Auf der Suche nach dem zweiten Alibaba


In zwei Sätzen fasste Masayoshi Son zusammen, was die Inder von ihm erwarten können. „Es gibt gute Zeiten und es gibt schlechte Zeiten“, sagte der Chef des japanischen Telekommunikationsunternehmens bei einem Besuch auf dem Subkontinent. „Aber Softbank ist immer da.“

Son hat nicht zu viel versprochen, sondern sogar untertrieben. Gerade sind die Zeiten im indischen Start-up-Universum eher durchwachsen: Die Bewertungen sinken oder stagnieren, manche Unternehmen entlassen massenhaft Leute und oft ist die Rede vom Platzen einer Blase. Doch Softbank steigt jetzt erst richtig ein.

In diesen Tagen finalisiert Softbank über seinen Vision Fund, der weltweit größte Technologie-Fond, den bisher größten Deal im indischen Tech-Sektor: Insgesamt pumpt der Fonds rund 2,5 Milliarden US-Dollar in den E-Commerce-Händler Flipkart. Nach Abschluss der Transaktionen werden den Japanern rund 20 Prozent des Unternehmens gehören. 


Erst im Oktober hatte Softbank seine Beteiligung beim Uber-Rivalen Ola erhöht – nur zwei von zahlreichen Investments auf dem indischen Markt in der jüngsten Vergangenheit. Und der Hunger ist längst nicht gestillt. Laut Medienberichten verhandelt Softbank derzeit auch über eine Beteiligung beim Essenslieferdienst Swiggy und dem Online-Kaufhaus Paytm Mall. Bei beiden Gesprächen geht es um Beträge von mehreren Hundert Millionen US-Dollar.

Softbank hofft, im indischen Markt ähnlich erfolgreich zu sein wie mit seinen Engagements in China. Alleine mit der Beteiligung am chinesischen Online-Händler Alibaba verdienten die Japaner Dutzende Milliarden. „Die jüngsten Mega-Deals werden zeigen, ob Son das Kunststück auch in Indien gelingen wird“, sagt Kartik Hosanagar, Experte für die Digital Economy an der Wharton School in Pennsylvania. „Klappt es, wird Indien ein hervorragender neuer Markt für Softbank sein. Andernfalls wird sich Indien als ein kostspieliges Experiment herausstellen.“

Softbank-Chef Son sieht dabei Parallelen zwischen dem heutigen Indien und China vor zehn Jahren. „Ich glaube, nach China sollte nun Indien angesichts seiner Größe kommen“, sagte Son vergangenen Monat in einem Interview. Noch nutzt nicht einmal jeder dritte Inder regelmäßig das Internet. Doch die Digitalisierung des Subkontinents geht schnell voran: Die amerikanische Investment Bank Morgan Stanley geht davon aus, dass der E-Commerce-Markt jährlich um 30 Prozent wachsen wird. 2026 wäre er dann rund 200 Milliarden US-Dollar schwer.


Son als Roulette-Spieler

Angesichts solcher Chancen kann es Son gar nicht schnell genug gehen. 2015 verkündete er, 10 Milliarden US-Dollar in den indischen Tech-Sektor zu investieren. Doch schon jetzt steckte er über Softbank und den Global Vision Fund deutlich mehr als sechs Milliarden in den Subkontinent. Fast wie ein Roulette-Spieler verteilt Son Risiko-Kapital auf die vielversprechende Tech-Unternehmen des Subkontinents. Nach seinen aggressiven Zukäufen hält Softbank in fast allen großen indischen Start-ups Anteile, oft sogar eine Mehrheitsbeteiligung.

Eine sichere Erfolgsstory bietet jedoch keines der Unternehmen – und schon mehrmals musste Son Rückschläge einstecken. Die Taxi-App Ola liefert sich auf dem Subkontinent einen erbitterten Kampf mit Uber. Beide Unternehmen verbrennen dabei haufenweise Geld. Nach dem Einstieg der Japaner in Uber wird nun bereits über eine mögliche Fusion der Unternehmen gesprochen.


Eine Bauchlandung erlebte Son mit seiner Beteiligung Snapdeal, wie Flipkart ein Online-Handel. Ursprünglich wollte Son die beiden Unternehmen fusionieren, doch das Vorhaben scheiterte.  Das Unternehmen musste dieses Jahr rund 60 Prozent seiner Mitarbeiter entlassen. Wegen der Probleme bei Snapdeal und Ola musste Softbank dieses Jahr rund 350 Millionen US-Dollar abschreiben.

Besser sieht es dagegen bei der Bezahl-App Paytm aus, in das Softbank dieses Jahr rund 1,4 Milliarden US-Dollar investierte und nun auch Geld in die Tochter Paytm Mall stecken will. Nach der radikalen Bargeld-Reform des indischen Regierungschefs Narendra Modi erlebte das Start-up einen Boom und lockte mehrere Investoren an. Das eingesammelte Geld nutzte das Unternehmen dieses Jahr für Auslandsexpansionen nach Hongkong und Kanada – ein Schritt, den bisher nur wenige indische E-Commerce-Unternehmen gewagt haben.

Einen Unterschied zu China gibt es aber: In Alibaba stieg Softbank noch zu einem frühen Zeitpunkt ein. Die Unternehmen, die er sich jetzt in Indien ausgeguckt hat, sind bereits deutlich reifer. Online-Händler Flipkart ist beispielsweise bereits rund 10 Milliarden US-Dollar wert und gehört damit schon jetzt zu den am höchsten bewerteten Start-ups der Welt – das Potenzial für bombastische Wertsteigerungen ist also begrenzter.