Studie: 56 Prozent der Europäer wollen Zuwanderungsstopp für Muslime

Das Thema Islam spaltet Eliten und die Bevölkerung. (Bild: dpa)

Bevölkerung und Eliten in Europa sind beim Thema Zuwanderung tief gespalten. Bei einer Befragung in zehn EU-Ländern votierten 56 Prozent der Bürger dafür, die Einwanderung aus überwiegend muslimischen Ländern zu stoppen. Dem stimmten nur 32 Prozent der Entscheidungsträger zu. Die Studie machte generell tiefe Gräben zwischen beiden Lagern, aber auch innerhalb der Gruppen, auf.

Ist die Europäische Union nur ein Konzept der Eliten? Diese Frage ist angesichts des Erstarkens rechtsnationaler Parteien und des beschlossenen Brexits aktuell wie nie. Die Londoner Denkfabrik Chatham House ist ihr mit einer umfangreichen Studie auf den Grund gegangen. „Europa – ziehen wir (noch) an einem Strang? Was Bevölkerung und Eliten wirklich über die EU denken“ machte eine ausgeprägte Kluft zwischen den beiden Gruppen auf – vor allem bei den Themen Zuwanderung, Erweiterung und Wahrnehmung der EU.

Bei der Zuwanderung wurde speziell auch nach der Haltung gegenüber dem Islam gefragt. Etwas mehr als jeder zweite Befragte „Normalbürger“ sprach sich dafür aus, die Zuwanderung aus überwiegend muslimischen Ländern in die EU zu beenden. Rund ein Drittel (32 Prozent) der Elite war derselben Meinung. Nahezu das gleiche Ergebnis ergab die Frage, ob der Islam mit der europäischen Lebensweise vereinbar sei. Relativ einig waren sich Elite und Bevölkerung beim Verbot gesichtsverhüllender, islamischer Kleidung an öffentlichen Orten. Dafür plädierten 61, beziehungsweise 73 Prozent.

Nicht nur der Brexit bedroht die EU. (Bild: AP Photo)

Autoren der Studie sind unter anderem Professoren von der Universität von Kent und der Universität von Birmingham. Ihre Umfrage wurde zwischen Dezember 2016 und Februar 2017 in zehn EU-Ländern durchgeführt: Deutschland, Belgien, Frankreich, Griechenland, Italien, Österreich, Polen, Spanien, Ungarn und im Vereinigten Königreich. Aus der breiten Bevölkerung wurden 10.195 Personen ab 18 Jahren repräsentativ nach Kriterien wie Geschlecht und Alter ausgewählt und online befragt. Parallel wurden 1.825 einflussreiche Personen aus Politik, Medien, Wirtschaft und Zivilgesellschaft interviewt.

Die Studie machte drei Bruchlinien in der Europäischen Union aus. Die erste Line verläuft demnach zwischen den Eliten und der Bevölkerung. Während 71 Prozent der Meinungsmacher von der EU profitiert hätten, sagt das nur jeder Dritte (34 Prozent) Normalbürger. Von Letzteren findet die Mehrheit (54 Prozent), dass ihr Land vor 20 Jahren ein lebenswerterer Ort war. Die zweite Trennlinie wird von den Forschern innerhalb der Bevölkerung ausgemacht, und zwar zwischen Anhängern einer liberalen und denen einer autoritären Gesellschaft. Auch die Eliten sind den Forschern zufolge gespalten, was die künftige Gewaltenteilung innerhalb der EU angeht. 37 Prozent wünschen mehr Einfluss für Brüssel, 31 Prozent wollen hingegen die Mitgliedsstaaten stärken und 28 Prozent finden die aktuelle Gewaltenteilung ideal.

Es gibt aber auch Gemeinsamkeiten zwischen Bevölkerung und Elite. Beide sind sich zum Beispiel einig, dass reichere Länder ärmere Mitgliedsstaaten finanziell unterstützen sollten. Um die Zukunft der EU zu sichern, ist den Forschern zufolge ein Umdenken nötig. Bislang hätten Politiker eine manchmal skeptische Öffentlichkeit von den Vorzügen einer engeren Gemeinschaft zu überzeugen versucht. Mittlerweile seien die Positionen in beiden Lagern aber uneinheitlich. Die fehlende klare Mehrheitsmeinung schaffe Raum für neue Ideen und Lösungsansätze, zeigen sich die Autoren der Studie zuversichtlich.