Sterne im Sinkflug! Brauchen wir keine Filmstars mehr?

Willy Flemmer
Freier Autor für Yahoo Kino
Scarlett Johansson in “Ghost in the Shell” (Bild: Paramount Pictures)

Der Filmstar ist das Gesicht seiner Branche. Er trägt maßgeblich dazu bei, dass die Filme ihre hohen Kosten wiedereinspielten. Und uns Zuschauern bietet er eine Projektionsfläche für unsere Wünsche und Sehnsüchte. Doch der Filmstar verliert zunehmend seine Bedeutung. Woran liegt das? Eine Analyse.

Die halbe Welt regte sich auf, als vor wenigen Jahren Hollywood mit der Besetzung Scarlett Johanssons in “Ghost in the Shell” mal wieder einen Film “weißgewaschen” hatte. Während die Branche die Kontroverse aussaß, meldete sich einer zu Wort. Der Drehbuchautor der Manga-Verfilmung, Max Landis, fühlte sich berufen, zu beschwichtigen und zu erklären, warum die Entscheidung nicht rassistisch war. Die Erklärung, die er in einem Video auf YouTube veröffentlichte, gipfelte sinngemäß in der Feststellung: Hollywood sei bei der Besetzung der Rollen nun mal auf Stars angewiesen. Schließlich würden die dafür sorgen, dass die immer teurer werdenden Hollywood-Produktionen ihr Geld wiedereinspielen.

Das Problem, so Landis: Es gebe heutzutage kaum mehr als ein Dutzend echter männlicher Stars, die etwas “bedeuten” würden. Ja, er sagte “bedeuten”. Unter den Schauspielerinnen gebe es gerademal fünf, darunter eben Scarlett Johansson. Auf diese wenigen Superstars der Branche seien die Filmproduzenten bei der Besetzung der Rollen angewiesen. Was Landis nicht sagte, aber meinte: Phänomene wie Whitewashing gehören zu den moralischen Kollateralschäden, die Hollywood gerne in Kauf nimmt. Geld wiegt schwerer als Ethik. Bezogen auf “Ghost in the Shell heißt das: Die Produzenten hätten die japanische Rolle mit Johansson besetzt, weil es nun mal keinen japanischen oder zumindest asiatischen Star mit internationaler Strahlkraft gebe.

Der Filmstar in einer neuen Zeit

Und dann sagte Landis noch etwas, das angesichts der “Whitewashing”-Tumulte unterging, jedoch wesentlich für das Problem ist. Der Grund dafür, dass es in Hollywood heute so wenige “große Stars” gebe, liege in unserer veränderten Kultur begründet. Damit hatte er den Pudel entkernt. Tatsächlich leben wir in einem Zeitalter – laut Landis hat dieses etwa zehn Jahre vor “Ghost in the Shell”, also um 2007 begonnen–, in dem Filmstars immer mehr an Relevanz verlieren. Und der Grund dafür? Landis hat Kluges gesagt, mutig genug war er nicht oder wollte es nicht sein. Denn damit hätte er Hollywood nicht verteidigt, sondern seine Kritiker angegriffen. Er überging die harte Wahrheit, nämlich dass wir anscheinend keine Filmstars mehr brauchen.

Mit “Pretty Woman” etablierte sich Julia Roberts zum wohl größten weiblichen Star der 1990er Jahre. (Photo by Axelle/Bauer-Griffin/FilmMagic)

Heißt das aber auch, dass wir keinen Bedarf an Helden und Idolen mehr haben? Denn das war doch immer eine weitere Funktion des Filmstars. Während er für die Studios das kräftige Zugpferd war, das half, die Millionen-Ausgaben für einen Film wieder in die Kassen zu spülen, war er auf der anderen Seite für den Zuschauer immer auch eine Projektionsfläche. Wie die Filme, in denen er mitwirkt, entführt er seine Fans in eine andere, schönere und intaktere Welt als jene, in der viele von ihnen ihr Dasein fristeten. Ob die Welt des Filmstars tatsächlich dem entsprach, wie sie sich der Fan vorgestellt hat, ist irrelevant – was zählte, war die Illusion.

