Steinmeier bekennt sich in Israel zu deutscher Verantwortung für NS-Verbrechen

Historische Fotos in Gedenkstätte Yad Vashem

Zum Auftakt seines Besuchs in Israel hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die Verantwortung Deutschlands zur Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten betont. Dies sei eine Verantwortung, "die keinen Schlussstrich kennt", sagte Steinmeier am Mittwoch bei einem Gespräch mit Holocaust-Überlebenden in einem Zentrum für psychosoziale Hilfe in Jerusalem. Für die heutige Generation bestehe diese Verantwortung auch "im Eintreten gegen Antisemitismus", mahnte er.

Am Donnerstag will Steinmeier als erster Bundespräsident eine Ansprache in der nationalen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem halten. Dort findet das Welt-Holocaust-Forum statt, zu dem mehr als 30 Staatsoberhäupter erwartet werden. Anlass des Gedenkens ist der 75. Jahrestag der Befreiung des NS-Vernichtungslagers Auschwitz.

Steinmeier zeigte sich dankbar für die Einladung: "Mit Dankbarkeit und Demut ergreife ich die Hand, die meinem Land und mir mit der Einladung zum World Holocaust Forum als Zeichen der Versöhnung gereicht wird", schrieb er nach dem Empfang durch Israels Präsident Reuven Rivlin in dessen Gästebuch.

Mit seinem Besuch in Israel will Steinmeier ein Zeichen der Erinnerung an den Holocaust setzen und zugleich seine Sorge vor dem weltweit erstarkenden Antisemitismus ausdrücken. Bei dem Treffen mit Auschwitz-Überlebenden betonte er die große Bedeutung der Berichte von Zeitzeugen: "Um heute die Verantwortung, die nicht endet, an weitere Generationen weiterzugeben, brauchen wir das Reden über die Einzelschicksale."

Die 92-jährige Giselle Cycowicz berichtete dem Bundespräsidenten in der Gesprächsrunde von den Erfahrungen, die sie als Jugendliche im Vernichtungslager Auschwitz gemacht hat. "Ich erinnere mich immer wieder an diese schreckliche Angelegenheit, jeden Morgen", sagte sie. So habe sie ohne Socken durch den Schnee zum Arbeitslager laufen müssen. "Schrecklich, schrecklich kalt war es. Noch heute ist mir nie warm."

Die Gesprächsrunde fand statt im Amcha-Zentrum, wo Holocaust-Überlebende und ihre Nachkommen psychosoziale Unterstützung bekommen. Steinmeier dankte den Teilnehmern für ihre Offenheit: Er betrachte es als "Privileg für einen Bundespräsidenten, über Ihr Leben und Überleben zu hören".

Das Welt-Holocaust-Forum in Yad Vashem am Donnerstag bildet den Auftakt für eine ganze Reihe von Veranstaltungen, die in den kommenden Tagen an die Befreiung von Auschwitz durch sowjetische Truppen am 27. Januar 1945 erinnern.

Am Montag kommender Woche soll die zentrale Gedenkfeier in Auschwitz stattfinden, auch daran nimmt Steinmeier teil. Von Polen aus fliegt er dann gemeinsam mit Israels Präsident Rivlin nach Berlin, wo die beiden Präsidenten am Mittwoch bei der Gedenkfeier des Bundestags sprechen werden.

Für Israel ist die Gedenkveranstaltung am Donnerstag in Jerusalem ein historisches Großereignis. Tausende Sicherheitskräfte sind im Einsatz. Nach Angaben des Präsidialamts ist es die größte internationale Zusammenkunft in der Geschichte des Landes.

Gäste sind unter anderem Russlands Präsident Wladimir Putin, Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron und US-Vizepräsident Mike Pence. Für einen Missklang sorgte im Vorfeld die Absage des polnischen Präsidenten Andrzej Duda. Er reist aus Protest nicht zu dem Forum an, weil er anders als Putin keine Rede halten durfte.

Von der Gedenkfeier in Jerusalem soll nach dem Willen der Veranstalter auch ein machtvolles Zeichen gegen den weltweiten Antisemitismus ausgehen. Yad-Vashem-Sprecherin Iris Rosenberg wertete die Anwesenheit der Staatsoberhäupter als wichtige Geste der Unterstützung. Dies symbolisiere, "dass Antisemitismus nicht nur ein Problem für Juden ist, sondern für Gesellschaften insgesamt", sagte sie AFP.

Das Erstarken des Antisemitismus bereitet Israel große Sorgen. Die Universität Tel Aviv registrierte für 2018 weltweit einen Anstieg von 13 Prozent bei "größeren gewaltsamen Übergriffen" gegen Juden binnen eines Jahres. Für Deutschland verzeichnete das Bundesinnenministerium für 2018 insgesamt 1800 antisemitische Straftaten - knapp 20 Prozent mehr als im Vorjahr.