Taliban wollen Angriffe auf afghanische Streitkräfte wieder aufnehmen

Innerafghanische Friedensgespräche nun fraglich

Die radikalislamischen Taliban haben zwei Tage nach der Unterzeichnung ihres Abkommens mit den USA ihre Teil-Waffenruhe gegenüber den afghanischen Sicherheitskräften aufgekündigt. Das Abkommen mit den USA sehe nur ein Ende der Gewalt gegen ausländische Soldaten vor, sagte Taliban-Sprecher Sabihullah Mudschahid am Montag. Fast zeitgleich wurden bei einem Anschlag auf ein Fußballspiel im ostafghanischen Chost drei Menschen getötet. Zu der Tat bekannte sich zunächst niemand.

Die mit den USA im Vorfeld des Abkommens vereinbarte "Verringerung der Gewalt" sei "nun vorbei, und unsere Operationen werden wieder normal fortgesetzt", sagte der Taliban-Sprecher. Dem Abkommen mit den USA entsprechend "werden unsere Mudschaheddin keine ausländischen Truppen angreifen, aber unsere Aktionen gegen die Kräfte der Kabuler Regierung werden fortdauern".

Gleichzeitig erteilte die Militärkommission der Taliban Anweisungen, die Kämpfe wieder aufzunehmen. Nach Angaben eines afghanischen Armeekommandeurs griffen Aufständische kurz darauf Armeestellungen in der nordwestlichen Provinz Badghis an. Mindestens ein Soldat wurde demnach getötet.

Afghanistans Präsident Aschraf Ghani hatte noch am Sonntag eine Verlängerung der Teil-Waffenruhe angekündigt, mit dem Ziel eines vollständigen Waffenstillstands. Gleichzeitig aber kündigte Ghani an, einen zentralen Punkt des Abkommens zwischen den USA und der islamistischen Miliz vorerst nicht umzusetzen: Die Freilassung von 5000 Taliban-Gefangenen.

Dies liege allein in der Entscheidung seiner Regierung, nicht der USA, sagte er. Solche Schritte könnten daher "auf die Agenda von innerafghanischen Gesprächen aufgenommen werden, aber keine Vorbedingung für Gespräche sein". Ein Taliban-Vertreter in Pakistan reagierte verärgert.

Laut dem Abkommen sollen die Regierung in Kabul und die radikalislamischen Taliban am 10. März direkte Gespräche aufnehmen. Diese innerafghanischen Gespräche könnten nun auf der Kippe stehen.

Der Kommandeur der US-Streitkräfte und Afghanistans, General Scott Miller, hatte zuvor noch bekräftigt, dass Washington von den Taliban eine Verlängerung der Teil-Waffenruhe bis zum Beginn der innerafghanischen Gespräche erwarte. Nach dem Anschlag in Chost aber riet US-Generalstabschef Mark Milley zur Geduld. Niemand sollte damit rechnen, dass die Gewalt sofort komplett aufhören werde, sagte er in Washington.

Für den Politikexperten Michael Kugelman vom Wilson Center kommt die Offensive der Taliban nicht überraschend. Gewalt sei für die Miliz stets ein Druckmittel gewesen, und das würden sie nicht so schnell aufgeben, erklärte er auf Twitter. Und nun versuche die Miliz, auf diese Weise ihre Verhandlungsposition bei den innerafghanischen Gesprächen zu stärken, "sollten sie denn stattfinden".

Die Vereinbarung zwischen den USA und den Taliban sieht vor, dass die USA über die kommenden Monate ihre Truppenstärke in Afghanistan zunächst reduzieren; binnen 14 Monaten sollen dann alle US-Soldaten und ihre Nato-Verbündeten abziehen. Im Gegenzug sollen die Taliban dafür garantieren, dass sie das Terrornetzwerk Al-Kaida und die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) bekämpfen sowie Friedensverhandlungen mit der afghanischen Regierung in Kabul beginnen.

Während die Befürworter in dem Abkommen einen entscheidenden ersten Schritt in Richtung Frieden sehen, befürchten viele Afghanen, dass es auf eine Kapitulation der USA hinausläuft, die letztendlich die Rückkehr der Aufständischen an die Macht ermöglicht.

In der östlichen Provinz Laghman feierten unterdessen tausende Einheimische und jubelnde Taliban-Kämpfer die "Niederlage der USA". Sie kündigten an, ihre Angriffe gegen die Regierung in Kabul fortzusetzen, bis in Afghanistan wieder ein "islamisches System" regiere.