„Das ist wie sterben auf Raten“


Ein ganz in rot getauchter, fahnenschwenkender Lindwurm schlängelt sich die breite Ausfallstraße im Westen Bochums entlang: Böller werden gezündet, Bengalos spenden grelles Licht, breite Banner verkünden Kampfparolen. Direkt nach der Frühschicht haben die gut 2000 Mitarbeiter am Warmbandwerk von Thyssen-Krupp die Arbeit niedergelegt, die Anlagen auf ein Minimum runtergefahren, so dass sie keinen Schaden nehmen und sich zum Demonstrationszug hinter einem Lkw mit einer Stahlglocke formiert, die wie ein Sterbegeläut erklingt.

Knapp drei Kilometer marschieren sie zum zentralen Kundgebungsort, wo schon 5000 Kollegen aus anderen Stahlstandorten des Traditionskonzerns auf sie warten. Der Platz hat Symbolcharakter: Hier an der Rückseite der Bochumer Jahrhunderthalle wurde noch bis vor 20 Jahren Stahl produziert – heute ist es ein beliebter Konzert- und Veranstaltungsstandort.

So weit wollen es die protestierenden Stahlarbeiter gar nicht erst kommenden lassen. Deshalb stehen sie hier, skandieren „Stahl ist Zukunft“, appelliert die IG Metall in einem emotionalen Video, in dem Kinder, Mitarbeiter und ehemalige Hüttenwerker in eindringlichen Worten für den Erhalt der Arbeitsplätze werben, für die Sicherung der Stahlstandorte von Thyssen-Krupp.


Denn die sehen Gewerkschaft und Beschäftigte durch die Pläne von Vorstandschef Heinrich Hiesinger massiv bedroht. Der hatte am Mittwoch die Absicht verkündet, seine Stahlsparte mit der des indischen Industriekonglomerats Tata in Europa zusammenzulegen. Beide Partner streben ein 50:50-Joint Venture mit 34 Standorten in den drei Ländern Deutschland, Niederlande und Großbritannien an.

Sitz des neuen Stahlriesen soll Amsterdam sein. Mit der Fusion würde nach Weltmarktführer Arcelor Mittal der zweitgrößte Stahlkocher Europas entstehen, mit 48.000 Mitarbeitern und einer Produktion von rund 21 Millionen Tonnen Flachstahl.

Der finanziell angeschlagene Ruhrkonzern verspricht sich davon erhebliche Kostenvorteile zwischen 400 und 500 Millionen Euro. Thyssen-Krupp leidet immer noch an den Folgen verfehlter Investitionen in Amerika, die den Konzern unter dem Strich rund acht Milliarden Euro gekostet haben.

Am Mittwoch machte Konzernchef Hiesinger schon mal klar, dass eine Fusion mit Tata nicht ohne Arbeitsplatzabbau abgehen wird: rund 4000 Stellen sollen es zunächst sein, je zur Hälfte auf beide Partner verteilt. Viele der versammelten Stahlwerker fürchten, dass das erst der Anfang ist. „Das ist wie sterben auf Raten“, sagt Tobias Dörr, der bei Thyssen-Krupp in Bochum als Maschinenbautechniker arbeitet. „Das läuft doch ab wie bei Opel.“


Die Stimmung, sie ist aufgeheizt – und doch mischt sich eine Spur Resignation darunter. Es ist kein Vergleich zu Duisburg-Rheinhausen, als vor 30 Jahren der damalige Vorstandschef Gerhard Cromme von aufgebrachten Arbeitern mit Eiern beworfen wurde. Stahlwerker besetzten spektakulär eine Rheinbrücke und marschierten zum damaligen Regierungssitz nach Bonn, um für den Erhalt ihrer Jobs zu kämpfen.

