Der SUV-Boom entlarvt die deutsche Seelenlage

Der Verkaufserfolg der so genannten SUVs ist mehr als eine Auto-Mode. In ihm offenbaren sich Ängste und Sehnsüchte der Bürger, die die Politik nicht mehr befriedigen kann.


„Weltoffenheit“ gehört zu den nicht weiter begründungsbedürftigen Werten der deutschen Gegenwartsgesellschaft. Spricht man mit leidlich gebildeten, beruflich erfolgreichen und gesellschaftlich wohlgelittenen Deutschen über deren Einstellungen, so wird man vermutlich oft Bekundungen der eigenen Aufgeschlossenheit gegenüber anderen Lebensstilen, Kulturen und Einstellungen hören. Und in Sonntagsreden und Bürgerinitiativen wird in zunehmend ritualisierter Weise die „offene Gesellschaft“ beschworen. Der Begriff geht auf ein berühmtes aber wenig gelesenes und daher meist missverstandenen Buch von Karl Popper zurück.  

Nur das Konsumverhalten will zu diesem Ideal nicht so ganz passen. Vor allem beim Autokauf offenbaren die wohlhabenden Deutschen (und nicht nur die) eher das Gegenteil von gelebter Offenheit.        

Wenn demnächst die Internationale Automobilausstellung ihre Pforten öffnet, werden mehr als je zuvor so genannte Sports Utility Vehicles (SUVs) im Zentrum des Interesses stehen. Kolossale Wagen wie der „Concept X7“ von BMW.

Seit einigen Jahren steigen die Zulassungszahlen von Geländewagen kontinuierlich an. Seit 2013 werden die tatsächlich geländetauglichen Geländewagen und SUVs vom Kraftfahrbundesamt getrennt ausgewiesen. Im Jahr 2016 wurden 426.000 Fahrzeuge dieses Segments neu zugelassen, das ist eine Zunahme gegenüber 2013 von 73 Prozent. Jeder achte neu zugelassene Pkw war ein SUV. Und der Boom hat gerade im August 2017 mit einer Steigerung von 30 Prozent bei den Neuzulassungen noch weiter zugenommen. Zählt man echte Geländewagen hinzu, ist es jeder fünfte neue Pkw.



Weder ökonomische Rationalität noch ökologische Moral sprechen für diese Autos. Mit ihren riesigen Rädern und Ausmaßen sind sie gerade in parklatzarmen Innenstädten völlig unpraktisch. Vor allem sind sie aus naheliegenden Gründen höchst unwirtschaftlich, also unverhältnismäßig teuer in der Anschaffung (daher die Liebe der Hersteller zu ihnen) und aufgrund des erhöhten Energiebedarfs auch teuer im Unterhalt. Und wirklich geländegängig sind viele der SUV-Modelle auch nicht. 

So sehr die Deutschen auch das Klima retten und die Luft reinhalten und dafür Stickoxide und Kohlendioxid vermeiden wollen - oder das zumindest behaupten: Wenn es beim Autohändler zum Schwur kommt, bleiben energieeffiziente, abgasarme Kleinwagen und Mini-Vans immer öfter links liegen. Dann muss es eben ein SUV sein.

Warum?



Alltagspanzer als Trutzburg

SUVs kommen nicht nur in ihrer äußeren Erscheinung oft einem Schützenpanzerwagen nahe. Tatsächlich ist ihr Ursprung militärisch. Ihr Stammvater ist der legendäre Willys Jeep der US-Armee im Zweiten Weltkrieg, der auch die Entwicklung des britischen Land Rovers ab 1948 inspirierte. Jahrzehntelang waren die Streitkräfte wichtigste Abnehmer der Geländewagenhersteller. Auch die G-Klasse von Mercedes wurde nicht zuletzt für die Bundeswehr als "Wolf" gebaut. Erst seit den späten 1990er Jahren eroberten diese Wagen neben Kasernen und Forsthäusern auch die besseren Wohnlagen der Städte, wo sie allerdings immer seltener zu ihrem ursprünglichen Zweck – unwegsames Gelände überwinden – eingesetzt wurden. Nicht was er kann, sondern was er signalisiert - den Insassen und der Außenwelt - ist das, was den SUV für seine Käufer attraktiv macht.



