"Steroidosaurus"

Gäbe es eine Doping-Variante von Jurassic Park, Iwan Tichon wäre zweifelsohne der Tyrannosaurus Rex. Der weißrussische Hammerwerfer, mittlerweile 42 Jahre alt, ist ein Relikt aus einer dunklen Leichtathletik-Periode, hat Vergehen angesammelt, die eigentlich für zwei lebenslängliche Sperren reichen. Und dennoch warf und wirft Tichon, dieser "Steroidosaurus", immer weiter. 

Bei der Leichtathletik-EM in Berlin (im LIVETICKER) trat Tichon, vor zwei Jahren noch von sich selbst gefeierter und von allen anderen argwöhnisch beäugter Olympiazweiter in Rio, am Montag in der Qualifikation an.

Mit 74,67 m blieb er zwar knapp zehn Meter unter seiner Bestleistung, die vor zehn Jahren unter - nun ja - zweifelhaften Voraussetzungen entstanden war. Die für das Finale geforderten 76,00 Meter verpasste Tichon zwar, die Chancen standen aber gut, dass er über die Weitenregel bei der Medaillenentscheidung am Dienstag dabei ist.    

Schlag in den Magen aller sauberen Sportler

Dass Tichon, der auf das medizinische Regelwerk seiner Sportart jahrelang pfiff, auch weit im fünften Lebensjahrzehnt noch in den Ring steigen darf, ist ein Schlag in die Magengrube all jener, die sich um den sauberen Sport sorgen.

Es gibt fraglos sympathische Sport-Dinos. Den japanischen Flugsaurier Noriaki Kasai (46), den unverwüstlichen ägyptischen WM-Fußballtorwart Essam El-Haddary (45) oder auch den spanischen Geher Jesus Angel Garcia, der sich am Dienstagmorgen mit knapp 49 Jahren in Berlin noch einmal auf die 50 Kilometer wagt. 

In die Reihe der liebenswerten Frührentner passt Tichon nun wirklich nicht, und deshalb ist, was sich auf Anhieb wie die märchenhafte Wiederauferstehung eines Wurf-Opas liest, in Wahrheit ein ausgewachsenes Schurkenstück.

Aberkannte Titel und Doping-Vergehen en masse

Rund die Hälfte seiner Erfolge ist Tichon in loser Folge aberkannt worden, weil über Nachtests herauskam, dass er mit dem kompletten Sortiment einer Durchschnitts-Apotheke betrogen hat. Den WM-Titel 2005 und EM-Gold 2006 verlor Tichon wegen Testosteron-Missbrauchs, Olympia-Silber 2004 wegen Steroid-Dopings.

Olympia-Bronze 2008 erhielt Tichon aufgrund eines Urteils des Internationalen Sportgerichtshofs CAS zurück, aus den Startlisten von Olympia 2012 wurde er nach Bekanntwerden positiver Tests gestrichen. Die Weltmeister-Titel von 2003 und 2007 durfte er behalten, wenngleich kein Mensch ernsthaft davon ausgeht, dass Tichon ausgerechnet da sauber war.

Als kurz vor den Sommerspielen in Rio bekannt wurde, dass die weißrussische Hammerwerferin Oxana Menkowa bei ihrem Olympiasieg 2008 gedopt war und ihre Goldmedaille wohl verlieren wird, beschimpfte ihr Trainer Waleri Woronzow die Welt-Anti-Doping-Agentur öffentlich als "Terror-Organisation". Eine feine Gesellschaft, in die sich Tichon nahtlos einreihte.