Brady und Brown - Genialer Coup oder Debakel?

Philip Kearney
·Lesedauer: 4 Min.

Mit einer Bilanz von fünf Siegen und zwei Niederlagen sind die Tampa Bay Buccaneers gut in die Saison gestartet und liegen derzeit auf Playoff-Kurs.

Zu verdanken hat dies die Franchise aus Florida vor allem ihrer Defense, die die drittwenigsten Yards pro Spiel zulässt (291) und zudem die drittmeisten Turnover produziert (12).

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Doch auch die Offense trägt mit 31,7 Punkten pro Spiel - Platz drei in der NFL - ihren Teil zum bisherigen Erfolg bei, wenngleich sie die hohen Erwartungen von vor der Saison nicht immer vollends erfüllte. So folgte beispielsweise auf ein 38-Punkte-Feuerwerk gegen die Los Angeles Chargers eine 19-Punkte-Performance gegen die Chicago Bears. Superstar Tom Brady kommt immer besser in Schwung und nahm zuletzt die Las Vegas Raiders auseinander.

Für mehr solcher Spiele soll Antonio Brown sorgen, der am Dienstag seinen Vertrag unterzeichnete.

Kein finanzielles Risiko

Doch hilft der Skandal-Profi den Buccaneers wirklich weiter oder schadet Brown der Franchise sogar? SPORT1 macht den Check!

Da es in der NFL eine Gehaltsobergrenze gibt lohnt sich zunächst ein Blick auf die Finanzen. Das Gute aus Sicht der Buccaneers: Das finanzielle Risiko des Deals ist relativ gering. So soll der Vertrag von Brown nur bis zum Saisonende laufen und dem Receiver maximal 2,5 Millionen Dollar einbringen. Zum Vergleich: Bei den Steelers lag Browns Jahresgehalt noch bei 17 Millionen Dollar.

Hinzu kommt, dass sich das Grundgehalt des 32-Jährigen sogar nur auf 750.000 Dollar belaufen soll, dazu kämen 250.000 wenn Brown in jedem Spiel ab Woche neun im aktiven Kader steht. Die übrigen 1,5 Millionen Dollar erhält er lediglich dann, wenn er die vertraglich vereinbarten Ziele erfüllt. Zu diesen Zielen gehört der Gewinn des Super Bowls. Dieser würde Brown allein 750.000 Dollar bescheren.

Deutlich geringer (250.000 Dollar) fallen dagegen die individuellen Prämien für Receptions, Yards und Touchdowns aus. Mit seinem Vertrag senden die Buccaneers Brown also ein wichtiges Signal, dass die Teamleistung im Vordergrund steht.

Welchen Brown bekommen die Buccaneers?

Bleibt noch die Frage nach dem sportlichen Mehrwert.

Auf seinem Zenit gehörte Brown zweifelsohne zu den besten Receivern der Liga. 2017 landete er im Ranking der 100 besten Receiver von Bleacher Report auf Platz eins.

Auch seine Karrierezahlen sind beeindruckend: über 11.000 Receiving Yards, dazu 80 Touchdowns. Das alles in nur neun NFL-Saisons.

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Wirft man jedoch einen Blick auf die vergangene Saison, dann offenbart sich ein anderes Bild. Denn 2019 bestritt Brown nur ein Spiel. Dieses datiert aus dem September. Somit hat Brown seit über einem Jahr kein NFL-Spiel mehr bestritten.

Klammert man diesen Einsatz aus, stammt sein letztes NFL-Spiel gar aus dem Dezember 2018. Damals brillierte der Receiver noch für Pittsburgh, fing zwei Touchdowns und heimste 185 Receiving Yards ein. Brady hatte schon bei den Patriots für ihn plädiert.

Brauchen die Buccaneers Brown überhaupt?

Doch selbst wenn Brown an seine starken Leistungen aus seiner Zeit bei den Pittsburgh Steelers anknüpfen sollte stellt sich immer noch die Frage, ob die Buccaneers Brown überhaupt brauchen.

Denn mit Mike Evans und Chris Godwin ist das Team aus Tampa auf der Position des Wide Receivers bestens besetzt. Das belegen auch die Zahlen: So beendete Evans jede seiner bisherigen sechs NFL-Saisons mit mehr als 1.000 Receiving Yards. Godwin landete vergangene Saison sogar auf Platz drei (1.333 Receiving Yards). Vor dem 24-Jährigen landeten nur die Superstars Michael Thomas und Julio Jones.

Die Bucs haben also auch ohne Brown zwei Top-Receiver im Kader. Ein dritter dieses Kalibers könnte für Unmut bei Evans und Godwin sorgen, da beide wohl ungern auf Pässe von Brady verzichten werden.

Hat sich die Einstellung von Brown gewandelt?

Das größte Fragezeichen steht jedoch nicht hinter der Leistungsfähigkeit Browns, sondern hinter dessen Einstellung. In Pittsburgh überwarf sich der Receiver mit Quarterback Ben Roethlisberger und Coach Mike Tomlin, in Oakland mit General Manger Mike Mayock und in New England zogen die Patriots nach Vorwürfen der sexuellen Nötigung die Reißleine. Die Vorwürfe sind juristisch immer noch nicht geklärt. Moralisch ist die Verpflichtung daher bestenfalls fragwürdig.

Zuletzt fehlte Brown zudem wegen mehreren Verstößen gegen die Verhaltensregeln der NFL. Seine Sperre läuft erst nach dem kommenden Spieltag (nach Ende von Woche acht) ab. Ein Fünkchen Hoffnung auf Besserung macht zumindest ein Twitter-Video von Brown mit der Überschrift "Teamwork". Ob der 32-Jährige seinen Worten auch Taten folgen lässt, bleibt abzuwarten. Ein schwieriger Charakter bleibt AB so oder so. Die Chance, sich mit ihm die Chemie in der Kabine zu verderben, ist groß.

Fazit: Durch die Verpflichtung von Antonio Brown haben die Buccaneers nun auf dem Papier das besten Receiving-Corps der Liga. Dass der 32-Jährige jedoch nahtlos an seinen Leistungen von vor zwei Jahren anknüpfen wird, ist keinesfalls garantiert. Ebenso wenig, wie das Brown nicht im Laufe der Saison für den nächsten Skandal auf oder abseits des Platzes sorgt. Wenn Brown jedoch seine Rolle annimmt, dann könnten die Buccaneers bald die beste Offense der Liga haben und um den Super Bowl mitspielen.