Die Türkische Lira fällt ins Bodenlose


In sozialen Medien wird über manche Themen häufiger gesprochen als über andere. Diese sogenannten „Trending Topics“ sind von Land zu Land unterschiedlich. Am Mittwoch machte in der Türkei ein markantes Stichwort auf Twitter die Runde: „Dollar 3.95“. Das bedeutete, dass die Türkische Lira gegenüber dem US-Dollar auf ein neues Langzeittief gefallen war – und das beschäftigte die Menschen.

Offenbar hat auch der türkische Notenbankchef Murat Cetinkaya die Aufregung um die türkische Währung mitbekommen. Am Mittwoch gab der Währungswächter bekannt, neu gedrucktes Geld nicht mehr so leicht auf den Markt zu werfen, um dem Verfall entgegenzuwirken. Die maximale Höhe für sogenannte Übernachtkredite, mit denen sich Geschäftsbanken besonders schnell Geld bei der Zentralbank leihen können, seien auf Null gesetzt worden, gab die Bank am Mittwochmorgen bekannt. Das entspricht einer Erhöhung des Leitzinses in dem Land um 0,25 Prozent.

Der Schritt spiegelt den Spagat wieder, in dem sich die Notenbank befindet. Einerseits muss sie dem krassen Währungsverfall entgegen treten, der die wirtschaftliche Entwicklung des Landes bedrohen könnte. Andererseits sieht sich Währungswächter Cetinkaya politischem Druck ausgesetzt, die Zinsen niedrig zu halten. Dieser Druck kommt von ganz oben, aus dem Präsidialamt in Ankara. Und er könnte dafür sorgen, dass die Erholung der türkischen Wirtschaft irgendwann ein jähes Ende findet.


Wirtschaftlich geht es der Türkei zwar gut. Im zweiten Quartal dieses Jahres wuchs das Bruttoinlandsprodukt auf Jahressicht um 5,1 Prozent. Regierungschef Binali Yildirim meinte bei der Veröffentlichung der Zahlen, niemand solle überrascht sein, wenn am Ende des Jahres sieben Prozent stehen würden.

Nach dem blutigen Putschversuch vor über einem Jahr hat sich die Lage erstaunlich schnell stabilisiert. Das liegt auch an umfangreichen Konjunkturprogrammen Auch der Tourismussektor bewegt sich auf das Niveau von vor dem Umsturz zu. Während 2016 die Einnahmen aus dem Fremdenverkehr auf 22 Milliarden US-Dollar fielen, sollen sie in diesem Jahr wieder bei 26 Milliarden liegen, prophezeit die Regierung.


Zweistellige Inflation

Doch andere Kennzahlen zeigen, dass dieses Wachstum teuer erkauft wird. Die Inflationsrate kletterte zuletzt auf 11,9 Prozent, während die Notenbank ein Inflationsziel von fünf Prozent jährlich anstrebt. In der Eurozone liegt dieses Ziel bei zwei Prozent jährlich. Gleichzeitig fällt die Lira zu den Leitwährungen Dollar und Euro ins Bodenlose.

Hinzu kommen politische Probleme. Die einst enge Bindung der Türkei und ihrer Wirtschaft zum Westen wird derzeit mehr und mehr aufgeweicht. Mit den USA liegt Ankara über Kooperationen im syrischen Bürgerkrieg im Clinch, mit der EU wegen der stockenden Beitrittsverhandlungen und der anhaltenden Kritik aus europäischen Hauptstädten an der Repression gegen Oppositionelle in dem Land.


Am Mittwoch war ein US-Dollar 3,96 Lira wert, ein Euro kostete rund 4,65 Lira. Im Vergleich: Vor viereinhalb Jahren war die Lira noch doppelt so stark. Jeder Notenbankchef würde in einem solchen Fall empfehlen, die Leitzinsen der Landeswährung anzuheben. Damit würde verhindert, dass noch mehr Geld in den Wirtschaftskreislauf gerät. Stattdessen würde das bereits vorhandene Geld begehrter werden – und dadurch im Vergleich zu Auslandswährungen wieder teurer. Die Preise könnten sich dadurch stabilisieren, Unternehmen und Privatpersonen wären in der Lage, auch langfristig Geld zu investieren oder zu sparen.

Nicht so in der Türkei. Staatschef Erdogan sagte Mitte November, die Notenbank sei „auf einem falschen Weg“, wenn sie die Zinsen erhöhen wolle. Erdogans Kalkül: Niedrige Zinsen kurbeln die Wirtschaft an. Denn wenn das Geld billig ist, wollen sich Unternehmer viel davon leihen, um es in Projekte zu investieren. Zum Beispiel im Bausektor: In der Türkei werden derzeit Flughäfen, Straßen und Kraftwerke im Akkord gebaut, um die Infrastruktur des Landes zu stärken.

Anders ausgedrückt: Wenn die Leitzinsen niedrig sind, sind es auch die Zinsen für Kredite, die für solche Milliardenprojekte aufgenommen werden müssen. Die Wirtschaft wächst dann. Die deutsche Außenhandelsorganisation „Germany Trade and Invest“ fasst es so zusammen: „Die türkische Regierung setzt Wachstum vor Stabilität.“


Und so kommt die Mini-Zinsanhebung bei Investoren und Analysten nicht gut an. Tim Ash vom Asset-Manager Bluebay aus London fragt ironisch, ob 0,25 Prozentpunkte Zinserhöhung „irgendeinen Unterschied machen“. Unterdessen kletterten die Zinsen für türkische Staatsanleihen am Mittwoch auf 13,11 Prozent. Der Wert liegt bloß gut einen Prozentpunkt über der jährlichen Inflationsrate in der Türkei.

Am 14. Dezember treffen sich die türkischen Notenwächter erneut, um über die Situation zu beraten und gegebenenfalls die Zinsen anzuheben. Kiran Kowshick von Unicredit meint, die Zentralbank müsse die Zinsen dann um mindestens 1,5 bis 2 Prozentpunkte anheben, um den Währungsverfall aufzuhalten. „So lange sich die Zentralbank auf der Stelle bewegt, bleibt eine weitere Lira-Schwächung sehr wahrscheinlich“, zitiert die Nachrichtenagentur Bloomberg den Analysten.