Strafanzeige gegen russische Söldnergruppe Wagner in Moskau erstattet

Jonathan BROWN
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Jewgenij Prigoschin (r.) mit Präsident Wladimir Putin

Wegen Folter und Mordes haben mehrere Nichtregierungsorganisationen in Moskau Strafanzeige gegen die russische Söldnergruppe Wagner gestellt. Grundlage ist laut einer Erklärung vom Montag ein Video, das mutmaßlich Wagner-Kämpfer dabei zeigt, wie sie einen Mann foltern und enthaupten. Möglicherweise in diesem Zusammenhang wurde auf die Redaktion der unabhängigen russischen Tageszeitung "Nowaja Gaseta" ein Angriff verübt.

Die Organisationen aus Frankreich, Russland und Syrien berufen sich auf ein Video, das mutmaßlich Wagner-Kämpfer im Jahr 2017 in Syrien dabei zeigt, wie sie einen Mann foltern und enthaupten, der aus der syrischen Armee desertiert sein soll.

Das Video war 2018 von der "Nowaja Gaseta" veröffentlicht worden. Es zeigt Russisch sprechende Männer, die mit einem Hammer auf einen Mann einschlagen, ihn zerstückeln und ihn schließlich anzünden. Die Anzeige wurde im Namen der Familie des mutmaßlichen Opfers Mohammed A. gestellt.

Wenn derartige Verbrechen ungestraft blieben, bekämen die Täter "die Möglichkeit, sie an Orten wie Tschetschenien, der Ostukraine und in Syrien zu wiederholen", sagte Alexander Tscherkasow von der russischen NGO Memorial der Nachrichtenagentur AFP. "Am Ende kommen sie zurück nach Russland und spazieren auf den Straßen neben uns."

Das russische Ermittlungskomitee muss nun prüfen, ob ein Strafverfahren eingeleitet wird. Es ist jedoch unwahrscheinlich, dass ein Prozess eingeleitet wird. Eine erste Anzeige, die 2020 von der "Nowaja Gaseta" gestellt worden war, wurde abgelehnt.

"Das ist das erste Mal, dass ein solcher Fall von den Angehörigen eines syrischen Opfers gegen russische Verdächtige vorgebracht wird", hieß es in einem Schreiben der drei Organisationen, dem Syrischen Zentrum für Presse- und Meinungsfreiheit (SCM), dem französischen Internationalen Dachverband der Menschenrechtsorganisationen (FIDH) und der russischen NGO Memorial.

Der Gruppe Wagner wird vorgeworfen, Söldner in mehrere Konfliktgebiete im Nahen Osten und in Afrika entsandt zu haben. Russland hatte sich 2015 militärisch in den Syrien-Konflikt eingeschaltet und auf die Seite von Machthaber Baschar al-Assad gestellt.

Obwohl private bewaffnete Gruppen in Russland verboten sind, soll Wagner seine Mitglieder zu großen Teilen aus Sicherheitskräften und dem Militär rekrutieren. Die Gruppe zahlt demnach das Fünf- bis Sechsfache des durchschnittlichen Gehalts in Russland.

Eine zentrale Rolle in der Organisation soll der Unternehmer Jewgenij Prigoschin, ein Vertrauter von Präsident Wladimir Putin, spielen. Der 59-Jährige, gegen den die USA und die EU Sanktionen verhängt haben, bestreitet die Vorwürfe.

Der Eingang des Gebäudes der "Nowaja Gaseta" sei am Morgen Ziel einer "chemischen Attacke" gewesen, teilte Chefredakteur Dmitri Muratow mit. Es gebe einen beißenden Geruch. Die chemische Substanz werde von den Sicherheitskräften untersucht, unter anderem vom Inlandsgeheimdienst FSB. Mitarbeiter, die an Allergien leiden, seien in Sicherheit gebracht worden, sagte Muratow. Die Arbeit werde aber ansonsten fortgesetzt.

Die Investigativ-Zeitung "Nowaja Gaseta" zählt zu den wichtigsten unabhängigen Medien Russlands. Offenbar im Zusammenhang mit den Recherchen der Zeitung wurden bereits mehrfach Attacken verübt, darunter der tödliche Angriff 2006 auf die Journalistin Anna Politkowskaja, die kritisch über die Kreml-Politik in Tschetschenien berichtet hatte.

Am Montag veröffentlichte die "Nowaja Gaseta" einen Bericht über Übergriffe, die sich in Tschetschenien ereigneten. Seit der Gründung der Zeitung 1993 gab es wiederholt Einschüchterungen, Angriffe und Mordanschläge. 2018 wurde der Zeitung der Kopf einer enthaupteten Ziege zugeschickt. Eigner der "Nowaja Gaseta" sind die Redaktion, der Geschäftsmann Alexander Lebedow und der frühere Sowjetführer Michail Gorbatschow.

ao/bfi