Startups haben Autoherstellern auf der IAA die Show gestohlen

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Viele neue Autos aber wenig Neuigkeiten. Die Innovationen kommen eher von den Startups.
Viele neue Autos aber wenig Neuigkeiten. Die Innovationen kommen eher von den Startups.

Eigentlich sollte die IAA die große Leistungsshow der deutschen Automobilindustrie sein. Doch viel Neues hatte die Messe in München in dieser Woche nicht wirklich zu bieten. Vorgestellt wurden vor allem große Elektroautos, die alles andere als erschwinglich sind. So sinnvoll die Elektrifizierung der Branche ist – ohne preiswerte Fahrzeuge wird der Umstieg auf eine massenkompatible E-Mobilität nicht gelingen. Vor Ort gab es davon viel zu wenig zu sehen.

Das lag auch daran, dass viele Hersteller gar erst nicht zur IAA angereist sind. Einerseits wegen pandemiebedingter Reisebeschränkungen, andererseits weil viele Hersteller sich vom Konzept Autoshow ohnehin abgewendet haben. So verzichtet Volvo zum Beispiel schon seit Jahren auf eine Teilnahme bei europäischen Ausstellungen. Es fehlten auch fast alle japanischen und die US-Hersteller. Ebenfalls nicht zu sehen war der Stellantis-Konzern, dessen Marken Fiat und Peugeot gerade im mittleren Preissegment einige E-Autos anbieten. Immerhin war Renault vor Ort, die eine elektrische Variante des Modells Megane vorstellten.

Mobileeye überrascht mit besonderer Ankündigung

Das die Elektromobilität das Rennen um den zukünftigen Antrieb zumindest in Europa gewonnen hat, daran gab es in München indes keinen Zweifel. Kaum ein Hersteller zeigte Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor, auch wenn die im Moment immer noch 85 Prozent des Absatzes ausmachen. Welche Rolle innerhalb der Mobilität der Zukunft das eigene Auto spielen wird, darüber waren sich die Hersteller dagegen uneinig. Während Volkswagen vor allem in Städten den großflächigen Einsatz von Robotaxis sieht, erteilte Daimler der Technologie offen eine Absage. Was insofern erstaunlich ist, weil Daimler doch lange ein starker Befürworter dieser Idee.

Die spannendsten Nachrichten aus dem Bereich des autonomen Fahrens kamen daher auch nicht von den etablierten Herstellern, sondern vom relativ jungen Unternehmen Mobileye. Johann Jungwirth, Vize-Präsident des Mobility-as-a-Service (MaaS) Bereich bei Mobileye kündigte eine kleine Sensation an. Schon ab 2022 wolle man zusammen mit dem Autovermieter Sixt in München einen Robotaxi-Service anbieten. Der soll dann auch im selben Jahr ganz ohne Sicherheitsfahrer auskommen. Die Zulassung habe man schon beantragt, so Jungwirth.

Auf die Nachfrage, warum ein Startup wie Mobileye in der Lage ist, einen autonomen Fahrservice der Stufe 4 zu starten, während Hersteller kaum in der Lage sind, Assistenzfunktionen der Stufe 3 in die Autos zu bringen, meinte Jungwirth, dass vor allem die schnelleren Entwicklungszyklen der Tech-Unternehmen für den Vorsprung sorgen würden. Die Strukturen der Autohersteller seien einfach zu starr für agile Softwareentwicklung.

Ein Computer für die Windschutzscheibe

Es ist aber keineswegs so, als würden Hersteller keine Innovationen präsentieren. BMW etwa zeigte in München ein Konzeptauto, das zu einem großen Teil aus recycelten Materialien besteht. Diese könnten auch wiederverwendet werden. Audi präsentierte eine schön anzusehende Studie mit etlichen technischen Neuerungen. Aber es waren eben Studien, keine handfesten Innovationen, die schon jetzt bereit für den Einsatz auf der Straße sind.

Interessant war vor allem, wie breit die Vielfalt der Startups im Automotive-Sektor mittlerweile ist. Zwei Kandidaten haben das deutlich gemacht: So baut das Startup Wayray ein Augmented-Reality-Display. Das soll das Problem lösen, dass Fahrer im Innenraum wegen der vielen Displays, die es zu beobachten und steuern gilt, schnell abgelenkt sind. Wayray beabsichtigt mittels einer holografischen Lösung die wichtigsten Infos auf der Windschutzscheibe anzuzeigen. Das funktionierte tatsächlich sehr gut und besser als vieles, was Hersteller im Angebot haben.

Eine wichtige Frage ließen die Hersteller zudem ganz aus: Wie viel Auto benötigen wir eigentlich in der Zukunft? Robotaxis mögen die Mobilität weiter umkrempeln, werden aber noch ein paar Jahre benötigen, bis sie so zahlreich vorhanden sind, dass sie den privaten Autoverkehr in den Städten komplett ersetzen können.

Die IAA ist und bleibt aus der Zeit gefallen

Eine Lösung könnte das Sharing-Modell sein und hier hat das Startup ViveLeCar ein neues und spannendes Angebot. Das Unternehmen aus Stuttgart bietet ein Fahrzeug zu dritt im Abo-Modell. Den Unterhalt, der Benzin- oder Ladekosten umfasst, teilt man sich dann. Abgerechnet werden die Monatsgebühren auf Basis der tatsächlich gefahrenen Kilometer. So bleibt man im Besitz eines Autos, hat aber kaum Kosten, wenn man es mal nicht nutzt.

Insgesamt wirkte die IAA dennoch ein wenig aus der Zeit gefallen. Viele Hersteller haben bisher kaum Antworten auf die Anforderungen der Mobilität der Zukunft in den europäischen Städten. Wenn mehr Städte dem Beispiel von Paris, Barcelona, Amsterdam oder Oslo folgen und ganze Teile der Innenstädte für private PKW schließen, wird man alternative Mobilitätsangebote benötigen. Das liefern aber bisher nur Softwareunternehmen.

Don Dahlmann ist seit über 25 Jahren Journalist und seit über zehn Jahren in der Automobilbranche unterwegs. Jeden Montag lest Ihr hier seine Kolumne „Drehmoment“, die einen kritischen Blick auf die Mobility-Branche wirft.

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