SUV-Offensive sorgt für rosige Aussichten


Die Sanierung der Automarke Volkswagen läuft besser als vom Unternehmen selbst angekündigt. Weil Volkswagen unerwartet viele Autos verkauft und auch die Kosten im Zaum gehalten hat, erhöht die Marke ihr Renditeziel für das Jahr 2017. Für die operative Rendite hatte Volkswagen bislang eine Spanne von 2,5 bis 3,5 Prozent angekündigt. Jetzt wird die Ertragsrate „moderat“ über dieser Spanne liegen, wie der Konzern am Donnerstag in Wolfsburg verkündete. Die Marke Volkswagen ist der wichtigste Teil des gesamten Konzerns; etwa 60 Prozent der Verkäufe entfallen allein auf VW.

Das Management in Wolfsburg sieht sich durch die jüngsten Entwicklungen bestätigt. „Wir haben die grundlegende Neuausrichtung eingeleitet, die Strategie greift“, sagte VW-Markenchef Herbert Diess. VW verfolge das Ziel, bis zum Jahr 2020 zum wichtigsten Volumenanbieter in allen Weltregionen aufzusteigen – mit neuen Elektroautos und vielen zusätzlichen Geländewagen (SUV). Nachholbedarf hat Volkswagen vor allem in den USA und in Teilen Asiens.

Weil die Geschäfte zwei Jahre nach dem Bekanntwerden der Dieselaffäre vergleichsweise gut laufen, erhöht die Marke auch ihre längerfristigen Renditeziele. Für das Jahr 2020 hatte Volkswagen bislang eine operative Rendite von „mindestens vier Prozent“ versprochen. Jetzt geht es auch mit diesem Wert etwas nach oben. Nun soll für das Jahr 2020 ebenfalls eine Spanne gelten: Die Marke VW peilt einen Wert zwischen vier und fünf Prozent an. Im vergangenen Jahr hatte es in Wolfsburg noch deutlich düsterer ausgesehen. Anfang 2016 hatte die Marke noch nicht einmal ein Prozent Rendite geschafft. Als guter Branchenwert gelten etwa sechs Prozent, die Konkurrenten wie der Peugeot-Konzern erreichen.


Auch unter Investoren wird der Kurswechsel in Wolfsburg anerkannt. Die VW-Aktie gehört seit Wochen zu den großen Gewinnern im deutschen Aktienindex Dax. Der Titel konnte sich wieder deutlich über der Grenze von 170 Euro festsetzen und liegt damit inzwischen über dem Niveau aus der Zeit vor der Dieselaffäre. Bei der Dividendenrendite entwickelt sich die VW-Aktie inzwischen sogar besser als die Titel von Daimler und BMW. „Heute lohnt es sich wieder, eher eine VW-Aktie zu halten als die Papiere der deutschen Konkurrenten“, sagt Arndt Ellinghorst beim Investmentberater Evercore ISI. Investoren würden dem VW-Management inzwischen glauben, dass es den Turnaround ernst nehme, vor allem bei der Konzernmarke Volkswagen. Die Dieselaffäre sei der Auslöser gewesen, der den großen Umschwung überhaupt erst möglich gemacht habe. Unter Investoren zähle VW wegen des eingeleiteten Umschwungs mittlerweile als „heiße Aktie“.


Dass sich die Verkaufszahlen in diesem Jahr wieder gut entwickelt haben, führte Markenchef Diess vor allem auf die SUV-Offensive zurück. 2017 steuere Volkswagen deshalb auf einen neuen Absatzrekord zu. „Wir werden deutlich mehr als sechs Millionen Autos verkaufen“, sagte er. In vielen Regionen der Welt gewinne VW wieder Marktanteile dazu. „Auf wichtigen Märkten wie Russland und Südamerika sind wir wieder auf Wachstumskurs“, ergänzte Finanzvorstand Arno Antlitz.

Nur auf dem Heimatmarkt Deutschland lief es für Volkswagen schlechter. Hierzulande ist das Vertrauen der Kunden wegen der Dieselaffäre verlorengegangen. Das Management in Wolfsburg hofft auf eine Trendwende im nächsten Jahr: mit neuen Modellen und sauberen Dieselmotoren. Außerdem hilft die Umweltprämie: Halter alter Dieselautos tauschen vermehrt ihre Autos um, 50.000 sind es bislang. Im nächsten Jahr wird es die Wechselprämie allerdings nicht mehr geben, wie Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann sagte. VW führe möglicherweise andere Formen der Verkaufsförderung ein, es gebe aber noch keine Entscheidung.


Sparkurs sorgt für Entspannung bei den Kosten

Nach zehn Monaten liegen die VW-Verkaufszahlen bei mehr als fünf Millionen Autos – eine Steigerung von gut drei Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. 550.000 weltweit ausgelieferte Autos bedeuteten den besten Oktober aller Zeiten für die Marke. VW rechnet damit, dass sich die Verkaufsdynamik zum Jahresende eher noch beschleunigen wird. Auch in den kommenden Jahren sollen die SUV Volkswagen weiter nach oben bringen: Bis 2020 könnte es weltweit 20 Geländewagen der Marke VW geben. Etwa 40 Prozent aller verkauften Modelle wären dann ein SUV. Mit den Geländewagen verdient Volkswagen das Geld, um den Einstieg in die Elektromobilität zu finanzieren.


„Mit attraktiven Modellen haben wir die Trendwende geschafft und gewinnen Marktanteile“, sagte VW-Vertriebsvorstand Jürgen Stackmann. Die Modelloffensive habe gerade erst begonnen, die Pipeline mit neuen Fahrzeugen sei in den kommenden Jahren gut gefüllt. Dabei helfe auch die neue Autonomie  der Regionen. So seien etwa in Südamerika erstmals wieder zwei eigene neue Modelle vor Ort und nicht in Wolfsburg entwickelt worden.

Dass es mit der Marke Volkswagen vorangeht, liegt auch an der Umsetzung des VW-Sanierungsprogramms („Zukunftspakt“), das vor allem in Deutschland auf der Kostenseite für Entlastungen sorgt. Bis zum Jahr 2020 will VW damit jährlich 3,7 Milliarden Euro sparen, drei Milliarden Euro davon allein in den deutschen Werken. 23.000 Arbeitsplätze werden in Deutschland gestrichen, 9000 neue kommen vor allem für die Bereiche Elektroantrieb und Digitalisierung dazu.


In diesem Jahr sind bislang 3800 Arbeitsplätze gestrichen und 2000 neu geschaffen worden. Das im Rahmen des Zukunftspaktes angepeilte Ziel von 9200 unterschriebenen Verträgen im Altersteilzeit-Programm für 2017 wurde nach VW-Angaben zum großen Teil erreicht. In ungefähr der Hälfte der deutschen Werke seien die angekündigten Produktivitätssteigerungen geschafft worden. „Wir haben aber noch einen anspruchsvollen Weg vor uns“, betonte Markenchef Diess.

Extrem wichtig für Volkswagen ist der Produktionsstart der neuen Generation von Elektrofahrzeugen Ende 2019. Die Marke investiert in den kommenden fünf Jahren weltweit mehr als vier Milliarden Euro in die Architektur der neuen ID-Elektroautos. „Diese Baureihe ist für die Zukunft von Volkswagen von überragender Bedeutung“, betonte Herbert Diess. Dazu kommen weitere zwei Milliarden Euro für Entwicklungskosten. Das Werk im sächsischen Zwickau wird zum Zentrum der Elektrofertigung von Volkswagen.