Die Stimmung ist auf Rekordniveau

Wie ist der Zustand der Wirtschaft? Steuern wir in die nächste Krise oder in einen Aufschwung? Auf der FondsConsult Investment-Konferenz am Fuschlsee sprach Prof. Dr. Kai Carstensen, Direktor des Instituts für Statistik und Ökonometrie an der Uni Kiel, über den weltwirtschaftlichen Rahmen, den Euroraum und die Konjunkturlage in Deutschland.

FR: Deutschlands Wirtschaft ist eng verknüpft mit der ganzen Welt. Welches sind für Sie derzeit die bestimmenden Faktoren?

 Carstensen: Das (Shenzhen: 002421.SZ - Nachrichten) konjunkturelle Umfeld ist derzeit geprägt von einer Reihe wirtschaftspolitischer Unsicherheiten. An erster Stelle ist da der amerikanische Präsident Donald Trump zu nennen, dessen Wirtschaftspolitik sich immer noch nicht richtig einschätzen lässt. Aber auch die Potentaten Erdogan und Putin sorgen für Instabilität – weil Despoten immer auf der Suche nach Feinden sind. Und dann stellt sich die Frage, ob der chinesischen Wirtschaft ein “Soft Landing” gelingt. Dort sind die Investitionsquoten noch immer zu hoch – das nährt Zweifel, ob der Übergang vom aufholenden zum innovationsgetriebenen Wachstum friktionsfrei gelingt. So ist das Risiko eines Crashs am chinesischen Immobilienmarkt noch nicht gebannt. Und wir können auch nicht mit Sicherheit sagen, wie die Politik darauf reagieren würde; das sorgt für einige Unsicherheit.

Betrachten wir das ifo-Weltwirtschaftsklima, so zeigt sich insgesamt, dass Klima, Lage und Erwartungen in diesem Jahr wieder ansteigen und sich Richtung Aufschwung bewegen. Dieser Aufschwung vollzieht sich aber nicht in allen Regionen synchron. Die USA zum Beispiel befinden sich derzeit eher im Spätstadium ihres Konjunkturzyklus, während Brasilien gerade erst das Tal verlässt.

FR: Wie sieht die Lage in Europa aus?

Carstensen: In Europa stellt sich konkret die Frage, wie hart der Brexit tatsächlich ausfällt – wobei sich ein Abwarten womöglich als Sackgasse herausstellen könnte. Auch ist längst nicht sicher, dass nach der Eurokrise tatsächlich wieder alles in Butter ist. Die Krisenresilienz in vielen Staaten ist nämlich noch sehr gering und die Anfälligkeit nach unerwarteten Schocks entsprechend hoch. Doch derzeit überwiegen die positiven Nachrichten. So verzeichnen wir nach dem Brexit-Votum vom vergangenen Jahr einen Turnaround: Das ifo-Wirtschaftsklima für den Euroraum liegt bei etwa 30 Punkten und zeigt nach oben.


Auch die harten Zahlen deuten auf einen Aufschwung hin. Die Wachstumsraten in den Eurostaaten sind positiv, sogar in Griechenland. Das ist eine homogene, positive Entwicklung, wie wir sie schon lange nicht mehr erlebt haben. Wenn wir untersuchen, wie der Aufschwung sich zusammensetzt, zeigt sich, dass er auf breiter Basis stattfindet: Sowohl der private als auch der Staatsverbrauch und die Anlageinvestitionen liegen im Plus und tragen zum Bruttoinlandsprodukt bei. Und da seit der Eurokrise erst die Arbeitsproduktivität und dann auch die Beschäftigung angezogen haben, können wir von einem fast schon klassischen, ausbalancierten Aufschwung sprechen.

 

FR: Wie ist es um die Verschuldung in den Euroländern bestellt?