Der SUV, dieser gutbürgerliche Alltagspanzer, verschafft durch seine martialische Erscheinung und die (vermeintliche, aber de facto ohnehin nie benötigte) Geländegängigkeit das beruhigende Gefühl: Mit dem komme ich überall durch, auch wenn um mich herum alles in Scherben fällt. Wie der Ritter des Mittelalters durch sein Schlachtross und die Rüstung das gemeine Fußvolk überragte, so kann der SUV-Fahrer in erhabener Sitzposition, geschützt durch viel Blech und getragen von großzügigen Pferdestärken über die Schlachtfelder des Verkehrs ziehen. Der SUV-Fahrer wähnt sich überlegen – und verglichen mit dem Kleinwagenfahrer ist er es im Ernstfall eines Zusammenstoßes wohl auch.

Im SUV-Boom und auch im allgemeinen Trend der verschlossen wirkenden Autos mit immer weniger Fensterflächen und immer mehr Blech (man vergleiche heutige Wagen mit solchen der 1970er Jahre!) äußern sich womöglich sozialpsychologische Befindlichkeiten, die in Widerspruch stehen zu den lauten Bekenntnissen der Offenheit. Befriedigen SUV-Käufer möglicherweise bewusst oder unbewusst ein verschwiegenes Bedürfnis nach Abschottung gegenüber einer als immer unsicherer wahrgenommen Lebenswelt?   



In diesen Tagen ist nicht nur eine Umfrage über die Ängste der Deutschen vor Terror, Extremismus und Zuwanderung bekannt geworden, sondern auch das Ergebnis von 50 so genannten Tiefeninterviews, die der Psychologe Stephan Grünewald („Deutschland auf der Couch“) anlässlich der bevorstehenden Bundestagswahlen geführt hat. Sie offenbaren eine „große ungestillte Sehnsucht nach Sicherheit und Orientierung“. Deutschland werde, so Grünewald, „trotz des Wohlstandes als verwahrlostes Land mit maroden Schulen, No-Go-Areas, sozialer Ungerechtigkeit und Geheim-Absprachen zwischen Politik und Industrie gesehen“.

Durch solch ein Land fährt man lieber im Range Rover als im Fiat Panda – wenn man es sich leisten kann. Der Kampf gegen den Klimawandel muss eben warten. Außerdem werden auf der IAA schließlich auch schon Elektro-SUVs präsentiert.        



Der Boom des SUV ist also mehr als nur eine Modeerscheinung. In teuren, scheinbar irrationalen Kaufentscheidungen offenbaren Menschen ehrlicher als in billigen Lippenbekenntnissen, was sie wirklich um- und antreibt. Offenheit mag weiterhin ein geschätztes Ideal sein, aber angesichts zunehmender Ängste vor unaussprechlichen Gefahren suchen Menschen nach Sicherheit. Diese Bedrohungsgefühle sind im öffentlichen Raum weitestgehend unaussprechlich und finden in der Politik keine Beruhigung. Die Bürger fühlen sich, so Grünewalds Erkenntnis aus den Tiefeninterviews, „allein gelassen und gekränkt“, im Wahlkampf der Politiker erkennt man nur „Schönfärberei“ und ein „großes Ablenkungsmanöver“.

Wer Geld genug hat, kann dort Abhilfe suchen, wo heute alle Bedürfnisse befriedigt werden: am Markt, in diesem Fall beim Autohändler. Der SUV ist das ultimative Mittel des von der Welt abgewandten Eskapismus, eine mobile Fluchtburg (neben der immobilen im gut situierten Wohnviertel), in deren Schutz man dann weiter bequem und ungestört seine Weltoffenheit bekunden kann.

Was die weniger Wohlhabenden, die sich solchen Eskapismus aus Blech nicht leisten können, mit ihren Ängsten tun werden, bleibt dagegen eine offene Frage. „Die seelische Situation der Wähler ist kippelig“, schreibt Grünewald. „Unter der Oberfläche brodelt und rumort es“.


KONTEXT

Der SUV-Trend in Zahlen

2009

Geländewagen: 244.792 Fahrzeuge

Quelle: KBA

2010

Geländewagen: 295.254 Fahrzeuge

2011

Geländewagen: 360.105 Fahrzeuge

2012

Geländewagen: 461.244 Fahrzeuge

2013

Geländewagen: 218.068 Fahrzeuge

SUV: 246.130 Fahrzeuge

Gesamt: 464.198 Fahrzeuge

Ab 2013 hat das KBA die Segmente neu eingeteilt und SUV gesondert gelistet

2014

Geländewagen: 232.230 Fahrzeuge

SUV: 296.230 Fahrzeuge

Gesamt: 528.460 Fahrzeuge

2015

Geländewagen: 259.325 Fahrzeuge

SUV: 340.097 Fahrzeuge

Gesamt: 599.422 Fahrzeuge

2016

Geländewagen: 289.465 Fahrzeuge

SUV: 425.803 Fahrzeuge

Gesamt: 715.268 Fahrzeuge