Studie: Ein Drittel der Franzosen und Deutschen sehen Beziehungen verschlechtert

Kurz vor dem 60. Jahrestag des deutsch-französischen Freundschaftsvertrags ist gut ein Drittel der Deutschen und Franzosen der Meinung, dass sich die Beziehungen zwischen beiden Ländern verschlechtert hätten. In Frankreich seien 34 Prozent dieser Meinung, in Deutschland sogar 36 Prozent, heißt es in einer von der Heinrich-Böll-Stiftung am Dienstag in Paris veröffentlichten Studie.

Dies sei auch dadurch zu erklären, dass der Ukraine-Krieg lange bestehende Unterschiede stärker in den Vordergrund gerückt habe, sagte Hélène Miard-Delacroix, Professorin an der Universität Sorbonne. "Die Situation hat ein grelles Licht auf die Differenzen geworfen", betonte sie mit Blick auf die Energie- und Verteidigungspolitik.

Die relative Mehrheit von 39 Prozent der Franzosen und 40 Prozent der Deutschen hingegen hält die Beziehungen für unverändert. Die Vorstellung, dass ein "deutsch-französischer Motor" für die Europäische Union notwendig sei, ist demnach auf beiden Seiten des Rheins noch sehr stark verankert: In beiden Ländern meinen 81 Prozent der Befragten, dass dies "sehr wichtig" oder "wichtig" sei.

"Die öffentliche Meinung in beiden Ländern hat ein großes Interesse an einem deutsch-französischen Paar, das die Dinge voranbringt", resümiert Mathieu Gallard, Studienleiter des Meinungsforschungsinstituts Ipsos.

Allerdings nimmt die Zustimmung bei jüngeren Menschen ab, vor allem in Frankreich. Dort halten nur noch 67 Prozent der 18- bis 24-Jährigen den deutsch-französischen Motor für wichtig, in Deutschland sind es in dieser Altersgruppe 79 Prozent. "Ein Alarmzeichen", meint Gallard mit Blick auf die schwindende Überzeugung unter jungen Franzosen, dass der deutsch-französische Motor für die Fortschritte der EU wichtig sei.

Auch Miard-Delacroix sieht dies mit Sorge. "Das Interesse nimmt ab, es wird weniger Deutsch gelernt, man hat weniger mit Deutschland zu tun", so beschreibt sie die Situation. Diese Entwicklung müsse genau beobachtet werden.

Bei den Prioritäten für die Zusammenarbeit sind sich Franzosen und Deutsche hingegen einig: Die Energiekrise, Verteidigung und Sicherheit liegen vorn. Für Deutsche kommt an dritter Stelle die Stärkung der EU auf der internationalen Bühne, für Franzosen ist es der wirtschaftliche und handelspolitische Schutz. Die Klimakrise kommt in beiden Ländern erst auf Platz vier der genannten Prioritäten.

Die den Grünen nahestehende Böll-Stiftung hat sich insbesondere zur Haltung zu umweltpolitischen Themen erkundigt und dabei überraschende Ergebnisse erzielt. Anders als manche französische Politiker es darstellen, sind 72 Prozent der Franzosen für den Bau neuer Windparks. Zwei Drittel befürworten dies sogar in der einem Umkreis von 30 Kilometern um ihren Wohnort.

"Im Gegensatz zur Darstellung in Medien und Politik gibt es keine starke Ablehnung", sagt Gallard. Er verwies darauf, dass die Gegner der Windkraft in Frankreich eine relativ kleine, aber sehr motivierte Minderheit seien.

Um den ökologischen Wandel zu beschleunigen, hat für 68 Prozent der Deutschen der Ausbau erneuerbarer Energien Priorität. Bei den Franzosen sind es nur 49 Prozent. Die Gebäudesanierung und eine umweltfreundlichere Landwirtschaft liegen dort mit je 51 Prozent vorn - bei dieser Frage konnten bis zu drei Prioritäten genannt werden.

kol/mhe