Türkische Familie auf der Flucht: "Ich habe ihr erzählt, dass es ein Spiel ist"

Tahsin war stellvertretender Direktor für Waisen im türkischen Familien- und Sozialministerium in Ankara. Dann kam der Putschversuch im Juli 2016 und Erdoğan entließ ihn per Dekret als Gülen-Anhänger. Kurz danach kam der Haftbefehl. Sein Haus, Auto, seine Konten und sein Pass wurden konfisziert.

Ein Jahr lang versteckte er sich mit seiner Frau Meryem und den drei Kindern in der Türkei. Dann entschieden sie sich dafür, die gefährliche Überfahrt nach Griechenland zu wagen.

Tahsin versuchte seiner Tochter die Angst vor der Flucht zu nehmen:

"Ich habe meine Tochter Rana genommen und ihr erzählt, dass das ein Spiel wäre. Ich sagte: 'Wir spielen ein Spiel mit 3 Leveln. Wenn wir es schaffen, geben sie uns einen Preis.'

Als ersten Schritt müssen wir den Fluss nach Griechenland überqueren, nach Alexandroupolis. Ich sagte ihr, dass wir lange laufen müssen, an Sümpfen vorbei, aber wir überhaupt nicht reden werden. Der zweite Schritt, den ich ihr sagte, war, dass wir uns der Polizei ergeben, wenn wir in Griechenland sind. Sie würden uns in einen geschlossenen Bereich bringen und wir würden an diesem Ort für zwei, drei Tage bleiben. Sie sollte keine Fragen stellen und den Regeln folgen. Wenn sie sich dort nicht beschwert und nicht weint, hat sie den zweiten Level absolviert und bekommt einen größeren Preis. Der dritte Schritt, wenn wir wieder frei sind, gehen wir nach Athen. Dort werden wir mit Leuten leben, die kein Türkisch sprechen. Wenn sie deren Sprache lernt, zur Schule geht und mit ihrem Lehrer dort Griechisch spricht, werden wir zurück zu unserem Haus nach Ankara gehen."

Seine Frau Meryem, die früher als Lehrerin arbeitete fügt unter Tränen hinzu:

"Nicht einmal die meisten Erwachsenen können dort laufen. Aber weil sie dachte, dass es ein Wettbewerb sei und es am Ende einen großen Preis gäbe...lief sie dort... Und wenn ich versuchte, sie auf meinen Arm zu nehmen, sagte sie mir: 'Bitte lass mich runter, Mama, ich will das Spiel gewinnen.'"

Tahsins Familie hatte Glück, dass die Flucht aus der Türkei und die Überfahrt nach Griechenland gelangen. Andere Familien hatten weniger Glück.

Hüseyin Maden, ein Freund von Tahsin, und seine Frau Nur sind von Erdoğans Regierung ebenfalls beschuldigt worden, Beziehungen zur Gülenbewegung zu haben, und waren im Oktober vom Dienst suspendiert worden. Die Familie wollte das Land verlassen, konnte den Schlepper aber nicht bezahlen und machte sich deshalb in einem alten Holzboot auf den Weg.

Nach zwei Wochen ohne Lebenszeichen rief Hüseyins Bruder Tahsin an und bat ihn, nach Hüseyin zu suchen. Diese Bilder der Familie schickte er mit. Doch Tahsins Suche blieb ohne Erfolg.

Im November wurden drei Leichen an die Küste der griechischen Insel Lesbos gespült. Wahrscheinlich handelt es sich dabei um Hüseyin sowie dessen Sohn und Tochter.

"Wir konnten Hüseyin Madens Vater und Mutter nicht sagen, dass diese Leichen zu ihrem Sohn und ihren Enkeln gehörten. Sie haben noch immer Hoffnung und warten auf die Ergebnisse des DNA-Tests", meint Tahsin.

Hüseyins Bruder, früher Militäroffizier, wird ebenfalls beschuldigt, Gülen-Unterstützer zu sein. Sein Pass wurde konfisziert und er darf das Land nicht verlassen. Er ist sich sicher, dass Hüseyin tot ist.

"Man schätzt, dass etwa 300 Familien von angeblichen Gülen-Anhängern die gefährliche Überfahrt nach Griechenland unternommen haben. Sie haben Angst um ihre Angehörigen zu Hause. Die meisten von ihnen haben Asyl beantragt, aber manchmal müssen sie drei Jahre warten bis sie eine Antwort bekommen", so Michalis Arampatzoglou, euronews Athen.