Warum Startups wie Celonis und Personio Extra-Urlaub verteilen

Hannah Schwär
·Lesedauer: 4 Min.
Einfach mal raus aus dem Homeoffice-Trott: Celonis und Personio gewähren in der Pandemie zusätzliche freie Tage, zum Beispiel für einen Wanderausflug.
Einfach mal raus aus dem Homeoffice-Trott: Celonis und Personio gewähren in der Pandemie zusätzliche freie Tage, zum Beispiel für einen Wanderausflug.

Die Meldung klingt auf den ersten Blick zu gut, um wahr zu sein: Das Karrierenetzwerk Linkedin hat seiner kompletten Belegschaft über Ostern eine Woche Sonderurlaub gegeben. Hört man sich in der deutschen Tech-Szene um, scheint der Ansatz zum Ausgleich von Pandemie-Stress allerdings gar nicht so ungewöhnlich zu sein. Auch hierzulande gibt es einige Unternehmen, die seit dem Frühjahr Erfahrungen mit vergleichbaren Modellen gesammelt haben.

Das Münchener HR-Startup Personio hat beispielsweise für die Pandemie-Monate Februar, März und April einen sogenannten Selfcare-Tag eingeführt — wobei es eher ein Selfcare-Halbtag ist. Die Mitarbeiter dürfen sich jeweils einen Vor- oder Nachmittag pro Monat zusätzlich frei nehmen. „Wir wollen unsere Mitarbeiter damit mehr Zeit zum Entspannen und für die Familie geben“, sagt Personio-Personalchef Ross Seychell.

Manche Kollegen seien Wandern gewesen, andere hätten einen Back-Nachmittag mit den Kindern eingelegt. Doch nicht alle nehmen den Extra-Urlaub wahr. 80 Prozent der Belegschaft haben laut Seychell bisher zwei Halbtage in Anspruch genommen, 50 Prozent immerhin einen Halbtag.

Zwei Tage „kollektives Durchatmen“

Einen Schritt weiter geht das Münchener Software-Startup Celonis. An zwei Tagen im Januar stand der Betrieb des Startups bis auf ein kleines Notfallteam still. Das Unternehmen hatte seinen knapp 1.300 Mitarbeitern ein „kollektives Durchatmen“ verordnet, wie Personalchef Andre Heinz im Gespräch mit Gründerszene erzählt. Die beiden freien Tage, die Celonis zusätzlich zum Jahresurlaub gewährte, fielen auf die Brückentage nach dem Feiertag Heilige Drei Könige.

In der Chefetage habe man sich bewusst für einen einheitlichen Termin und gegen frei wählbaren Extra-Urlaub entschieden. „Das hat die Qualität der Auszeit ausgemacht. Wenn alle gleichzeitig frei machen, muss sich niemand Sorgen machen, E-Mails oder Termine zu verpassen“, sagt Heinz. Manche Mitarbeiter seien so engagiert, dass sie an ihrem freien Tag hier und da doch noch etwas erledigen würden und nie richtig abschalten könnten. Dem habe man vorbeugen wollen.

Pandemie steigert Belastung

Hinter dem Corona-Sonderurlaub steckt mehr als eine schöne PR-Geschichte. Fachkräfte sind mittlerweile die wichtigste Ressource von Tech-Unternehmen. Wenn es den Mitarbeitern auf Dauer nicht gut geht, leidet auch die Firma. Insofern geht es bei den freien Tagen auch um eine betriebswirtschaftliche Rechnung.

„Wir haben erlebt, dass es schwer sein kann, Arbeit und Entspannungsphasen zu trennen. Schließlich ist der Weg ins Büro kurz, wenn man am heimischen Schreibtisch arbeitet“, sagt Celonis-Personaler Heinz. Nach dem anfänglichen Schock im ersten Lockdown und der kurzen Phase der Euphorie beobachte er spätestens seit dem Herbst eine gewisse Belastung, weil einfach kein Licht am Ende des Tunnels zu erkennen sei. Von einem ähnlichen Phänomen berichtet auch Ross Seychell von Personio: „Über die Zeit hat sich eine gewisse Müdigkeit eingestellt, weil die Linie zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt. Unsere Intention ist, das psychologisch zu durchbrechen, indem unsere Mitarbeiter die Chance haben, auf andere Gedanken zu kommen.“

Dass die Corona-Ausnahmesituation auf die Stimmung am Arbeitsplatz schlägt, ist wissenschaftlich belegt. Eine Langzeitstudie der Universität Düsseldorf hat ergeben, dass die Arbeit im Homeoffice während der Pandemie mit einem signifikant höheren Stresslevel verbunden ist als der Arbeitsalltag im Büro. Die Forscher führen das unter anderem auf das Konfliktpotenzial am improvisierten Arbeitsplatz und die soziale Isolation zurück.

Opportunitätskosten von mehreren hunderttausend Euro

Die freien Tage sollen als Gegenmittel zur allgemeinen Fatigue wirken — und das lassen sich die Unternehmen auch einiges kosten. „So wie wir in Forschung und Entwicklung investieren, müssen wir auch in unsere Mitarbeiter investieren“, sagt Seychell. Weder Personio noch Celonis wollten die Kosten, die ihnen durch den Ausfall der Arbeitskräfte und Verzögerungen entstehen, auf Nachfrage beziffern. Betrachtet man den Zeitraum und die Lohnstruktur, dürften die Opportunitätskosten aber zwischen mehreren hunderttausend und einer Million Euro liegen.

Damit der Corona-Sonderurlaub am Ende eine Wirkung entfaltet, gibt es einige Dinge zu beachten. Wenn alle gleichzeitig frei nehmen, sei das Timing enorm wichtig, berichtet Andre Heinz von Celonis. Das Startup habe bewusst einen Termin am Monats- und Quartalanfang gewählt, um den laufenden Betrieb und mögliche Deadlines nicht zu gefährden.

Führungskräfte sollten zu Urlaub ermutigen

Zudem sei eine gute Kommunikation wichtig. Das gilt besonders, wenn der Corona-Sonderurlaub auf freiwilliger Basis genommen werden kann. Führungskräfte sollten mit gutem Beispiel vorangehen, sagt Seychell. „Wir wollten unseren Leuten das Gefühl geben, dass es Okay ist, sich den halben Tag zu nehmen“, so der Personaler. Personio-Chef Hanno Renner habe seinen freien Halbtag deshalb auf Linkedin dokumentiert: Er hat ihm mit Meditation, Journaling, mehreren Espressi und den neuen Obama-Memoiren verbracht.