Stellenabbau bei Siemens steht bevor


Im Energiegeschäft läuft es bei Siemens derzeit alles andere als rund. Die Windkraftsparte Siemens Gamesa überraschte und verärgerte gerade auch den Mutterkonzern mit der zweiten Gewinnwarnung in kurzer Zeit. Gleichzeitig hat die Kraftwerkssparte schwer zu kämpfen. Dabei gibt es zwei Herausforderungen für Siemens: Zum einen ist der Markt vor allem für große Gasturbinen schwach, es gibt Überkapazitäten bei allen Anbietern.

„Das Marktumfeld hat sich keineswegs verbessert, sondern nachhaltig verschlechtert“, sagt ein Insider. Dies führt auch noch zu erheblichem Preisdruck. Außerdem ist die große Gasturbine von General Electric derzeit einen Tick effizienter als die von Siemens, auch das erleichtert die Geschäfte nicht.

Seit Wochen laufen daher die Vorbereitungen für einen Stellenabbau in der Kraftwerkssparte Power and Gas. Das Handelsblatt hatte im August bereits über die Pläne berichtet. Laut Industrie- und Unternehmenskreisen steht noch nicht fest, wie viele Arbeitsplätze konkret gestrichen werden. Es geht aber um eine vierstellige Zahl. Auch sind Standorte gefährdet. Nach Informationen des „Manager Magazin“ könnten bis zu elf von 23 Standorten weltweit geschlossen werden.


Laut Industriekreisen gibt es aber noch mehrere Szenarien. Es sei noch nicht ausgemacht, welches davon realisiert werde. Womöglich werden die Pläne mit Vorlage der Jahreszahlen am 9. November verkündet. Wie es in Verhandlungskreisen heißt, ist das aber noch nicht gesichert.

Siemens erklärte, man kommentiere Marktgerüchte nicht. Man mache sich im Rahmen der Strategie Vision 2020 „kontinuierlich Gedanken über die strategisch richtige Aufstellung unserer Geschäfte“. Dies könne die „Konsolidierung einzelner Aktivitäten einschließen, wenn es die Marktbedingungen erforderlich machen“.

Siemens-Chef Joe Kaeser hatte mit dem größten Auftrag in der Konzerngeschichte Zeit gewonnen: Vor gut zwei Jahren handelte er den Verkauf von drei Gaskraftwerken mit 24 Großturbinen der sogenannten H-Klasse nach Ägypten aus. Inzwischen aber ist die Order abgearbeitet, die Turbinen liefern bereits teilweise Strom. Die Marktlage aber hat sich in der Zwischenzeit nicht verbessert. Im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2016/17 war der Auftragseingang in der Division Power & Gas, die weltweit etwa 47.000 Mitarbeiter hat, um 41 Prozent auf 2,7 Milliarden Euro eingebrochen.


Dies wird auch Auswirkungen auf die deutschen Standorte haben. Auch im traditionsreichen Turbinenwerk in Berlin werden dabei nach Einschätzung in Industriekreisen noch einmal Stellen gestrichen. Der Standort habe aber schon einen gehörigen Beitrag geleistet. Daher könnte es andere Standorte noch härter treffen. Laut „Manager Magazin“ soll das Generatorenwerk in Erfurt verkauft werden. Für die Fabrik im sächsischen Görlitz werde die Schließung erwogen. Auch in der Division Prozessindustrie und Antriebe könnte es nach Informationen des Handelsblatts weitere Stellenstreichungen geben.

Die IG Metall hat angesichts des geplanten Stellenabbaus „zeitnah eine Erklärung des Siemens-Vorstands“ gefordert. „Wir finden es unerträglich, dass erneut Tausende Mitarbeiter auf diese Weise verunsichert werden“, hieß es bei der Gewerkschaft. Falls Siemens tatsächlich massive Einschnitte bei Standorten und Stellenzahl plane, werde die IG Metall das „nicht widerstandslos hinnehmen, sondern gemeinsam mit den Betriebsräten und Belegschaften Gegenwehr leisten“.

Derzeit werde ja noch das Einsparprogramm PG 2020 umgesetzt, das offenbar die versprochene Wirkung weit verfehlt habe. Die Gewerkschaft wies zudem darauf hin, dass für das abgelaufene Geschäftsjahr 2016/17 mit einem „sehr stattlichen Gewinn“ gerechnet werde. „Dann muss es einem Unternehmen wie Siemens auch einmal möglich sein, potenzielle Probleme zu ertragen, bis eine wirklich tragfähige und nachhaltige Lösung gefunden ist“, sagte Hagen Reimer von der IG Metall.

KONTEXT

Was mal alles Siemens war

Ein Konzern im steten Wandel

Was hat Siemens nicht schon alles hergestellt. Telefone, Computer, Halbleiter oder Geldautomaten. Der Konzern, 1847 als Telegraphen-Bauanstalt von Siemens & Halske in Berlin gegründet, hat sich seither gründlich und stetig gewandelt. Geschäfte kamen hinzu, andere verschwanden. Die Liste prominenter Abgänge ist lang. Eine Auswahl früherer Siemens-Geschäfte.

Halbleiter

Die heftigen Turbulenzen auf dem Markt veranlasste Siemens, das Geschäft abzuspalten - der Halbleiterhersteller Infineon wurde 1999 an die Börse geschickt.

Telekommunikation

Zwar war Siemens als Telegraphen-Hersteller gegründet worden, doch der rasche Wandel auf dem Telefonmarkt überforderte den Konzern. Lange bevor Nokia den Anschluss an Apple auf dem Handymarkt verlor, musste Siemens Mobile trotz zunächst großer Erfolge einst Nokia ziehen lassen. Das Geschäft mit Mobiltelefonen gab Siemens 2005 an den BenQ-Konzern ab. Nur wenig später musste der die Produktion einstellen. Das Geschäft mit schnurlosen Telefonen für daheim verkaufte Siemens 2008 an Arques.

Netzwerke

Auch das Ausrüstungsgeschäft für Netzwerke trennte Siemens heraus und brachte das Geschäft 2007 in eine gemeinsame Firma mit Nokia unter dem Namen NSN ein.

Computer

Unter dem Namen Siemens Nixdorf baute Siemens einst nicht nur Geldautomaten, sondern auch Computer. Diesen Teil brachte Siemens in ein Joint Venture mit dem japanischen Hersteller Fujitsu ein und zog sich 2009 daraus zurück. Die Sparte mit Kassensystemen und Geldautomaten wurde zehn Jahre zuvor an Investoren verkauft und wurde 1999 als Wincor Nixdorf weiter geführt und an die Börse gebracht.

Auto

Wechselvoll ist auch die Geschichte, die Siemens als Autozulieferer erlebt hat. So hat der Konzern 2001 den Zulieferer VDO übernommen und mit dem eigenen Autogeschäft zusammengeführt. Nach einer Ein- und wieder Ausgliederung sollte VDO eigentlich an die Börse gebracht werden, ging aber dann 2007 im Wege eines Verkaufs an den Autozulieferer Continental.

Licht

Osram ist das jüngste Beispiel für ein Modell der Trennung. Das traditionsreiche Licht-Unternehmen gehörte lange zu Siemens. Angesichts milliardenschwerer Herausforderungen, etwa für die Entwicklung neuer Produkte nach dem Aus für die Glühbirne, wollte Siemens die Tochter mit einem Börsengang in die Freiheit entlassen - und dafür Milliarden einsammeln. Das klappte nicht, stattdessen buchte Siemens seinen Aktionären Osram-Aktien ins Depot, ein Börsengang light sozusagen. Seit 2013 ist Osram selbstständig.