Wann Streit für die Beziehung gefährlich wird, verrät eine Psychologin

(Symbolbild) Wie viel Streit ist zu viel Streit in einer Beziehung? - Copyright: Getty Images/ 	Fabio Formaggio / EyeEm
(Symbolbild) Wie viel Streit ist zu viel Streit in einer Beziehung? - Copyright: Getty Images/ Fabio Formaggio / EyeEm

Ich führe seit über fünf Jahren eine harmonische Beziehung – abgesehen von kleineren Streitigkeiten, die immer ein Thema haben: die Unordnung des jeweils anderen. Mein Partner regt sich beispielsweise auf, wenn ich mein Besteck nicht abwasche. Ich brause auf, wenn er seinen Tascheninhalt auf meinem Bücherregal ausbreitet.

So irrational das für manche Menschen klingen mag: Eine Elitepartner-Erhebung zeigt, dass wir damit nicht allein sind. Ganze 43 Prozent aller befragten Paare gaben hier an, sich über Unordnung zu streiten. Kein Thema führt häufiger zu Differenzen – nicht einmal Geld (20 Prozent) oder die Schwiegereltern (13 Prozent).

Mal davon abgesehen, worüber man sich streitet, frage ich mich: Wie viel Streit ist zu viel Streit? Kann ein weiteres Buttermesser, welches ich achtlos in die Spüle lege, auf Dauer sogar meine Beziehung gefährden? Ich habe mit der Psychologin Lisa Fischbach über Streit in Beziehungen gesprochen und erfahren, dass er bis zu einem gewissen Grad sogar wichtig ist.

Was bedeutet es, sich zu streiten?

Ist es überhaupt ein Streit, wenn sich mein Partner über ein schmutziges Buttermesser aufregt und ich es nach kurzem Widerwillen genervt abwasche? Oder handelt es sich hierbei um eine Meinungsverschiedenheit? Ob es sich um einen Streit handelt, ist laut Lisa Fischbach vor allem davon abhängig, ob eine emotionale Ebene zum Tragen kommt.

Paar Arbeit
Paar Arbeit

Sie sagt, dass eine Meinungsverschiedenheit auf der Sachebene stattfinde und eine unterschiedliche Einschätzung oder Beurteilung von etwas bezeichne. „Beim Streit wird die verbale Auseinandersetzung über ein Thema, Bedürfnis oder Gefühl destruktiv“, so die Psychologin. Einen Streit erkenne man also daran, dass er zu Verletzungen führe. Doch sei ein Streit deswegen nicht per se etwas Schlechtes.

„In einem Streit kann ein guter Kern enthalten sein.“

Denn: „In einem Streit kann ein guter Kern enthalten sein.“ Fischbach erklärt, dass ein Streit selten aus Lust geführt wird – wenn es auch konfliktaffinere Menschen gebe. Vielmehr beschäftigen sich Partner hierbei miteinander und spüren ihre Unterschiedlichkeit. Streite ich mich mit meinem Partner also über dreckige Buttermesser, sei das beispielsweise ein Ausdruck unserer unterschiedlichen Bedürfnisse bezogen auf Ordnung und Sauberkeit.

Zugleich stehe immer auch die Frage im Raum, worüber man sich eigentlich wirklich streitet. Fischbach sagt: „Oft haben diese typischen Streitereien über vermeintliche Kleinigkeiten Stellvertreterfunktion.“ Damit meint sie, dass es oftmals nicht um das schmutzige Buttermesser, sondern vielmehr um die Emotion dahinter gehe.

Es gehe um nicht gesehene Bedürfnisse

Die Psychologin erklärt mir im Interview, dass es völlig gleich sei, worüber sich Paare streiten – Unordnung, Eifersucht oder Pünktlichkeit. Das Dahinterliegende sei eigentlich immer das Gleiche: Es gehe um nicht gesehene Bedürfnisse. Gerät mein Partner darüber in Rage, dass ich mein Buttermesser nicht abgewaschen habe, gehe es also nicht zwingend nur um sein Ordnungsverständnis, welches von meinem abweiche. Es könne auch darum gehen, dass er sich nicht gehört fühlt und den Haushalt nicht allein schmeißen möchte. Fischbach sagt weiter: „Letztlich geht es in einem Streit immer um das Wahren der eigenen Position und den Wunsch, den Partner von seiner Position zu überzeugen.“

Wie viel Streit ist zu viel Streit?

Wie viel Streit zu viel Streit ist, sei individuell verschieden. Die Psychologin erklärt: „Für konfliktaverse Menschen ist ein Konflikt pro Monat bereits belastend. Konfliktaffine Menschen finden einen Streit grundsätzlich nicht dramatisch.“ Problematisch werde ein Streit in der Regel dann, wenn das Gezerre unnachgiebig und destruktiv werde.

Wie belastend Streit für die Beziehung ist, hänge also vom eigenen Empfinden, der eigenen Konfliktfähigkeit, der Beurteilung des Streits und der Beschaffenheit der Beziehung ab. So gebe es eine sogenannte Fünf-zu-eins-Formel des US-amerikanischen Psychologen John Gottman für eine erfolgreiche und stabile Partnerschaft. „Auf ein negatives Erlebnis sollten demnach fünf gute folgen“, so Fischbach.

