Türkische Religionsbehörde kritisiert neue liberale Moschee in Berlin

Die Kirche St. Johannes beherbergt die neue Moschee

Die türkische Religionsbehörde Diyanet hat die neu eröffnete Ibn Rushd-Goethe-Moschee in Berlin scharf kritisiert. Ihre Praktiken seien nicht mit den "grundlegenden Quellen" des Islam vereinbar, erklärte Diyanet-Direktor Mehmet Görmez. In dem liberalen Gotteshaus sollen Frauen und Männer nebeneinander beten. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz nannte die Kritik aus der Türkei "unerträglich".

Diyanet-Direktor Görmez erklärte weiter, es handele sich bei dem Moschee-Projekt um "nichts anderes als einen Versuch zur Verfälschung der Religion". Es gehe ganz offensichtlich "um ein Projekt des Religionsumbaus, das seit Jahren von Fetö und ähnlichen verurteilungswürdigen Organisationen vorangetrieben wird", erklärte Görmez.

Als Fethullah-Terrororganisation (Fetö) wird in der Türkei die Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen bezeichnet, die von der Regierung in Ankara für den versuchten Militärputsch vom vergangenen Juli verantwortlich gemacht wird.

SPD-Kanzlerkandidat Schulz verurteilte die Kritik aus der Türkei an der Moschee scharf. Die Angriffe auf die "liberale Moschee in Berlin sind unerträglich", sagte Schulz dem Berliner "Tagesspiegel" (Donnerstagausgabe). Im Islam gebe es unterschiedliche Strömungen - genau wie im Christen- oder Judentum, sagte der SPD-Chef. Für jede dieser Strömungen gelte die Religionsfreiheit. "Das ist in Deutschland selbstverständlich", sagte Schulz der Zeitung. "Und das sollte es auch in anderen Ländern sein."

Die Berliner Anwältin und Imamin Seyran Ates hatte am Freitag in einer protestantischen Kirche im Stadtteil Moabit die Moschee eröffnet, in der Frauen und Männer nebeneinander beten können. Sie soll Muslimen aller Glaubensrichtungen offenstehen. Die Frauenrechtlerin will damit einen Ort des liberalen Islam schaffen und eine Alternative zu den Moscheen der konservativen Islamverbände bieten.

"Ich habe an alle möglichen Bedrohungsszenarien gedacht, aber nicht daran, dass die türkische Seite die Moschee in die Nähe des Gülen-Netzwerkes bringt, um uns zu diffamieren", sagte die Moschee-Gründerin dem "Spiegel". Die Vorwürfe seien "einfach absurd".

Der Vorsitzende der Gülen-nahen Stiftung Dialog und Bildung, Ercan Karakoyun, distanzierte sich nach der Eröffnung von der Moschee. "Diese Moschee entspricht nicht unserer Vorstellung des Islams", sagte Karakoyun. Er gab an, Morddrohungen erhalten zu haben, nachdem ihn ein türkischer Fernsehsender fälschlicherweise mit dem Projekt in Verbindung gebracht hatte.

Diyanet-Direktor Görmez erklärte, er erwarte, dass "alle unsere Glaubensbrüder" jegliche "Provokation" gegenüber Initiativen wie der neuen Moschee vermeiden würden.

Diyanet ist für die mehr als 80.000 Moscheen in der Türkei zuständig und mit rund 120.000 Mitarbeitern eine der größten staatlichen Institutionen. Kritiker haben ihr in den vergangenen Jahren immer wieder eine übergroße Nähe zur regierenden AKP des islamisch-konservativen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan vorgeworfen. Ankara steht international in der Kritik, weil die Regierung seit dem Putsch mit aller Härte gegen angebliche Gülen-Anhänger und andere Oppositionelle vorgeht.