Stressig und mies bezahlt: So wenig verdienen Paketzusteller wirklich

NDR-Recherchen decken auf: Es gibt Paketzusteller, die gerade mal 4 Euro pro Stunde verdienen. (Bild: Getty Images)

„Der hat schon wieder nicht bei mir geklingelt!“ ist einer der Sätze, den man als im Erdgeschoss wohnender Nachbar am häufigsten hört. Die Paketboten sind froh, wenn sie ihre Lieferungen schnell loswerden – aus Zeitnot, nicht aus Faulheit. Dabei verdienen sie bei all dem Stress oft sehr viel weniger, als ihnen eigentlich zusteht.

12 Stunden dauert ein normaler Arbeitstag einer Frau, die sich gegenüber dem Journalisten Günter Wallraff im vergangenen Sommer Nicole nannte. Ihren richtigen Namen wollte die Mutter nicht nennen, schließlich braucht sie den Job als Paketzustellerin für GLS. Dass sie während der 12-Stunden-Schicht keine Zeit hat, die gesetzlich vorgeschriebenen Pausen einzuhalten, ändert daran nichts. Und auch nicht, dass sie statt des Mindestlohns auf nur 7,34 Euro pro Stunde kommt.

Und es gibt viele Paketzusteller, die noch schlechter dran sind als Nicole, wie Beispiele aus der Sendung „System Hermes. Pakete nur mit Lohntrickserei?“, die im NDR lief, belegen. Der Paketdienst stellt pro Tag bis zu zwei Millionen Pakete an private Haushalte zu und lässt die 300 Subunternehmen, die er mit der Auslieferung beauftragt, vom TÜV überwachen. Hermes selbst brüstet sich damit, seit 2012 „als erstes und bisher einziges großes Logistikunternehmen in Deutschland ein umfassendes Audit- und Zertifizierungssystem“ zu haben, „mit dem unter anderem überprüft wird, ob die beauftragten Servicepartner die gesetzlich und vertraglich gesicherten Rechte ihrer Mitarbeiter auch vollumfänglich einhalten.” Trotzdem werden in dem Beitrag Mitarbeiter gezeigt, die nicht einmal vier Euro pro Stunde verdienen.

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In der „Hamburger Morgenpost“ schilderte auch ein DHL-Bote anonym, wie seine Tage so aussehen. „Wir sind alle am Hetzen, das ist fast schon Akkord-Arbeit.“ Die Wagen beladen die Boten selbst, wobei sie Pakete bis 31,5 Kilo ausliefern müssen. „Hundefutter, Blumenerde, ganze Schränke“ – auch mal in den vierten Stock, versteht sich. Und da kommen dann nicht nur ältere Kollegen an ihre Grenzen. Der DHL-Bote hat noch einen alten Vertrag mit der Bundespost abgeschlossen, weshalb er seiner Meinung nach ganz okay verdiene. Er sagt aber auch, dass neue Kollegen nur 11,50 Euro die Stunde bekommen würden. „Leute mit Familien brauchen dann oft Zweitjobs.“

Wird die Deutsche Post versuchen, den Lohn zu drücken?

Gegenüber dem „Stern“ sagte eine Sprecherin vom Marktführer DHL im vergangenen Jahr: „In der Paketzustellung liegen die tariflich vereinbarten Stundenlöhne je nach Region zwischen deutlich über 10 und über 18 Euro zzgl. tarifvertraglicher Zulagen.” Dazu käme in vielen Regionen noch Weihnachts- und Urlaubsgeld. Paketzusteller werden laut Tarifvertrag in der Entgeltstufe 3 geführt. Das Einstiegsgehalt liegt für einen Vollzeitjob bei 2044 Euro brutto, ab dem 15. Berufsjahr gibt es maximal 2668,66 Euro.

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Im Gegensatz Zu GLS, DPD und Hermes, die auf Subunternehmen setzen, wird bei DHL immerhin nach Tarif bezahlt. Doch selbst da gibt es Unterschiede. Während die älteren Angestellten nach dem höher dotierten Haustarifvertrag der Deutschen Post Aktiengesellschaft bezahlt werden, werden jüngere über die Billig-Tochterfirma Delivery abgerechnet. Diese gibt es seit 2015, und hier gelten die niedrigeren Löhne der Logistikbranche. Dass die Deutsche Post erst kürzlich angekündigt hat, beide Mitarbeitergruppen würden ab dem 1. Mai unter einem Dach zusammenarbeiten, werten Gewerkschaften bereits als Versuch, das Lohnniveau insgesamt absenken zu wollen.

So betrachtet bleibt nicht viel mehr als ein Grund, jemandem den Job ans Herz zu legen: Der Markt wächst und damit auch der Bedarf an Arbeitskräften. Laut „n-tv“ hat sich die Menge an verschickten Paketen zwischen 2010 und 2016 verdoppelt. Hermes geht davon aus, dass das bis 2025 noch einmal passieren wird. 100.000 zusätzliche Zusteller werden dann benötigt. Und schon jetzt haben die Firmen Probleme, geeignetes Personal zu finden.

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