Stromrebellen wollen Energiegiganten ärgern


Frech, angriffslustig, unerschrocken: So wirkt David Balensiefen, wenn er über seinen Zukunftsplan für die Energiewirtschaft spricht. „Das Ziel ist ganz klar, die großen Energiekonzerne mit ihren zentralen Kraftwerken obsolet zu machen“, sagt der Mitgründer von gridX dem Handelsblatt. Mit Hilfe von Solaranlagen, Batteriespeichern, Elektroauto-Akkus und einer ausgefeilten Software arbeitet der Start-up-Unternehmer an einer Allianz aus Energiekonsumenten- und Produzenten, die die arrivierten Stromriesen zu Fall bringen soll.

Noch vor ein paar Jahren hätte man in den Konzernzentrealen von Eon oder RWE über die etwas größenwahnsinnig anmutenden Ambitionen dieses Newcomers nur milde gelächelt. Heute drohen vorlaute Rebellen wie Balensiefen aber zu ernsthaften Konkurrenten für die milliardenschweren Stromriesen zu werden. Denn dank Digitalisierung und günstiger Grünstromtechnik werden aus schnöden Energiebeziehern auf einmal sogenannte „Prosumer“. Die Wortschöpfung setzt sich aus den beiden Begriffen „Producer“ und „Consumer“ zusammen und beschreibt einen Trend, wonach immer mehr Konsumenten einen Teil ihres Stroms selbst erzeugen.


Die Zeiten, in denen man vollends von Energieversorgern abhängig war, sollen der Vergangenheit angehören. Start-ups wie gridX oder Prosumergy wollen die Endverbraucher zu Gestaltern der Energiewende machen. Und ihnen die Mittel an die Hand geben, sich von den Großkonzernen abzukoppeln. Dass solch ein Vorhaben nicht nur mutig ist, sondern schnell auch nach hinten losgehen kann, zeigt der Fall Neovoltaic. Die österreichische Firma hatte ähnlich ambitionierte Pläne mit Prosumern und sammelte Millionen über Crowdfunding ein. Doch dieses Jahr schlitterte Neovoltaic in die Insolvenz. Die Stromspeicher der Firma waren offenbar weit weniger begehrt als erhofft.

Bei gridX soll es besser laufen, verspricht Mitgründer Balensiefen. Denn statt Hardware setze er auf Software und biete die erste Plattform an, die Stromverbraucher und Stromproduzenten tatsächlich zusammenbringt. Jeder Besitzer einer Ökostromanlage könne sich mit Gleichgesinnten so clever vernetzen. Der überschüssige Strom des einen, wird damit zur Energie des anderen. Je größer das Netzwerk wird, desto überflüssiger werden Eon, RWE & Co. – zumindest in der Theorie.


Vergleichbar sei das Ganze mit bekannten Netzwerken wie AirBnB oder Uber, sagt Balensiefen. Der einzige Unterschied: Anstelle von freistehenden Wohnungen oder Autos bedienen sich die Kunden von gridX eben an Solaranlagen und Batteriespeichern.

Wenn man die 1,7 Millionen Solaranlagen auf den Hausdächern Deutschlands miteinander verknüpft, entspräche dies der Leistung von knapp 30 Atomkraftwerken, schätzt Balensiefen. Jede Menge Potenzial, findet den Jungunternehmer. Man müsse die bestehenden Photovoltaikanlagen nur intelligent vernetzen, um die Energie bestmöglich zu nutzen.


Auch Mieter an Energiewende beteiligt

Auch das Start-up Prosumergy hat den Markt der Prosumer für sich entdeckt. Die Firma fokussiert sich aber anders als etwa gridX vor allem auf Mieter. „Es ist eine der ersten Möglichkeiten überhaupt, Mieter in Mehrparteienimmobilien an der Energiewende zu beteiligen“, so Mitgründer Daniel Netter. Das Konzept geht so: Inhaber von Mehrparteienhäusern wenden sich an Prosumergy. Die Firma erstellt dann einen Plan, ob sich die Immobilie für Photovoltaik eignet und wie viel Strom aus dem Netz man zusätzlich beziehen muss, um die sichere Stromversorgung aller Parteien gewährleisten zu können.

Taugt das Konzept, übernimmt Prosumergy die technische, rechtliche und administrative Abwicklung. Der Vermieter soll von der Aufwertung der Immobilie profitieren und die Mieter von lokal erzeugtem Strom zu einem fairen Preis. „Bisher zahlt jeder Mieter nur die EEG Umlage, ohne von ihr direkt zu profitieren“, sagt Netter. Das sei bei Prosumergy anders: Die Mieter erhielten so einen direkten Zugang zu vor Ort produziertem Solarstrom. „Der ist günstiger als der Strom, den der Mieter sonst aus dem Netz beziehen würde“, so Netter,


Die arrivierten Energieversorger haben das Potenzial der Prosumer ebenfalls erkannt und versuchen nun, den Anschluss an die Newcomer zu halten. Innogy, die Grünstromtochter von RWE, schwört mit ihren 23 Millionen Kunden in Europa auf Zusammenarbeit mit neuern Anbietern statt auf erbitterte Konkurrenz. „Start-ups sind nicht nur neue Wettbewerber. Wir setzen auch auf Kooperation mit Start-ups“, erklärt Innogy-Sprecherin Sabine Jeschke. Weltweit gebe es demnach zahlreiche Kooperationen von Innogy mit Start-ups im Digital-Bereich.

Für Christoph Weber, Professor für Energiewirtschaft an der Uni Duisburg-Essen, ist die Herangehensweise von Start-ups wie gridX problematisch: „Auf Basis von Photovoltaikanlagen die großen Vier überflüssig zu machen, halte ich auch langfristig für nicht möglich.“ Der Grund: Solarenergie schwankt je nach Sonneneinstrahlung sehr stark. Abends und an vielen Wintertagen produzieren Photovoltaikanlagen gar keinen Strom. Die Nachfrage nach Energie ist aber 24 Stunden pro Tag gegeben. Um eine sichere Energieversorgung zu gewährleisten, brauche es also gerade im Winter Speicher, in denen sich Grünstrom über mehrere Tage oder sogar Wochen puffern lässt.


„Dass Batterien den notwendigen Strom speichern und liefern können, stimmt. Für vielleicht einen Tag“, schätzt Weber. Dass Elektroauto als Speicher zu nutzen, sieht der Energieexperte ebenfalls kritisch: „Die Elektromobilität wird kommen. Aber sie wird länger benötigen, als viele Start-ups an Kapital zur Verfügung haben.“

An den Vorhaben und dem Ehrgeiz der Newcomer in der Energiebranche ändern diese Meinungen aber nichts. Für Daniel Netter von Prosumergy sind die große Energiekonzerne wie EnBW oder Vattenfall längst keine Monopolisten mehr: „Die steigende Nachfrage für Speichersysteme zeigt, dass der Wunsch einer gesteigerten Unabhängigkeit von konventionellen Energieträgern bei den Bürgern zunimmt.“ Auf ein genaues Datum, wann denn genau die namhafte Konkurrenz im Stromsektor überflüssig sein soll, will sich gridX-Mitgründer David Balensiefen noch nicht genau festlegen: „Ich hoffe, so schnell wie möglich“, sagt er und ergänzt mit zuversichtlichem Lächeln: „Mal schauen, wie lange sie noch zappeln.“