Takata geht in die Insolvenz

Gefährliche Airbag-Auslöser bringen den einst stolzen japanischen Zulieferer Takata zu Fall. Die Autoindustrie ist auf die Pleite vorbereitet. Und ein chinesisch-amerikanischer Zulieferer profitiert.


Der größte Rückruf der Autogeschichte von mehr als 100 Millionen Airbag-Modulen beendet die Karriere des japanischen Autozulieferers Takata. Der Airbag-Hersteller sowie seine Tochtergesellschaft TK Holdings haben am Montag in Japan und den USA Insolvenzverfahren eingeleitet. Denn die enormen Rückrufkosten übertreffen die Finanzkraft des Unternehmens. Nur die europäischen Takata-Töchter sind nicht betroffen.

Dabei versuchen alle Betroffenen durch Zugeständnisse sicherzustellen, dass in der Autoindustrie kein Engpass bei Airbags entsteht. Denn Takata ist mit einem Weltmarktanteil von 20 Prozent bei den Gasinflatoren, die Airbags aufblasen, nicht einfach so zu ersetzen. Außerdem ist das Unternehmen global ein wichtiger Lieferant von Sicherheitsgurten und Lenkrädern.

Als Takata-Retter tritt der amerikanische Autozulieferer Key Safety Systems auf den Plan, der dem chinesischen Konglomerat Ningbo Joyson Electronic gehört. In einer Grundsatzvereinbarung erklärte sich das Unternehmen bereit, für 1,4 Milliarden Euro den Großteil des Produktportfolio, Fabriken und Mitarbeitern zu übernehmen. Durch den Zusammenschluss werden die Amerikaner zu einem globalen Anbieter von Sicherheitssystemen für Automobile mit etwa 60.000 Mitarbeitern in 23 Ländern.


Ausgenommen ist allerdings das Geschäft mit den Gasgeneratoren mit Ammoniumnitrat, die für den Tod von mehr als einem Dutzend Menschen verantwortlich gemacht werden. Beim Auslösen haben sie teilweise kleine Teile ihrer Hülle in die Fahrgastzelle geschossen. Takata wird diese Produktion vorerst weiterbetreiben, um die Autohersteller mit Ersatz für die Rückrufe zu beliefern. Mittelfristig soll das Geschäft eingestellt werden.

Die Zukunft des Takata-Rests ist wenig rosig: De facto steuert er auf seine Abwicklung zu. Aus den Verkaufserlösen solle zunächst die notwendige Kapitalausstattung der Rumpfoperation sichergestellt werden, teilte Takata mit. „Anschließend werden etwaige bevorrechtigte Ansprüche aus den Verkaufserlösen vollständig erfüllt.“ Sämtliche danach verbliebenen Verkaufserlöse sollen den ungesicherten Gläubigern zu Gute kommen, so das Unternehmen.



Doch Analysten befürchten, dass die Autohersteller wenigstens teilweise auf ihren Forderungen sitzen bleiben werden. Alle betroffenen Marktteilnehmer opfern Geld, um Takata lang genug am Leben zu halten, um das Airbag-Debakel ohne Produktionsprobleme abzuwickeln.

Die Sumitomo Mitsui Bank will eine Kreditlinie in Höhe von bis zu 25 Milliarden Yen (201 Millionen Euro) einräumen, um nach Medienberichten die Finanzierung von Takatas Lieferanten zu sichern. Zusätzlich haben sich die japanischen Autohersteller verpflichtet, Takata während des Insolvenzverfahrens finanziell zu unterstützen. „Das Unternehmen arbeitet darüber hinaus mit der Kundengruppe an einer Vereinbarung, dies auch auf globaler Ebene zu tun“, teilte Takata in einer Presseerklärung mit.


Unternehmenschef Shigehisa Takada verkaufte diesen Schritt in der Presseerklärung als „bestmöglichen Weg“, um die laufenden Kosten und Verbindlichkeiten der Airbag-Gasgeneratoren „geordnet und mit Bestimmtheit anzugehen und gleichzeitig sicherzustellen, dass Takatas weltweite Geschäftstätigkeiten wie bisher und ohne Störungen weiterlaufen“.

Weitere finanzielle Schäden für die Autohersteller dürften sich in Grenzen halten. Denn die Firmen haben die bisherigen Kosten schon über die Jahre in ihren Bilanzen verbucht. Nicht einmal bei Takatas Hauptkunden und Anteilseigner Honda erwarten Experten größere Probleme.


Honda kommt glimpflich davon

Der Konzern musste bisher 51 Millionen Airbag-Auslöser mit dem betroffenen Ammoniumnitrat als Treibmittel auf Fahrer- und Beifahrerseite austauschen. Denn bei Honda stammen 50 Prozent der Airbag-Module von Takata, da der Autobauer den früheren Textilhersteller früh zu seinem Hauslieferanten gemacht hat.

In den 1960er-Jahren führte Takata als erstes japanisches Unternehmen Sicherheitsgurte in Japan ein, die Honda als Standardausstattung installierte. Seitdem expandierte das Unternehmen in andere Bereiche wie Lenkräder und eben Gasinflatoren für Airbags.


Dennoch wird die Kreditwürdigkeit des Autobauers nicht von einer Pleite beeinträchtigt, urteilt Standard & Poor’s. Denn Honda habe in den vergangenen Jahren bereits die Rückrufkosten verbucht. Und selbst mögliche weitere Lasten könne Honda dank seiner stabilen Einnahmen und starken Liquidität ertragen.