Nun verliert der Filmstar also immer mehr seine Bedeutung. Die strahlenden Sterne von einst befinden sich im Sinkflug. Heißt das im Umkehrschluss, dass wir weder Helden noch Idole brauchen, weil wir in einer intakten Welt leben? Warum dann werden unsere Leinwände Jahr für Jahr, Monat für Monat von omnipotenten Ethan Hunts und christusgleichen Supermans geradezu überflutet? Nein, Helden und die Illusion einer heilen oder zumindest rettbaren Welt brauchen wir nach wie vor und zwar dringender denn je. Der Beweis dafür ist das Ausmaß der Realitätsflucht, die uns Filme und Serien heute ermöglichen. Der klassische Film- und Serienheld hat sich in einen Superhelden verwandelt, der nicht mehr in seinem Milieu ein bisschen für Recht und Ordnung sorgt, sondern gleich ganze Welten und Galaxien retten muss. Für geringeres als die Vernichtung von Welt und Menschheit geben sich schließlich auch die Schurken und Bösewichte nicht mehr her.

Neue Projektionsflächen

Wir brauchen also noch Helden und ja, auch auf Stars und Idole sind wir nach wie vor angewiesen. Warum aber sind wir der Filmstars überdrüssig geworden? Weil die Projektionen unserer Wünsche und Sehnsüchte sich auf andere Flächen verschoben haben. Wir leben in einer neuen Zeit und die hat neue Helden hervorgebracht. Landis hat nicht zufällig die Zeit um 2007 als Zäsur ausgemacht, mit der die Ära großer Filmstars wie Julia Roberts, Bruce Willis, Brad Pitt und wie sonst noch alle heißen, zu Ende zu gehen begann. Klar, diese und andere Stars der 90er sind heute noch aktiv, doch sie haben in den Köpfen der Menschen längst nicht mehr den gleichen Stellenwert wie in ihrer besten Zeit.

Was bedeuten uns heute noch Filmstars wie George Clooney? (Photo by Anthony Behar/Sipa USA)

Mag sein, dass sie ihre große Zeit hinter sich haben und ihnen die Jennifer Lawrences, Scarlett Johanssons und Will Smiths heute das Rampenlicht streitig machen. Dennoch: Die größten Filmstars von heute wiegen in den Köpfen der Menschen nicht die Ikonen früherer Tage auf. Die wenigsten von uns geraten bei Angelina Jolie und George Clooney ins Schwärmen, wie einst nicht nur der einfache Zuschauer, sondern selbst nüchtern-ernste Filmkritiker, Intellektuelle und sogar Fachfremde wie Schriftsteller und Philosophen von einer Asta Nielsen, einer Greta Garbo und einem Marlon Brando hingerissen waren.

Die Krise des Filmstars fällt mit der Krise des Kinos zusammen. Beide haben im Zeitalter des Internets viel von ihrer Bedeutung für uns Zuschauer verloren. 2007 – um wieder darauf zurückzukommen – ist das Jahr, in dem das Smartphone auf den Markt kam. Das multifunktionale mobile Telefon ersetzte mit einem Schlag das Kino und manch anderes altehrwürdige Medium. Es war das neue Fenster zur Welt – der realen ebenso wie der erträumten. In den kleinen Bildschirm des Smartphones begannen wir unsere Wunschträume hineinprojizierten. Zumindest lenkte es unsere Aufmerksamkeit weg von der tristen Wirklichkeit. Hier fanden wir sogar, was uns immer das Kino und dann das Fernsehen gab: Filme und Serien – im Kleinformat zwar und dennoch. Wir haben uns mit der Zeit mit dieser kleinen Einschränkung zufrieden gegeben.

