Superspreader: 2 Prozent aller positiv Getesteten tragen 90 Prozent der zirkulierenden Viren

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Ein paar einzelne "Superspreader" mit großer Viruslast sind wahrscheinlich verantwortlich für den Großteil der Covid-19 Übertragungen – während gleichzeitig etwa die Hälfte der infizierten Menschen gar nicht ansteckend ist. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie der Colorado University mit mehr als 72.000 Testproben von Studierenden.

Eine zweite Studie der Universität, die als Preprint veröffentlicht wurde, untermauert die Schlussfolgerung, dass die Viruslast, also die Menge der Viruspartikel, die eine Person in sich trägt, für die Ansteckung von entscheidender Bedeutung ist. Die Forscherinnen und Forscher fanden heraus, dass nur einer von fünf Studierenden, die positiv getestet wurden, während sie in einem Wohnheim lebten, seine Mitbewohner ansteckte. Die Viruslast jener Infizierter, die jemand anderen ansteckten, war im Schnitt fast siebenmal höher als die derjenigen, die das Virus nicht weitergegeben hatten.

"Die Erkenntnis aus diesen Studien ist, dass die meisten Menschen mit Covid andere Menschen nicht anstecken, aber einige wenige Menschen stecken viele Menschen krank", fasst Sara Sawyer, Professorin für Molekularbiologin und leitende Autorin der ersten Studie, zusammen: "Wenn Sie beim Abendessen keinen Superspreader in Ihrer Nähe sitzen haben, werden sie sich kaum anstecken. Aber wenn Sie da einen haben, haben Sie Pech. Es ist ein Roulettespiel".

Daten sind eine Momentaufnahme aller scheinbar gesunder Menschen

Die Studie wurde möglich, da sich an der Universität alle Studierenden in den Wohnheimen wöchentlich auf Corona testen lassen müssen. Unter insgesamt 72.500 Proben symptomloser Personen gab es demnach 1.405 Fälle von Corona-Infektionen.

"Das Besondere an diesen Daten ist, dass sie alle von Menschen ohne Symptome stammen – eine Momentaufnahme all dieser scheinbar gesunden Menschen, von denen man annimmt, man sei in ihrer Nähe sicher", sagt Sawyer.

Mehr noch: Beim Vergleich dieser Proben mit den Proben symptomatischer Patienten ergab sich, dass die Viruslast bei den infizierten Personen ohne Symptome statistisch betrachtet genauso hoch war wie bei denen mit Symptomen. In anderen Worten: Diese scheinbar gesunden Personen waren genauso ansteckend wie schwer Erkrankte.

"Einige Asymptomatische tragen eine so hohe Viruslast wie jemand, der in einem Krankenhausbett intubiert ist"

"Das bedeutet, dass Symptome sehr wenig darüber aussagen, was im Körper einer Person vor sich geht", so Sawyer. "Einige dieser asymptomatischen Menschen tragen eine so hohe Viruslast wie jemand, der mit Covid in einem Krankenhausbett intubiert ist."

Auf nur zwei Prozent aller Corona-positiven Studierenden an der Universität entfielen insgesamt 90 Prozent aller insgesamt zirkulierenden Viren. Ein einzelner Student mit der höchsten gemessenen Belastung trug alleine fünf Prozent aller Viren in sich.

Gleichzeitig hatte jedoch die Hälfte der positiv Getesteten eine so niedrige Viruslast, dass sie wahrscheinlich trotz des positiven Testergebnisses wahrscheinlich nicht ansteckend waren.

Die Forscher ziehen daraus auch praktische Konsequenzen: "Dies ist ein weiteres Beispiel dafür, warum man nicht unbedingt superempfindliche PCR-Tests braucht, deren Auswertung länger dauern kann", sagt Koautor Roy Parker, Direktor des BioFrontiers Institute und Forscher am Howard Hughes Medical Institute. "Auch ein schnellerer, aber weniger empfindlicher Test wird alle Leute erwischen, die wirkliche hohe Viruslast in sich tragen und ansteckend sind."

Zudem untersuchten die Wissenschaftler, wie viele Mitbewohner sich gegenseitig infizierten. Auch hier gab es einige überraschende Ergebnisse: Wer mit einem Superspreader auch nur gemeinsame Räume teilt, steck sich mit hoher Wahrscheinlichkeit an. Wer allerdings mit einer infizierten Person mit niedriger Viruslast auf engem Raum lebt und sich sogar ein Zimmer teilt, infiziert sich dagegen wahrscheinlich nicht.

Bei Studierenden in Einzelzimmern war die Wahrscheinlichkeit einer Infektion im Vergleich zu denen in geteilten Zimmern zwar nur etwa halb so hoch. Das lag den Forschern zufolge aber nicht daran, dass sich das Virus zwischen Mitbewohnern ausbreitete. Vielmehr hätten frühere Untersuchungen gezeigt, dass Studierende, die allein leben, auch weniger soziale Kontakte haben.

Wer mit infizierter Person zusammenlebt, steckt sich nicht zwangsläufig an

Entscheidend für die Übertragung an Mitbewohner war ebenfalls die Viruslast. Nur 20 Prozent der infizierten Studierenden, nämlich jene mit einer signifikant erhöhten Viruslast, übertrugen das Virus auf ihre Mitbewohner. Dabei spielte es keine Rolle, ob sie sich ein Zimmer teilten oder ob beide ein Einzelzimmer bewohnten – und auch nicht, wie lange sie zusammenlebten bevor die getestete Person sich isolierte.

"Man könnte meinen, dass Studierende, die länger mit einem anderen zusammen untergebracht waren, bevor sie isoliert wurden, das Virus eher auf ihren Mitbewohner übertragen würden, aber wir sahen keinen Einfluss", kommentiert die Hauptautorin Kristen Bjorkman, wissenschaftliche Leiterin des Projekts COVID an der CU Boulder.

Dies bedeute nicht, dass die Isolierung überhaupt keinen Einfluss auf die Ausbreitung des Virus hat. Aber sie zeige zumindest, dass es durchaus nicht unwahrscheinlich ist, über längere Zeit auf engem Raum mit einer infizierten Person zusammenzuleben, ohne sich dabei anzustecken – sofern diese Person kein Superspreader ist. Handelt es sich jedoch um einen, dann ist die Ansteckungsgefahr sehr hoch – selbst wenn man sich kein Zimmer teilt und der Infizierte sich frühzeitig isoliert.

tf