Carstensen: Die Leistungsbilanzen der Staaten haben ins Plus gedreht, lediglich Italien ist derzeit das Sorgenkind, hier ist die preisliche Wettbewerbsfähigkeit noch nicht gut. Die Arbeitslosigkeit in der Eurozone sinkt, auch wenn der Wert in Spanien und Griechenland noch hoch ist.

Die Staatsdefizite befinden sich jedenfalls auf dem Rückzug. Ein Finanzierungsdefizit von drei Prozent hat sich hier als gute Marke erwiesen, wenngleich man daraus keinen Zielwert machen sollte: in guten Zeiten dürfen auch einmal Schulden getilgt werden, um Luft für die nächste Rezession zu schaffen, die irgendwann bestimmt kommt. Doch selbst wenn das gelingt, braucht der Abbau der Staatsverschuldung Zeit, vor allem in Griechenland. Der Schuldenschnitt von 2012 hat nicht gereicht. In Spanien wiederum ist die Staatsverschuldung in den vergangenen zehn Jahren von 40 auf 100 Prozent gestiegen. Wenn jetzt eine neue Krise kommt, wird es für Spanien eng, dann rebellieren die Investoren.

Betrachten wir die privaten Haushalte und Unternehmen in der Eurozone, fällt auf, dass in Italien die Verschuldung mit ca. 120 Prozent des BIP vergleichsweise moderat ist. Das liegt wohl daran, dass dort eine Art Gesellschaftsvertrag herrscht: Der (Shenzhen: 002631.SZ - Nachrichten) italienische Staat verschuldet sich anstelle der privaten Haushalte. Dafür müssen die Italiener Staatsanleihen kaufen. Auf dem Papier sind die Italiener damit reicher als die Deutschen, da deren Staatsanleihen im Portfolio mitgerechnet werden, die Altersversorgung der deutschen Haushalte jedoch nicht.

Wir haben es unter dem Strich mit einem breiten, beschäftigungsintensiven Aufschwung zu tun, der sich auch im nächsten Jahr fortsetzen wird. Aber Europa ist noch nicht krisenfest, daher müssen wir auf einen langen Aufschwung und eine verantwortungsvolle Budgetpolitik der Euroländer hoffen.

FR: Wie steht die Wirtschaft in Deutschland da?

Carstensen: Auch in Deutschland beobachten wir eine recht hohe konjunkturelle Dynamik. Über die vergangenen vier Jahre wuchs das Bruttoinlandsprodukt mit einer Jahresrate von fast zwei Prozent und liegt jetzt um 8,5 Prozent höher als zum ersten Quartal 2013. Der Zuwachs ist zwar bisher nicht so stürmisch wie vor der Finanzkrise, dafür ist der Aufschwung aber deutlich breiter. Erfreulich ist dabei, dass auch der Konsum dazu beiträgt: Im Durchschnitt der vergangenen zwei Jahre nahmen die Ausgaben der privaten Haushalte preisbereinigt um mehr als 2 Prozent pro Jahr zu. Auch der Wohnungsbau gibt Gas: Die Investitionen lagen im ersten Halbjahr 2017 um rund 25 Prozent über dem Niveau von 2010. Nur die Ausrüstungsinvestitionen haben noch etwas Luft nach oben: Mit einer Zunahme um 15 Prozent gegenüber 2010 steigen sie weniger dynamisch als vor der Finanzkrise und liegen tatsächlich immer noch etwas unter ihrem Höchststand vor Krisenbeginn.

FR: Gibt es Anzeichen einer Überhitzung?

Carstensen: Die Auslastung der Industrie steigt allmählich an, liegt aber derzeit nur um etwa zwei Prozent über dem langfristigen Durchschnitt. Die Inflationsrate bewegt sich seit 2016 auf nunmehr fast zwei Prozent zu. Das ist aber noch kein Verspannungssignal. Von der Lohnseite her entsteht bisher jedenfalls kein übermäßiger Druck.