Eine gute Beziehung könne also selbst schlecht geführte Konflikte aushalten – solange danach die Versöhnung sowie eine schöne Phase folge. Bedeutet für mich als harmoniebedürftiger Mensch: Ich sollte mein Buttermesser nicht allzu oft liegen lassen. Fakt sei nämlich auch, dass permanenter Streit das Beziehungsklima belasten und die Beziehung auf Dauer sogar zerstören kann. Distanz und Entfremdung können Fischbach zufolge die Folgen sein.

Ist es ein Problem, gar nicht zu streiten?

Andersherum könne es allerdings auch zum Problem werden, wenn man sich in einer Beziehung gar nicht streitet. So geben in der Erhebung von Elitepartner über 16 Prozent der befragten Paare an, dass sie sich (fast) nie streiten. Laut Lisa Fischbach sei hierbei wichtig, ob sich diese Paare tatsächlich nie streiten – oder ob sie es schlicht vermeiden, sich zu streiten. Fischbach sagt: „Wenn ich höre, dass ein Paar so harmoniebedürftig ist, dass es sich nie streitet, dann werde ich hellhörig.“

Dahinter stecke meist Konfliktangst, die in eine Harmoniefalle führen könne. „Paare, die in dieser Falle landen, verschmelzen nahezu miteinander und geben ihre Ich-Individualität für eine starke Wir-Ausprägung auf“, so die Psychologin. Die Frage sei dann, wie diese Paare mit Bedürfnisunterschieden umgehen, wenn sie sich nie streiten. Streit habe immerhin den positiven Kern, dass sich mit Bedürfnissen auseinandergesetzt werde. Fehle Streit, fehle häufig auch diese Auseinandersetzung.

Natürlich gesteht Fischbach ein, gebe es auch Menschen, die sich ohne Streit auf höchstem Maße positiv konstruktiv über ihre Bedürfnisse austauschen können. Das sei bedauerlicherweise aber die Seltenheit. Denn die Kränkung eigener Bedürfnisse gehe häufig mit ärgerlichen Gefühlen und negativer Kommunikation einher.

Wie streitet man richtig?

Statt Streit krampfhaft zu vermeiden, solle man also lieber lernen, gesund zu streiten. Das helfe auf Dauer, die Beziehung stabil zu halten. Dafür müsse man in erster Linie vermeiden, dem anderen Vorwürfe zu machen oder ihn zu kritisieren. Es wäre also beispielsweise nicht ideal, würde mein Partner sagen: „Du hast schon wieder das Messer dreckig in der Spüle liegen lassen. Wie unordentlich kann man sein?!“

Zugleich sollte ich in diesen Momenten vermeiden, mich vorschnell zu entschuldigen oder in den Gegenangriff überzugehen. Denn: „In einem Streit möchte der andere gehört und verstanden werden“, erklärt die Psychologin. Zuletzt sollte ich mich aber auch nicht zurückziehen und meinen Partner mit meinem Schweigen strafen. All diese Dinge werden können im Zweifel sogar das Ende einer Beziehung anzeigen.

Kein Vorwurf, besser ist ein Wunsch

Richtig zu streiten, ist laut Lisa Fischbach gar nicht so schwer. Es brauche nur viel Übung. Zum Beispiel solle man auf die sogenannte VW-Regel zurückgreifen. Die meint, dass man aus einem Vorwurf einen Wunsch formulieren solle. Lasse ich also mal wieder das Buttermesser in der Spüle zurück, sollte mein Partner am besten sagen: „Es verletzt mich, wenn du dein Messer liegen lässt.“ Allein mit dieser Regel könne man bereits Wunder bewirken.

Zudem sei eine gewaltfreie Kommunikation wichtig. Auch wenn in einem Streit die Emotionen hochkochen können, solle man stets versuchen, dem anderen zuzuhören. Und man solle zu verstehen versuchen, was der andere einem wirklich sagen möchte. Wie gesagt: Es gehe selten um das Buttermesser, sondern um die Emotion dahinter. Damit der Partner wirklich versteht, worum es einem geht, solle man zuletzt offen seine Gefühle und Bedürfnisse formulieren. Und tatsächlich: Es fühlt sich ungemein deeskalierend an, wenn mein Partner mir erklärt, warum es ihm so wichtig ist, dass ich mein Messer abwasche.

Fazit: die Andersartigkeit des anderen akzeptieren

Fischbach sagt abschließend: „In Konflikten geht es darum, die Andersartigkeit des Partners zu akzeptieren.“ Wer verstehe, dass man den Partner nicht auf seine Seite ziehen kann, auch wenn das enttäuschend sein könne, habe bereits einen wichtigen Schritt in eine streitfreie Zukunft getan. Die Perspektive des Partners zu akzeptieren, bedeute aber nicht zwingend, dass man sie auch gut finden müsse.

Bezogen auf meine Beziehung heißt das, dass mein Partner mich nie vollkommen ändern wird. Er wird akzeptieren müssen, dass ich meine Messer ab und an in der Spüle vergesse. Zwar nehme ich seine Bedürfnisse ernst, an einem stressigen Tag bleibt mir oft dennoch keine Zeit, mein Besteck abzuwaschen. Gleichzeitig werde ich akzeptieren müssen, dass sein Tascheninhalt wohl noch häufiger in meinem Bücherregal liegen wird – einfach, weil das seiner Ansicht nach ein praktischer Platz dafür ist.

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