Der Tag, an dem sich Bergkamp unsterblich machte

Jonas Nohe
Dennis Bergkamp traf im WM-Viertelfinale 1998 zum entscheidenden 2:1 gegen Argentinien

4. Juli 1998. WM-Viertelfinale, Niederlande gegen Argentinien, es läuft die 89. Minute.

Nach frühen Toren durch Patrick Kluivert und Claudio Lopez steht es 1:1, als Frank de Boer aus der eigenen Hälfte einen langen Ball in Richtung des argentinischen Strafraums schlägt.

"Frank de Boer spielt den Ball in Richtung Dennis Bergkamp", sagt der niederländische TV-Reporter Jack van Gelder noch ganz nüchtern - ohne zu wissen, dass in den folgenden Sekunden etwas Magisches passieren soll.


Geniale Ballannahme von Bergkamp

Etwa 15 Meter halbrechts vor dem Tor senkt sich der Ball genau in den Lauf von Bergkamp, mit dem ausgestreckten rechten Bein stoppt ihn der niederländische Stürmer aus der Luft.

Der erste Kontakt.

Technisch höchst anspruchsvoll, zumal nach 88 kräftezehrenden Minuten in einem umkämpften WM-Viertelfinale.

Der argentinische Verteidiger Roberto Ayala deckt Bergkamp hauteng, die beiden nähern sich dem rechten Eck des Fünfmeterraums.

Ayala kommt zu spät

Ayala sieht seine Chance, den Ball zu klären, höchstens eine Ecke dürfte dabei für Oranje herausspringen. Aber bevor es so weit kommt, ist Bergkamp schon wieder am Ball.

Der zweite Kontakt.

Niemand weiß so genau, wie - aber in dem Moment, als der Niederländer eigentlich noch damit beschäftigt sein müsste, das Gleichgewicht wiederzufinden, spitzelt er den Ball schon wieder butterweich an Ayala vorbei nach innen.


Bergkamp vollendet per Außenrist

Genau am Torraumeck springt der Ball einmal auf. Der argentinische Torwart Carlos Roa macht einen Schritt aus seinem Tor heraus, will den Winkel verkürzen. Bergkamp setzt zur Krönung seines Meisterwerkes an.

Der dritte Kontakt.

Mit dem rechten Außenrist schlenzt Bergkamp den Ball an Roa vorbei ins linke obere Toreck.

"Dennis Bergkamp! Dennis Bergkamp! Dennis Bergkamp!", brüllt Reporter van Gelder wie von Sinnen fünf Mal in sein Mikrofon, gefolgt von einem langgezogenen Urschrei.

Drei Kontakte in drei Sekunden

Nicht einmal drei Sekunden sind vergangen zwischen Bergkamps Ballannahme und dem Moment, als der Ball im Netz zappelt.

Drei Sekunden für drei Kontakte. Drei Sekunden für die Ewigkeit.

"Man spielt niemals das perfekte Spiel", sagte Bergkamp später einmal: "Aber dieser Moment für sich, glaube ich, war perfekt."


Vom englischen Mirror wurde das Tor kürzlich auf Platz drei der größten WM-Tore gewählt. Das Fußballmagazin 11Freunde ordnete Bergkamps Geniestreich in die Kategorie der "Tore, die man niemals vergessen darf" ein.

Bergkamp genial vor Kluivert-Tor

Was dabei gerne untergeht: Es war nicht Bergkamps einziger genialer Moment an diesem 4. Juli 1998. Das frühe 1:0 durch Kluivert bereitete Bergkamp mit einer unglaublichen Kopfballablage vor.

Beim ersten Betrachten wirkt sie relativ banal. Aber je häufiger man sich die Aktion anschaut, je mehr man auf die Details achtet - die Schärfe des Zuspiels von Ronald de Boer; Bergkamps perfekte Kopfballtechnik im Rückwärtsfallen; das Gespür für Kluiverts Laufweg, lange bevor dieser am entscheidenden Ort steht - desto magischer wird auch dieser Assist.

Torjäger, Vorbereiter, Spielmacher: Dennis Bergkamp war all das.

Henry schwärmt von Bergkamp

"Jede. Einzelne. Sache.", sagte Thierry Henry einmal auf die Frage, was er an seinem langjährigen Arsenal-Kollegen Bergkamp besonders schätze. Am meisten aber schwärmte der Franzose von Bergkamps Besessenheit: "Alles musste perfekt sein."

"Es muss perfekt sein", heißt auch ein Kapitel in Bergkamps Buch "Stillness and Speed".

Heute vor 20 Jahren erreichte Bergkamp die ersehnte Perfektion. Mit drei Ballkontakten - und einem Tor, das ihn unsterblich machte.