Wie die Türken mit 11,9 Prozent Inflation umgehen

Trotz einer Inflation von 11,9 Prozent ist die türkische Wirtschaft ist stabiler, als die meisten Kritiker vermuten. Sie liefe noch besser, wenn Präsident Erdoğan sich heraushalten würde.


Die deutsche Wirtschaft hat sich mittlerweile mit den politischen Verhältnissen in der Türkei arrangiert. „Die Geschäfte laufen gut, das wissen Sie ja alle“, so begrüßte am Mittwochabend ein Redner bei der deutschen Handelskammer die anwesenden Unternehmer.

Dennoch scheint die wirtschaftliche Lage der Türkei Rätsel aufzugeben. Von außen betrachtet befindet sich das Land kurz vor dem wirtschaftlichen Kollaps, wer innerhalb der türkischen Landesgrenzen sitzt, hat ein mitunter ein völlig anderes Bild der Lage. Tatsache ist: Die türkische Wirtschaft wächst - im dritten Quartal dieses Jahres um über fünf Prozent. An der Art der Datenermittlung mag einiges zu kritisieren sein, unter dem Strich aber profitiert das Land von einem demographischen Segen in Form einer jungen, konsumhungrigen Bevölkerung.

Tatsächlich ist momentan eines der größten Probleme der Deutschen in der Türkei, Mitarbeiter aus Deutschland zu finden, die für einige Jahre in der Türkei arbeiten möchten. Dabei lässt es sich gerade jetzt mit einem Euro-Gehalt gut leben. 4,66 türkische Lira erhielt man am Mittwoch für einen Euro. Das ist kein historischer Tiefststand, wie manche deutsche Medien berichteten (2004 bekam man für einen Euro knapp eine Million Lira), aber es ist tatsächlich der niedrigste Kurs, seitdem die „neue türkische Lira“ 2005 eingeführt wurde.




Türkische Lira mit Wertverlusten und hoher Inflation

Ein Grund dafür ist das hohe Leistungsbilanzdefizit des Landes: Die Türkei führt mehr Waren ein, als sie exportiert. Schuld daran haben vor allem die hohen Energie-Importe aus Russland. Dafür kann die Politik wenig.

Problematisch allerdings ist, dass der Präsident mit seinen Äußerungen wider des ökonomischen Sachverstands die Situation weiter verschlimmert. Erst kürzlich sprach er sich wieder dafür aus, die Zinsen zu senken. Das ist schlicht Unfug angesichts einer Inflation von 11,9 Prozent - der höchste Wert seit dem Putschversuch im Juli 2016, und weit über dem offiziellen Ziel von fünf Prozent. Der Leitzins der Zentralbank liegt indessen schon bei 8,0 Prozent, ohne dass dies die Inflation deutlich bremsen würde.




Zudem sind die Leitzinsen der Notenbank immer noch zu hoch, wenn es nach Erdoğan geht. Denn in der Welt des Präsidenten sind hohe Zinsen die Ursache für eine hohe Inflation, und nicht ein Mittel um sie zu bekämpfen. Darüber, woher diese Überzeugungen stammen, lässt sich nur mutmaßen. Wahrscheinlich sind sie vom islamischen Zinsverbot inspiriert, wonach eine zinslose Wirtschaft ein erstrebenswertes Ziel ist.

Fakt ist: In der modernen Finanzwelt tragen solche Äußerungen nicht gerade zur Entspannung bei - auch wenn sich viele Banker und Händler bereits an den Rhythmus gewöhnt haben: Der Präsident prescht mit unsachlichen Parolen nach vorne, Männer mit wirtschaftlichen Sachverstand aus der zweiten Reihe, wie der stellvertretende Ministerpräsident Mehmet Şimşek reparieren den entstandenen Schaden in mühevoller Kleinarbeit wieder.



Korruptionsskandal belastet internationale Beziehungen


Für den jüngsten Kursverfall der Lira aber dürfte es noch einen anderen Grund geben. Der sitzt in jenseits des Atlantiks in den USA. Letzte Woche gab der iranisch-türkische Geschäftsmann Reza Zarrab bekannt, er wolle mit den Ermittlern kooperieren. Für Erdoğan könnte das zu einem ernsthaften Problem werden. Zarrab wird in den USA beschuldigt, die Wirtschaftssanktionen gegen den Iran unterlaufen zu haben, indem er iranisches Öl und Gas gegen türkisches Gold tauschte.

Aber es kommt noch schlimmer: Mehrere Minister und Familienmitglieder Erdoğans sollen in den Handel verwickelt gewesen sein. Der Korruptionsskandal wurde 2013 aufgedeckt, der heute 34-jährige Zarrab kam kurz in Untersuchungshaft, wurde dann aber freigelassen und reiste in die USA aus. Die Vorfälle werden von Ankara heute als gülenistische Verschwörung bezeichnet.

Seitdem klar geworden ist, dass Zarrab aussagen wird, spitzen sich die Spannungen zwischen beiden Ländern zu. Seit September verweigern die NATO-Partnern den jeweiligen Staatsbürgern ein Visa. In Folge dessen stürzte die Lira ab. Auf den Märkten werden diese Entwicklungen genau beobachtet. Am kommenden Montag soll das Verfahren gegen Zarrab eröffnet werden - der Fall hat das Potenzial, den türkischen Politikbetrieb und damit auch die Wirtschaft zu erschüttern.




Deswegen von einer Währungskrise zu sprechen, ist verführt. Aber freilich belastet die schwache Lira den Staatshaushalt und türkische Unternehmen. „Die jüngste Kursentwicklung spiegelt nicht den Zustand der türkischen Wirtschaft wider“, sagt Jan Noether von der deutschen Handelskammer in Istanbul. „Der Verfall hat eher politische Ursachen. „Natürlich aber belastet eine schwache Lira türkische Unternehmen, die Fremdwährungskredite haben, oder auf Importe angewiesen sind.“

An Erdoğans Beliebtheit bei seinen Anhängern ändert all dies wenig. Im vergangenen Jahr erhöhte die Regierung auch den Mindestlohn um rund zehn Prozent auf 1777 türkische Lira. Durchschnittlich lagen die nominalen Lohnsteigerungen bei acht Prozent 2017. Für Arbeitnehmer ergab sich also eine reale Teuerung von vier Prozent.

Eigentlich müssten sich die Türken längst an die hohe Inflation gewöhnt haben, zum Beispiel weil Fleischwaren ständig teurer werden. Aber über steigende Preise zu klagen, hat Tradition in der Türkei. Zwischen 1970 und 2002 lag die mittlere Teuerungsrate bei 40 Prozent. Erst unter der AKP-Regierung und einer Währungsreform blieben die Preise relativ stabil - das rechnen viele Türken der Partei und Erdoğan noch hoch an. Und auch die Exportwirtschaft freut sich: Eine schwächere Lira ist gut für das Geschäft.