Als größte Risiken nennen die Kreditbewerter, dass Hondas Airbag-Lieferungen dennoch unterbrochen werden oder der Ruf des Unternehmens größeren Schaden nimmt. Der erste Punkt dürfte Honda inzwischen weniger Kopfschmerzen bereiten. In neuen Modellen würden global nur noch Airbag-Module von Takata-Rivalen wie Daicel aus Japan oder Autoliv aus Schweden verkauft, teilt Unternehmenssprecher Kosuka Kachi mit. Die enthalten das Treibmittel Guanidinium statt Ammoniumnitrat.


Auch andere Hersteller haben langsam aber sicher für Ersatz gesorgt, wie das Handelsblatt am Freitag berichtete. Und so geht das Airbag-Debakel für die Autohersteller noch relativ glimpflich vorüber. Nicht jedoch für die Gründerfamilie, die 60 Prozent der Unternehmensanteile hält.

Monatelang hatten die Takadas versucht, eine blamable Pleite durch ein außergerichtliches Verfahren zu vermeiden. Doch die Autohersteller bestanden auf eine transparente Lösung unter gerichtlicher Aufsicht. Und so wird die Familie auf Takatas Aktionärsversammlung am Dienstag de facto den Anfang vom Ende ihrer Unternehmerdynastie beschließen.

KONTEXT

Das sind die rentabelsten Autokonzerne

Platz 10

Honda - Gewinn vor Steuern und Abgaben (Ebit): 5,2 Milliarden Euro*

Unter den japanischen Herstellern konnte keiner den Gewinn so stark steigern wie Honda. Im Jahresvergleich legte das Unternehmen um 31,5 Prozent zu. Dabei fiel die Ebit-Marge allerdingt mit 4,6 Prozent unterdurchschnittlich aus.

Quelle: CAM Bergisch-Gladbach; Stand: 12/ 2016 - Bei japanischen Herstellern wird das Kalenderjahr abgebildet

Platz 9

Nissan - Gewinn vor Steuern und Abgaben (Ebit): 5,7 Milliarden Euro

Das vergangene Jahr war für die Japaner durch Wechselkursschwankungen durchaus turbulent. Der Gewinn sank um 7,4 Prozent. Immerhin landete man mit einer Ebit-Marge von 6,2 Prozent im Mittelfeld aller Hersteller.

Platz 8

Hyundai - Gewinn vor Steuern und Abgaben (Ebit): 6 Milliarden Euro

Heimlich schielt der viertgrößte Autokonzern der Welt immer noch Richtung Weltspitze. Doch 2016 war für die Koreaner ein Rückschritt. Der Absatz schrumpfte leicht, der Gewinn sogar um satte 8,8 Prozent. Und auch die Marge war mit 5,2 Prozent unterdurchschnittlich.

Platz 7

Fiat-Chrysler - Gewinn vor Steuern und Abgaben (Ebit): 6,1 Milliarden Euro

Die italienische Überraschung: Durch den Erfolg von Jeep hat sich der italo-amerikanische Konzern wieder erholt. Der Gewinn wurde mehr als verdoppelt, obwohl der Absatz nur leicht zulegte. Allein die Marge ist mit 5,5 Prozent immer noch bestenfalls mittelmäßig.

Platz 6

Volkswagen - Gewinn vor Steuern und Abgaben (Ebit): 7,1 Milliarden Euro

Der Dieselskandal drückt weiter kräftig auf den Gewinn. Doch innerhalb eines Jahres haben es die Wolfsburger geschafft, das Ergebnis um 11,2 Milliarden Euro zu verbessern. Und das obwohl die Marge mit 3,3 Prozent immer noch mager ausfällt.

Platz 5

BMW - Gewinn vor Steuern und Abgaben (Ebit): 9,4 Milliarden Euro

Für den jahrelangen Primus der Premiumbranche ist der Gewinn im vergangenen Jahr leicht gesunken. Das können die Münchener aber locker verschmerzen. Dank einer Marge von zehn Prozent erwirtschaftet kein Konkurrent mehr pro Auto.

Platz 4

Ford - Gewinn vor Steuern und Abgaben (Ebit): 9,4 Milliarden Euro

Den Titel als rentabelster Autokonzern Amerikas hat Ford dieses Jahr verloren. Denn beim Ertrag und Absatz schwächelt der Weltkonzern. Die Marge fällt mit 6,8 Prozent überdurchschnittlich aus.

Platz 3

General Motors - Gewinn vor Steuern und Abgaben (Ebit): 9,8 Milliarden Euro

Unter Mary Barra gilt die Devise: Profit zuerst. Das war auch 2016 aus den Zahlen abzulesen. Der Gewinn konnte um fast 20 Prozent zulegen. Und mit 7,5 Prozent ist auch die Marge für einen Volumenhersteller sehr zufriedenstellend.

Platz 2

Platz 2 - Daimler - Gewinn vor Steuern und Abgaben (Ebit): 12,9 Milliarden Euro

Der profitabelste Premiumhersteller kommt aus Stuttgart. Im Vergleich zum Vorjahr schneiden die Schwaben zwar etwas schlechter ab. Doch eine Marge von 8,4 Prozent reicht immer noch für einen zweistelligen Milliardengewinn.

Platz 1

Toyota - Gewinn vor Steuern und Abgaben (Ebit): 17 Milliarden Euro

Wenn der Gewinn um fast 24 Prozent einbricht, würden die meisten anderen Konzerne wohl etliche Plätze einbüßen. Toyota nicht. Die Japaner sind weiterhin profitabler als alle anderen Hersteller. Vor allem wegen einer Marge von 7,8 Prozent, die zwar deutlich kleiner ausfällt als im Vorjahr - doch das ist immer noch besser als bei allen Konkurrenten.