Modedesigner Sansal: "In türkischen Gefängnissen wird gefoltert"

Einst hat Barbaros Şansal Kleider für First Ladys der Türkei entworfen - auch das Brautkleid der Schwiegertochter von Helmut Kohl stammt von ihm. Anfang 2017 wurde der türkische Modedesigner von einem wütenden Mob am Istanbuler Atatürk-Flughafen fast getötet . Man hatte ihn aus dem türkisch besetzten Nordzypern deportiert, wo er Silvester gefeiert und auf Twitter "Ersticke an deiner Scheiße, Türkei!" an seine 300.000 Follower geschrieben hatte.

Im euronews-Exklusivinterview sagt er: "Ich habe 56 Tage in Einzelhaft verbracht, ohne Sonnenlicht. Es war schwierig, weil die Zellen in der Türkei schlimm sind. In der Türkei gibt es ein legitimes, aber auch ein illegitimes System, in dem die Strafgerichte, die früher als Staatssicherheitsgerichte bekannt waren, die Macht des Staates über liberale Menschen ausnutzen, über Menschen, die als "die Anderen" angesehen werden. Ich wurde ein Opfer davon: Der Screenshotabzug, der als Beweis für meine Verhaftung vorgelegt wurde, wurde vom Gericht als Fälschung anerkannt. Also war die ganze Sache eine Falle."

Im Gefängnis schrieb er ein Buch mit dem Titel "Lynch" über seine Erlebnisse. Şansal sagt:

"In der Türkei sind derzeit etwa 250.000 Menschen inhaftiert, viele Lehrer, Ärzte, Anwälte und Richter. Es gibt sogar fast 700 Babys hinter Gittern. Im Gefängnis zu sein, ist für mich nichts Neues. Ich habe das alles 1980 erlebt. Ich habe viele Gefängnisse gesehen. Ich denke, dass alle Richter und Staatsanwälte mindestens einen Monat hinter Gittern verbringen sollten, um die Bedingungen in den Gefängnissen zu erleben. Sie sollten als Rehabilitations- und Korrekturzentren und nicht als Strafvollzugsanstalten bezeichnet werden. Das kann nur gelingen, wenn man Gesetze korrigiert. Wenn man eingesperrt wird, lass es einfach geschehen. Es ist keine große Sache."

Der 60-Jährige transferierte gerade seine Modefirma von Istanbul nach Brüssel, um als Investor Bleiberecht zu erlangen. Seinen Grundbesitz in Istanbul will er verkaufen. Die Angestellten seiner Modefirma reduzierte er von 27 auf fünf. Ob er weiter als Modeschöpfer arbeitet, weiß er noch nicht.

"Ich wurde nicht gefoltert. Aber ich hörte von Leuten, die ihre Zellen anzünden, von Insassen, die in Beobachtungsräume geschickt werden, von Frauen, die die ganze Nacht über laut weinen. Andere Insassen berichteten, dass ihre Brustwarzen mit Nadeln malträtiert wurden. Es gibt Folter im Gefängnis in Silivri. In allen Strafanstalten der Türkei wird gefoltert. Aber ich wurde nicht körperlich gefoltert. Ich wurde psychologisch fertiggemacht, antisemitisch und homophob angegangen."

Der Modemacher spricht neben Türkisch auch Englisch, Französisch und Deutsch. Şansal ist gebildet, reich und lebt offen schwul. In die Zukunft schaut der Couturier trotz allem optimistisch:

"Natürlich sind wir alle besorgt. Sie verletzen unsere Rechte auf körperliche Unversehrtheit. Sie behindern unsere Gedanken-, Rede- und Bewegungsfreiheit. Aber wir können diese Probleme überwinden. Wir sollten weiter dafür kämpfen, mit den Menschenrechten als Grundlage. Wir sollten unsere Welt auf Gleichheit, Gemeinschaft und Gerechtigkeit aufbauen, und dann sollten wir dafür eintreten. Dann werden wir gehört werden."