Ein Superstar und seine dramatische Geschichte

Eric Böhm
Ali Carter erreichte zwischen 2008 und 2012 dreimal das Snooker-WM-Halbfinale

Zweimaliger WM-Finalist, Profi seit 1996 und Karriere-Preisgelder von über zwei Millionen Pfund.

Allister - meist nur Ali genannt - Carter ist eine Ausnahmeerscheinung bei den World Games 2017 in Breslau. Im Gegensatz zu den meisten anderen Athleten ist der Snooker-Star absoluter Vollprofi und weltweit ein großer Name (Die World Games LIVE im TV auf SPORT1 und im LIVESTREAM).

Im Gegensatz zu seinen Konkurrenten hat sich die aktuelle Nummer 13 der Weltrangliste (einen Rang vor Ronnie O'Sullivan) bewusst dafür entschieden, sein Land Großbritannien und seine Sportart bei den Spielen zu vertreten.

"Ich bin hier, weil ich es für richtig und wichtig halte, dass ein Topspieler hier Snooker vertritt, schließlich wollen wir zu den Olympischen Spielen. Wir haben eine massive TV-Präsenz und Fanbasis auf der ganzen Welt. Wenn ich hier dazu beitragen kann, es zu schaffen, mache ich das sehr gern. Außerdem hast du nicht oft die Gelegenheit, für dein Land zu spielen", betont Carter im Gespräch mit SPORT1.


Carter sorgt mit 136er Break gleich für Highlight

Der 37-jährige Engländer ist in Breslau der absolute Favorit und trat bei seinem Achtelfinale gegen den Australier Shaun Dalitz auch genauso auf. Beim 3:0 gelang ihm sogar ein fantastisches 136er-Break (das Maximum ist 147).

"Ich kam erst spät am Montagabend hier an und war noch etwas müde. Die ersten zwei Frames hat man das gemerkt, im dritten lief es dann mit der 136 richtig gut. Ich bin glücklich, dass ich jetzt im Turnier bin", analysiert Carter.


Trotz seines Standings tritt Carter in Breslau extrem sympathisch und bescheiden auf. Nach seinem Auftakterfolg nahm er sich für Autogramme und Selfies viel Zeit.

Zweimal Krebs besiegt

Die einstige Nummer zwei der Welt ruht einfach in sich. Durch einige Schicksalsschläge haben sich seine Prioritäten verschoben.

2013 wurde bei ihm erstmals Hodenkrebs diagnostiziert, im August 2014 folgte eine weitere Operation - dazwischen bekam Carter auch noch Lungenkrebs und begann eine intensive Chemotherapie. Aufgeben kam für ihn aber nie in Frage.

"Du kannst dich einfach hängen lassen und sterben oder aufstehen und kämpfen. Ich habe zu viel, wofür es sich zu leben lohnt: Familie, Karriere. Ich glaube, das war die richtige Einstellung, um die Krankheit zu besiegen. Mir ist dadurch bewusst geworden, wie kurz das Leben ist. Ich bin ein Perfektionist, aber du darfst dir auch nicht zu viel Stress machen", sagt Carter.

"Ich will mir die Goldmedaille umhängen lassen"

Dennoch verliert er sein Ziel zu keinem Zeitpunkt aus den Augen. Für den WM-Finalisten von 2008 und 2012 - einer von nur sechs Spielern, die bei der WM eine 147 schafften - zählt in Polen einzig und allein der Sieg: "Oh, ich will mir definitiv diese Goldmedaille umhängen lassen."

Dabei könnte ihm möglicherweise sogar eine Kontrahentin im Wege stehen. Die zweimalige Damen-Weltmeisterin Ng On Yee aus Hongkong ist ebenfalls in Breslau dabei. 2016 und 2017 versuchte sie sich jeweils in der Qualifikation der Profi-Weltmeisterschaft, stieß aber nicht ins Hauptfeld vor.

Carter hat vor der 26-Jährigen aber durchaus Respekt und traut ihr den Sprung in die Weltelite des von Männern dominierten Sports zu.

"Sie ist eine sehr gute Spielerin und hat einen Coach, der selbst zu den Top 16 gehörte. Ich sehe keinen Grund, warum sie nicht den Durchbruch schaffen sollte", lobt der viermalige Toursieger.


Zoff mit O'Sullivan beigelegt

Carter ist damit auch der Gegenentwurf zum Megastar seiner Sportart. Beide WM-Finals verlor er gegen den streitbaren O'Sullivan.

Als der Anfang 2016 mal wieder für einen Eklat sorgte, weil er bei einem Tourevent nicht auf das 147er-Maximum-Break ging - die Prämie von 10.000 Pfund war im zu niedrig - übte auch Carter Kritik.

O'Sullivan hätte das Break spielen und das Geld für einen guten Zweck spenden sollen, fand Carter - zum Beispiel der Krebsforschung. Inzwischen ist der Zoff aber beigelegt: "Ronnie ist Ronnie", sagte er, lachend: "Wir respektieren uns."

Noch fünf, sechs Jahre Snooker, dann Fliegen

Noch mindestens fünf, sechs Jahre will Carter mindestens auf dem boomenden Snooker Circuit mitspielen. Vielleicht klappt es ja sogar mit Olympia 2024. Danach will er sich seiner zweiten Leidenschaft widmen - dem Fliegen.

Seit 2009 besitzt er den Pilotenschein, am Sonntag will er aber erst einmal den obersten Podiumsplatz bei den World Games ansteuern.