Türkischer Wirtschaftsboom auf Kredit

Die türkische Wirtschaft wird in diesem Jahr die Wachstumsprognosen um das zwei- bis dreifache übertreffen. Es fließt wieder Risikokapital und die Regierung schafft Investitionsanreize. Aber wie nachhaltig ist der Boom?


Ausnahmezustand und innenpolitische Polarisierung, der Kurdenkonflikt, Kriege in den Nachbarländern Syrien und Irak, wachsende politischen Spannungen mit Europa und den USA: Das sind eigentlich keine guten Rahmenbedingungen für die türkische Volkswirtschaft. Kein Wunder, dass der Internationale Währungsfonds (IWF) dem Land zum Jahresbeginn nur ein Wachstum von 2,5 Prozent in Aussicht stellte, was wenig für ein Schwellenland ist. Die EU-Kommission ging in ihrem Frühjahrsgutachten immerhin von drei Prozent aus.

Aber jetzt übertrifft das Land alle Schätzungen. Anfang Oktober setzte die Ratingagentur Fitch ihre Vorhersage für die Türkei deutlich herauf: Statt 4,7 Prozent Wachstum, wie noch im Juni, erwartet die Agentur jetzt ein Plus von 5,5 Prozent. Doch auch diese Prognose ist wahrscheinlich bald Makulatur.

Die türkische Regierung rechnet für dieses Jahr mit einem Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von mehr als sechs Prozent. Nachdem die Wirtschaftsleistung in den ersten beiden Quartalen bereits um jeweils 5,1 Prozent zulegte, erwartet Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci für das dritte Vierteljahr ein Wachstum von 9,6 Prozent. Manche Experten gehen sogar von einem zweistelligen Zuwachs aus.

Für den Boom am Bosporus gibt es mehrere Gründe. Sie deuten aber nicht unbedingt auf ein nachhaltiges Erstarken der türkischen Wirtschaft hin. Das im dritten Quartal zu erwartende Rekordwachstum von rund zehn Prozent ist vor allem dem schwachen Vergleichsquartal 2016 geschuldet. Damals schrumpfte die Wirtschaft um 0,8 Prozent – eine Folge des Putschversuchs vom Juli, der darauf folgenden politischen Turbulenzen und der Krise im Tourismus.

In diesem Jahr profitiert die türkische Wirtschaft davon, dass Risikokapital verstärkt in die Schwellenländer zurückfließt. Nachdem 2015 ausländisches Kapital von rund neun Milliarden Dollar die Türkei verließ und im vergangenen Jahr der Nettozufluss lediglich 1,4 Milliarden betrug, sind in diesem Jahr bereits rund zehn Milliarden Dollar ins Land gekommen. Die Gelder flossen vor allem in türkische Aktien sowie in Staatsanleihen, mit denen Anleger eine Rendite von mehr als zehn Prozent erzielen können.

Getrieben wird das Wirtschaftswachstum aber nicht nur durch den wieder einsetzenden Zufluss von Risikokapital. Auch die Regierung kurbelt die Konjunktur mit Kreditbürgschaften über den staatlichen Kredit-Garantiefonds an. Vor allem mittelgroße und kleine Betriebe kommen in den Genuss dieser Bürgschaften. Das führte seit Mitte 2016 zu einem Kreditwachstum von fast 25 Prozent. Wegen der staatlichen Garantien sehen die Banken aber bei der Darlehensvergabe nicht so genau hin. Damit werden Kreditrisiken aus der Privatwirtschaft auf den Staat verlagert – eine bedenkliche Tendenz, wie Experten meinen.



Eine große Rolle spielt der Staat auch beim Boom in der Bauwirtschaft, die mit einem Investitionsplus von 25 Prozent derzeit der stärkste Konjunkturmotor ist. Das Wachstum geht zum großen Teil auf den sozialen Wohnungsbau und auf so genannte PPP-Projekte (Public-Private-Partnership) zurück, die vom Staat und privaten Investoren gemeinsam realisiert werden. Dazu gehören Infrastrukturvorhaben wie der neue Istanbuler Großflughafen, der in einem Jahr eröffnet werden soll, sowie Autobahnen und Brücken, Hochgeschwindigkeitstrassen der türkischen Staatsbahnen und Kraftwerke.

Eine Schattenseite des starken Wachstums ist die hohe Inflation von mehr als zehn Prozent. Die Milliardeninvestitionen und die staatlichen Kreditbürgschaften werden überdies zu einem Risikofaktor für die Staatsfinanzen. Bisher legte die Regierung eine bemerkenswerte fiskalische Disziplin an den Tag. 2013 und 2014 war der Staatshaushalt ausgeglichen. 2015 erwirtschaftete der Finanzminister sogar einen Überschuss von 1,3 Prozent des BIP. Nach einem Minus von knapp einem Prozent im vergangenen Jahr könnte das Defizit aber 2017 auf 1,6 Prozent steigen, so die Prognose der EU-Kommission.

Das ist zwar keine alarmierende Größenordnung, vor allem nicht in Anbetracht einer Schuldenquote von weniger als 30 Prozent des BIP. Fachleute wie der Istanbuler Ökonom Mustafa Sönmez beobachten den Trend dennoch mit Sorge. Er glaubt nicht, dass sich der von „heißem Geld“ und staatlichen Subventionen angefachte Boom im kommenden Jahr durchhalten lässt. Zumal grundlegende Strukturschwächen der türkischen Wirtschaft wie die großen Defizite im Bildungswesen, mangelnde Innovationskraft und schwache Wertschöpfung der Industrie und der rigide Arbeitsmarkt weiter ungelöst sind.