Doch damals gab es noch 280.000 Arbeitsplätze in der deutschen Stahlindustrie, heute sind es weniger als 90.000 – die Kampfkraft und auch die mediale Aufmerksamkeit ist nicht mehr dieselbe. „Rheinhausen ist vorbei“, sagt Dörr. „Die Kollegen sind milde geworden.“ Das lässt sich schon an den Zahlen ablesen: Gut 7000 sind an diesem Freitag gekommen, um zu demonstrieren, aber 27.000 Mitarbeiter arbeiten heute immer noch für Thyssen-Krupp, den größten deutschen Stahlhersteller.

Aber man will noch mal zeigen, dass man da ist und sich nicht alles vom Vorstand gefallen lassen will. Seit Beginn der Verhandlungen zwischen Thyssen-Krupp und Tata vor knapp zwei Jahren stemmt sich die Belegschaft gegen diese Fusion und auch jetzt ist für viele Stahlkocher Tata ein rotes Tuch. „Das ist nicht der Partner, der für unsere Mitbestimmung steht“, ruft Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath unter Applaus der Menge zu. „Wir glauben nicht, dass das Tata-Werk in Port Talbot restrukturiert ist und wir bezweifeln, ob die 4000 Arbeitsplätze schon das Ende der Fahnenstange sind.“


Es droht ein Patt im Aufsichtsrat

Dass ausgerechnet Amsterdam der Sitz der künftigen Holding sein soll, ärgert viele. Sie sehen durch die Entscheidung die paritätische Mitbestimmung in der Montanindustrie in Gefahr und vermuten steuerliche Gründe hinter dieser Entscheidung. Unerwartete Rückenstärkung erhalten die Hüttenwerker vom neuen NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann von der CDU: „Der Standort Niederlande geht gar nicht“, sagt er. „Wir wollen, dass die Stahlindustrie und die Arbeitsplätze in Deutschland erhalten bleiben.“

Da ist er sich ausnahmslos einig mit Arbeitsministerin Andrea Nahles (SPD), die heiser mit ihrer vom langen Wahlkampf strapazierten Stimme und im roten Hosenanzug eindringlich für den Sitz der Holding in Duisburg wirbt: „Wenn der Firmensitz ins Ausland verlagert wird, gibt es keine rechtliche Absicherung der Montanmitbestimmung mehr“, sagte sie. „Wir wollen Sicherheit für alle Standorte und keine betriebsbedingten Kündigungen.“


Ungeachtet der erprobten Kampfrhetorik von IG Metall und Betriebsräten werden auf der Kundgebung aber auch Kompromisslinien für die anstehenden Gespräche mit dem Konzernvorstand sichtbar: Erhalt der Montanmitbestimmung, Arbeitsplatz-und Standortsicherung bis ins nächste Jahrzehnt hinein, die Zusicherung, dass Thyssen-Krupp als Mutterkonzern noch möglichst lange an dem neuen Stahlriesen beteiligt sein soll.

Dazu eine vernünftige finanzielle Ausstattung des neuen Stahlunternehmens unter dem Namen „thyssenkrupp Tata Steel“, dass das langfristige Überleben sichern soll.

Denn der Essener Mutterkonzern will rund vier Milliarden Euro Verbindlichkeiten, darunter 3,6 Milliarden Euro Pensionsverpflichtungen, der neuen Gesellschaft aufbürden, um seine Bilanzen aufzupolieren und mehr finanzielle Freiräume für sein Industriegeschäft zu schaffen.

