Suchtexperten: Risiken von Alkoholkonsum werden oft verdrängt

Über 1,7 Millionen Deutsche gelten als alkoholabhängig

Keine Entwarnung beim Alkoholkonsum in Deutschland: Trotz des rückläufigen Alkoholverbrauchs wird Experten zufolge nach wie vor zu viel getrunken. Ungeachtet der Gesundheitsgefahren werde Alkohol als attraktiv vermarktet und sei wie kein anderes Suchtmittel gesellschaftlich akzeptiert, erklärte die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) am Mittwoch bei der Vorstellung des aktuellen "Jahrbuchs Sucht". Der Tabakverbrauch ist indes wieder gestiegen. Cannabis bleibt die verbreitetste illegale Droge.

Der Pro-Kopf-Verbrauch an alkoholischen Getränken ging demnach 2016 gegenüber dem Vorjahr um 1,25 Prozent auf 133,8 Liter zurück. Der Konsum sinke aber nur "von einem extrem hohen zu einem sehr hohen Verbrauch", kritisierte die DHS. Nach wie vor trinke jeder Deutsche über 15 Jahre 10,7 Liter Reinalkohol. Insgesamt 3,38 Millionen Erwachsene sind zudem von einer alkoholbezogenen Störung betroffen - rund 1,77 Millionen davon sind alkoholabhängig.

Insgesamt 74.000 Todesfälle werden in Deutschland jährlich durch Alkoholkonsum oder den kombinierten Konsum von Tabak und Alkohol verursacht. Rund 200 Krankheiten werden durch den Alkoholkonsum mitverursacht, so erhöht er beispielsweise das Risiko von Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Die Risiken werden den Suchtexperten zufolge häufig verdrängt. Nicht zuletzt sei der Alkoholkonsum eine "folgenschwere Gefahr" für Dritte wie Angehörige, Kinder und Ungeborene, aber auch Kollegen und Beifahrer alkoholisierter Partner. So wachsen allein 2,65 Millionen Kinder in einer Suchtfamilie auf.

Die Experten forderten daher unter anderem Preiserhöhungen für Alkohol, Werbeeinschränkungen sowie einen verbesserten Jugendschutz und das Verbot des Alkoholverkaufs an Minderjährige. So seien für Alkoholwerbung in Fernsehen, Rundfunk, Presse und auf Plakaten 2016 rund 557 Millionen Euro ausgegeben worden. Die direkten und indirekten Kosten des Alkoholkonsums in Deutschland summierten sich indes auf rund 40 Milliarden Euro.

Auch die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), forderte höhere Preise für Bier und Schnaps. "Wir sollten darüber sprechen, ob Preise von weniger als 20 Cent für einen halben Liter Bier oder weniger als vier Euro für Spirituosen sein müssen", sagte sie der "Passauer Neuen Presse" (Donnerstagsausgabe). Es müsse mehr "gegen die Omnipräsenz" von Alkohol unternommen werden, die suggeriere: "Wer mittrinkt, ist mit dabei", kritisierte die CSU-Politikerin.

Wie das Jahrbuch Sucht weiter zeigt, ist der Verbrauch von Zigaretten und Pfeifentabak wieder gestiegen. Der Zigarettenkonsum erhöhte sich 2017 um 1,1 Prozent, der Konsum von Pfeifentabak sogar um fast 29 Prozent auf 3245 Tonnen. Der Verbrauch von Zigarren und Zigarillos sank hingegen um rund sieben Prozent.

Unter den illegalen Drogen bleibt Cannabis an der Spitze. Rund sieben Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen und sechs Prozent der Erwachsenen haben in den zurückliegenden zwölf Monaten Cannabis geraucht. In den vergangenen 25 Jahren gab es demnach insgesamt einen zunehmenden Trend. Nach Zahlen von 2015 haben in Deutschland etwa 479.000 Jugendliche im Alter von zwölf bis 17 Jahren sowie 14,4 Millionen Erwachsene zumindest einmal in ihrem Leben eine illegale Droge konsumiert.