Allerdings ziehen die Hauspreise derzeit kräftig an: Wenn wir die Preisindizes für Wohnimmobilien in den USA von 1991 bis 2009 mit denen in Deutschland ab 2005 vergleichen (Grafik 3), sehen wir, dass hohe und zunehmende Änderungsraten nicht über einen längeren Zeitraum durchzuhalten sind. Wenn die Entwicklung in Deutschland auch 2019 noch derjenigen der USA ähnelte, wäre das ein Alarmsignal.

FR: Steuern wir auf eine Immobilienblase zu?

Carstensen: Ökonomen wissen vorher nicht genau, ob sie es mit einer Preisblase zu tun haben, sondern erst, wenn sie geplatzt ist. Aber man kann Vorsorge treffen. Es ist ja nicht der plötzliche Verfall der Immobilienpreise selbst, der zu einer Krise führt, sondern es sind die Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft: Geraten die privaten Schuldner in Bedrängnis? Können die Banken mögliche Kreditausfälle schultern? Sind die sozialen Sicherungssysteme auf steigende Arbeitslosigkeit eingestellt? Hat der Staat genügend finanziellen Spielraum, um einem Abschwung entgegenzuwirken?

Momentan zeigen alle Immobilienpreisindizes in dieselbe Richtung, nämlich nach oben. Je nach Berechnung ergibt sich eine Preissteigerung von 30 bis über 40 Prozent gegenüber 2010. Dabei steigen die Immobilienpreise vor allem in den Großstädten: Dort gab es in den vergangenen sieben Jahren eine Zunahme von über 60 Prozent.

Setzt man die Immobilienpreise jedoch ins Verhältnis zum Einkommen der Haushalte, so sind sie nur um 15 Prozent gestiegen – und das Verhältnis der Zahlungsleistungen einer Hypothek zum Einkommen der Haushalte ist sogar um 15 Prozent gefallen, dank sinkender Zinsen.

Hier zeigt sich auch ein mögliches Problem: Wenn die Kapitalkosten steigen, wird es für diejenigen Haushalte, die Finanzierungen mit variablen Laufzeiten abgeschlossen haben, schwierig. Lange Laufzeiten wären erst später betroffen; momentan hat fast die Hälfte der Hypothekenkredite eine Laufzeit von über 10 Jahren, ein Drittel zwischen fünf und zehn Jahren.

Insgesamt bietet die Verschuldung der Haushalte jedoch aus meiner Sicht derzeit noch keinen Anlass zur Sorge, die Zinsbelastung ist nämlich eher gering und schnell steigende Zinsen sind erst einmal nicht zu erwarten. Private Investoren sollten jedoch daran denken, dass Hauspreise auch wieder sinken können. Wer seine Altersvorsorge primär auf Immobilienbesitz aufbaut, tut gut daran, einen Risikopuffer einzuplanen statt aktuelle Preisentwicklungen einfach fortzuschreiben.

FR: Befindet sich die deutsche Wirtschaft also bereits im Boom?

Carstensen: Die Stimmung ist jedenfalls auf Rekordniveau. Die Lage wird entsprechend dem ifo-Geschäftsklimaindex so positiv beurteilt wie schon lange nicht mehr. Stand Mitte Oktober sieht meine Prognose für das Bruttoinlandsprodukt für dieses Jahr einen Zuwachs von 2,2 Prozent und für 2018 sogar von 2,4 Prozent voraus. Allerdings unter den Prämissen, dass sich die Weltwirtschaft weiter erfreulich entwickelt, die EZB den Leitzins bei null Prozent belässt und sowohl der Euro-Dollar-Wechselkurs als auch der Preis für Rohöl sich nicht wesentlich verändern. Dann können wir für deutsche Verhältnisse tatsächlich von einem Boom sprechen.

Prof. Dr. Kai Carstensen ist Direktor des Instituts für Statistik und Ökonometrie an der Uni Kiel. Von 2007 bis 2014 war er Leiter des Bereichs Konjunktur und Befragungen am Ifo Institut für Wirtschaftsforschung in München.