Tübinger Modell schließt wieder - und diese anderen Modellstädte auch

Business Insider Deutschland
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Traurige Nachrichten für die Stadt Tübingen. Die Modellstadt für mögliche Öffnungsstrategien muss ihre Geschäfte wieder schließen, berichtete die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Lange war die Stadt Vorreiter in Sachen Schnelltests und konnte damit die Infektionszahlen im Vergleich zum Umland niedrig halten. Für mehrere Wochen konnten die Menschen in Tübingen mit einem negativen Schnelltest und unter Einhaltung der Hygiene-Vorschriften in der Innenstadt einkaufen. Nun hat das ein Ende. Der Grund: das vom Bund verabschiedete einheitliche Gesetz zur „Corona-Notbremse“.

Obwohl das Schnelltest-Verfahren in Tübingen gut funktioniert haben soll, müssen nun wieder alle Geschäfte schließen. Für die Schließung in Tübingen sind nicht die Zahlen der Stadt selbst verantwortlich, sondern die hohen Inzidenzwerte im umliegenden Landkreis. Die niedrigen Zahlen der Stadt ändern daran nichts. Das bereitet nicht nur den Kundinnen und Kunden Ärger, die sich danach sehnen, ein wenig Normalität zurückzuerlangen, sondern ebenso sehr den Geschäftsinhaberinnen und Geschäftsinhabern. „Die Modellversuche waren und sind ein wichtiges Signal für die Händlerinnen und Händler sowie die Kundinnen und Kunden, dass es mehr geben muss als einfach nur eine Schließung der Geschäfte“, sagte der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes HDE Stefan Genth. Anders als in anderen Städten lag die Sieben-Tage-Inzidenz meist bei unter 100. Zwar stiegen die Zahlen nach den ersten Öffnungen an, wie Kritikerinnen und Kritiker anmerkten, doch wurde auch sehr viel mehr getestet. Mehr Tests tragen dazu bei, dass die Dunkelziffer der Erkrankten sinke, so der Geschäftsführer des Tübinger Modehauses Zinser, Christian Klemp.

Auch andere Modellregion schließen

Neben Tübingen müssen auch weitere Modellstädte schließen. In Hessen musste die Stadt Alsfeld die Geschäfte der Innenstadt nach kurzer Zeit wieder dicht machen, da die Infektionszahlen zu hoch waren. Augustusburg, eine Stadt in Sachsen, hatten drei Wochen ihre Hotels, Gaststätten und Museen für negativ Getestete offen. Dort wird derzeit auf die Auswertung der Infektionszahlen gewartet, die bestimmt, ob auch dort wieder alle Einrichtungen schließen müssen. Und auch im Saarland muss das nach Ostern begonnene Projekt „Saarland-Modell“ fast überall abgebrochen werden. Die Sieben-Tage-Inzidenz ist in den meisten Gebieten über 100. Nur im Kreis Saarpfalz liegen die Infektionszahlen darunter. Die Region darf vorerst mit ihrem Projekt fortfahren. Bis zu einer Inzidenz von 150 darf mit einem negativen Schnelltest und vorigem Termin eingekauft werden. Steigt die Inzidenz über 150 an drei aufeinanderfolgenden Tagen, müssen alle Geschäfte, bis auf die des täglichen Bedarfs, schließen. Danach ist nur noch Click & Collect möglich — online bestellen und abholen.

Stefan Genth betonte mit Verweis auf Angaben des Robert-Koch-Instituts und die Technische Universität Berlin, das Einkaufen in Geschäften berge nur ein vergleichsweise geringes Infektionsrisiko. Er beklagt, dass die Modellversuche einfach abgebrochen werden und damit die Chance vertan werde „möglichst viele Tests durchzuführen und einen Beitrag zur Eindämmung der Pandemie zu leisten.“ Vor allem für die Geschäftsinhaberinnen und Geschäftsinhaber waren solche Modellprojekte ein Hoffnungsschimmer in schweren Zeiten.

Die Virologin und Befürworterin der No-Covid-Strategie, Melanie Brinkmann, ist ebenfalls der Meinung, dass eine Fortsetzung solcher Modellregionen verantwortbar sei. Unter strenger Beobachtung und Nachverfolgung der Kundinnen und Kunden, sei ein solcher Versuch vertretbar. Die Infektionszahlen in Tübingen stagnierten seit April — zwar auf einem hohen Level —, aber sie nahmen nicht zu. Eher sank die Zahl der der Neuinfektionen. Das zeige, dass die Strategie funktioniere, so Brinkmann.

Viele Geschäftsinhaberinnen und Geschäftsinhaber beklagen, dass die Öffnungen sich wirtschaftlich wenig gerechnet haben. Die Einkäufe bleiben weiterhin aus. Einige Händlerinnen und Händler berichten von Umsatzeinbußen von über 60 Prozent im Vergleich zu Vor-Corona-Zeiten. Beim Einkaufen mit voriger Terminvereinbarung lagen die Einbußen bei knapp 47 Prozent. Dennoch, sagt der Geschäftsführer des Handelsverbandes, Stefan Genth, „ist beides ein möglicher Weg, um Kunden zu halten und Verluste abzufedern. Wir brauchen jedoch zwingend eine Perspektive nach vorn, raus aus dem Lockdown, für ein sicheres Einkaufen mit funktionierendem Hygienekonzept.“ Viele betonen, dass eine eingeschränkte Öffnung besser sei, als komplett geschlossen zu haben.

jk