Von Tata kämen noch rund 2,5 Milliarden Euro direkter Schulden dazu. Viel zu viel, findet Detlef Wetzel, stellvertretender Aufsichtsratschef von Thyssen-Krupp Steel und bis 2015 Vorsitzender der IG Metall: „Was nützt uns eine Beschäftigungssicherung, wenn die neue Gesellschaft zu hohe Schulden hat?“

Die Positionen liegen noch weit auseinander, die Verhandlungen werden schwierig, sagte Wetzel. Ein Kompromiss sei derzeit nicht in Sicht: „Es sei denn, der Vorstand wird vieles von unseren Forderungen akzeptieren, aber davon ist derzeit nicht auszugehen.“


Sollten sich beide Seiten nicht annähern, droht bei der Abstimmung über die Fusion ein Patt im Aufsichtsrat. Eine Entscheidung pro Tata könnte dann nur Aufsichtsratschef Ulrich Lehner mit seinem Doppelstimmrecht herbeiführen – ein solch kontroverses Abstimmungsverhalten wäre für den Konzern ein Novum. Daher hat auch Hiesinger großes Interesse daran, die Arbeitnehmervertreter ins Boot zu holen. Entsprechende Signale sandte er schon am Mittwoch aus.

Die Daumenschrauben zeigte Konzernbetriebsratschef Segerath schon mal auf: „Wir werden uns einer tragfähigen Lösung nicht verschließen – aber eine Lösung ohne uns Arbeitnehmer ist keine Lösung“, sagt er. „Wenn es nicht anders geht, werden wir uns gegenseitig wehtun.“

KONTEXT

Die größten Stahlproduzenten in Deutschland

ESF Elbestahlwerke Feralpi

Der Stahlproduzent aus dem sächsischen Riesa wurde 1992 gegründet und produziert unter anderem Stranggussknüppel, Betonstabstahl und Walzdraht. 2016 produzierte Feralpi eine Million Tonnen Stahl.

Quelle: Wirtschaftsvereinigung Stahl

Lech Stahlwerke

1970 wurde das Stahlwerk im bayrischen Meitingen gegründet. Das Unternehmen hat sich auf Betonstahl spezialisiert. Lech produzierte 2016 1,2 Millionen Tonnen Stahl.

Georgsmarienhütte

1,3 Millionen Tonnen Stahl produzierte das Stahlwerk 2016. Georgsmarienhütte wurde 1856 in der gleichnamigen Stadt in Osnabrück gegründet. Das Unternehmen produziert Stabstahl, Halbzeug und Blankstahl.

Riva

Der italienische Stahlkonzern hat mehrere Werke in Deutschland. 1954 wurde das Unternehmen von den Brüdern Emilio und Adriano Riva in Mailand gegründet. 2016 produzierte Riva in Deutschland 1,8 Millionen Tonnen Stahl.

Dillinger Hütte

Das Hüttenwerk (Anlage zur Erzeug von Stahl und Eisen aus Erzen) mit Sitz im saarländischen Dillingen produzierte 2016 2,2 Millionen Tonnen Stahl. Das Unternehmen wurde bereits 1685 gegründet.

Badische Stahlwerke

Der Stahlhersteller wurde 1955 im baden-württembergischen Kehl gegründet und produziert hauptsächlich für die Bauindustrie. 2016 konnte das Unternehmen 2,4 Millionen Tonnen Stahl produzieren.

Saarstahl

1989 wurde der Stahlproduzent im saarländischen Völklingen gegründet. 2016 produzierte er 2,5 Millionen Tonnen Stahl.

Salzgitter

Die Wurzeln der 1998 im niedersächsischen Salzgitter gegründeten Salzgitter AG gehen ins Jahr 1858 zurück. Rund sieben Millionen Tonnen Stahl produzierte das Unternehmen 2016.

Arcelor-Mittal

Der Konzern ging 2007 aus der Fusion der niederländischen Mittal und Arcelor aus Luxemburg hervor. Der Konzern hat mehrere Standorte in Deutschland und produzierte 2016 hierzulande 7,8 Millionen Tonnen Stahl.

Thyssen-Krupp

1999 wurden die Ruhrgebietskonzerne Krupp-Hoesch und Thyssen zusammengelegt. Deutschlandweit ist das Unternehmen mit Sitz in Essen der größte Stahlproduzent. Allein 2016 fertigte er 12,1 Millionen Tonnen Stahl.