsgericht Darmstadt entschied, dass die Abweisung zulässig sei.

Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte sich also lieber auf einem Teil des Körpers tätowieren lassen, der im Job eher nicht sichtbar ist, zum Beispiel am Oberschenkel, dem Rücken oder dem Bauch. Aber: Mittlerweile werden Tattoos auch bei der Polizei nicht mehr so streng gesehen. So lässt die Polizeiakademie Berlin Bewerberinnen und Bewerber mit Tattoos zu, wenn diese „mit dem Polizeidienst und den Anforderungen an das Auftreten und die Neutralität ihrer Dienstkräfte in der Öffentlichkeit vereinbar sind“. Hier wird im Einzelfall entschieden, ob die Tätowierung zulässig ist.

Ihr solltet aber beachten, dass die sichtbaren Tattoos in diesem Fall keine religiösen oder politischen Bedeutungen haben dürfen. Ein Kreuz am Handgelenk zum Beispiel könnte darauf schließen lassen, dass ihr christlich seid. Und: „Tätowierungen, die links- oder rechtsradikal, sexistisch, entwürdigend, menschenverachtend oder gewaltverherrlichend sind, disqualifizieren euch für den öffentlichen Dienst. Auch wenn sie an Stellen sind, die in Uniform nicht sichtbar sind“, sagt Urban Slamal.

„Die Sicht auf Tattoos wandelt sich“

Tätowiert zu sein, sei mittlerweile meist keine große Sache mehr. „Selbst ich als tätowierter Anwalt habe noch nie schlechte Erfahrungen gemacht“, sagt Slamal. Mehr als aufs Äußere eines Angestellten komme es darauf an, ob er einen guten Job mache. Trotzdem rät der Jurist jungen Menschen davon ab, sich an offensichtlichen Stellen großflächig tätowieren zu lassen.

„Bitte überlegt euch genau: An welcher Stelle lasst ihr euch welches Motiv tätowieren? Und bei welchem Tätowierer?“, sagt er. Slamal selbst hat sich mit 39 Jahren sein erstes Tattoo stechen lassen. „Ich habe es mir also auch ausreichend durch den Kopf gehen lassen.“

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