Syrien-Wunder: Reporter weint hemmungslos

Marcel Bohnensteffen
Jubel in Syrien: durch einen Last-Minute-Ausgleich ist das Team für die WM-Playoffs qualifiziert

Es heißt, Fußball sei die schönste Nebensache der Welt. Nie zuvor hatte dieser Satz so eine Bedeutung wie derzeit in Syrien. 

In dem Land tobt seit Jahren Bürgerkrieg. Menschen fliehen vor Terror, Folter und einem tyrannischen Herrscher. Es ist kaum vorstellbar angesichts dieser Zustände, aber zwischendurch wird in Syrien tatsächlich noch Fußball gespielt. 

Es muss eine emotionale Ausnahmesituation sein, die die syrischen Nationalspieler in diesen Wochen bewältigen müssen. Während Millionen ihrer Landsleute um ihr Leben fürchten, treten sie in der WM-Qualifikation an. 

Syriens Fußballer wollen "Menschen glücklich machen"

Für jeweils 90 Minuten tritt Krieg in den Hintergrund, wird Fußball zur Hauptsache. "Wir möchten die Menschen einfach glücklich machen", sagt Muwaffaq Fathallah, Sportlicher Leiter des Nationalteams. Menschen, die vom Tode bedroht sind, glücklich machen. Und sei es nur für wenige Stunden. 

Am Dienstagabend war wieder so ein kurzzeitiger Glücksmoment für das syrische Volk. Im abschließenden Gruppenspiel gegen den Iran lag die Nationalmannschaft bis zur 93. Minute 1:2 zurück. Das Team brauchte unbedingt einen Punkt für die Teilnahme an den Playoffs. 


Dann schlug die Stunde von Omar Al Somah. er wurde mit einem Pass in die Tiefe geschickt, zog aus vollem Lauf ab und traf in allerletzter Sekunde zum Ausgleich. Während ihn seine Mitspieler unter einer Jubeltraube begruben, flossen auf der Tribüne Tränen. Bei Fans. Bei Angehörigen. Auch bei Reportern. 

Ein Kommentator des syrischen Fernsehens war durch das späte 2:2 so aufgelöst, dass er hemmungslos zu weinen begann. Es war ein Moment der Glücksgefühle in dramatischen Zeiten.  


"Fußball ist ein Instrument der Liebe"

Durch Al Somahs Treffer lebt der syrische WM-Traum weiter. In den Asien-Playoffs wartet als nächster Gegner Australien. Danach geht es gegen den Vierten der Nord- und Zentralamerika-Gruppe. Nach derzeitigem Stand wird das Honduras sein. 

Dann wird in Syrien erneut der Fußball in den Mittelpunkt rücken. Vorübergehend zumindest. "Der Fußball ist ein Instrument der Liebe", sagt Kouteibah Al Refai, der Generalsekretär des Verbandes, "es bringt die syrische Bevölkerung zusammen". 

Worte, bei denen die Augen schon wieder feucht werden...