Neue Helden braucht die Welt

Das Internet hat auch neue Helden geschaffen. Die Idole von heute, das sind die Pioniere und Gestalter des digitalen Zeitalters. Sie findet man immer seltener in Hollywood, sondern immer öfter in Silicon Valley. Sie heißen nicht mehr Gary Cooper, Cary Grant und Marilyn Monroe, sondern Bill Gates, Jeff Bezos und Mark Zuckerberg. Einige von ihnen stehlen den Filmstars nicht nur die Show, sondern auch die Attitüde eines Kinorebells. Beispiel: Elon Musk. Andere wie der verstorbene Apple-Guru Steve Jobs werden wie Götter verehrt. Gegen die Strahlkraft dieser neuen Helden jedenfalls sehen die Filmstars blass aus.

Der Rockstar in Silicon Valley: Tesla-Chef Elon Musk. (AP Photo/Chris Carlson)

Aber auch in der Filmbranche selbst ist das Internet wichtiger Grund für einen Strukturwandel. Nicht nur aber vor allem der Durchmarsch von Streaming-Diensten wie Netflix, Amazon Prime Video oder Hulu – um nur drei zu nennen – hat zu neuen Hierarchien geführt. In der Film- und Medienbranche vor allem in den USA hat sich wieder eine Art Studiosystem etabliert. Das führt auch zu Wahrnehmungsverschiebungen – die weg von der Personalie und hin zum Systemischen führen. Wir schauen heute keine Filme mit Arnold Schwarzenegger, George Clooney und Tom Cruise, sondern Produktionen von Amazon Prime Video, Hulu und HBO. Auf dem Filmfest Venedig hat 2018 mit “Roma” nicht in erster Linie die neue Regiearbeit von Alfonso Cuarón den Hauptpreis gewonnen, sondern zum ersten Mal ein Netflix-Film. Ob Netflix, Disney, Pixar oder Blumhouse Productions – die Studios haben in unserer Wahrnehmung längst die Stars vor und erst recht hinter der Kamera verdrängt.

Serien sind das neue Schwarz

Und dann gibt es noch das Phänomen Serie. Ob das Format heute ohne Internet und Streaming-Diensten eine so dominante Stellung im öffentlichen Bewusstsein hätte, sei dahin gestellt. Nicht zu übersehen ist aber, dass sein Siegeszug für neue personale Hierarchien gesorgt hat. Mit der Serie konnte endlich der Drehbuchautor aus dem Schatten des Regisseurs und sogar des Schauspielers treten. Zu den Stars oder zumindest Zugpferden einer Serie gehören ferner die Creators oder Schöpfer und die Produzenten. Die Regisseure? Die sind austauschbar geworden. Die Schauspieler? Die sind gern gesehen in den Schöpfungen von David Simon, Vince Gilligan und Matthew Weiner, das A und O einer Serienproduktion sind sie jedoch nicht.

Es ließen sich etliche weitere Faktoren anführen, die für den Bedeutungsschwund des Stars verantwortlich und allesamt Symptome unserer Zeit sind. Da wäre zum Beispiel das Erzählen in der Endlosschleife, mit dem das Kino glaubt, eine Antwort auf das Serienformat gefunden zu haben. Das Ergebnis sind nicht enden wollende, nach vorne, nach hinten und zur Seite hin erzählte Filmreihen, in denen der Schauspieler bzw. Filmstar nur ein Rädchen im Getriebe ist. Und dann ist da noch der Aspekt, der schon immer ein wichtiger für den Zuschauer war: das Staunen darüber, wie die Filmemacher die phantastischen Welten, ihre Zerstörung und ihre Rettung ins Bild gesetzt haben. Es ist ein Staunen vor allem über die Filmtechnik. Damit sind wir wieder beim Digitalen gelandet. Welche Chance hat schon ein Filmstar gegen dieses Goldene Kalb unseres Zeitalters?