Dieses Startup stellt seine mobilen Tiny-Houses im Winter Obdachlosen zur Verfügung

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Nico Marotz von „My Molo“ (links) und Martin Parlow von der Caritas (rechts)
Nico Marotz von „My Molo“ (links) und Martin Parlow von der Caritas (rechts)

Jeden Winter kämpfen mehrere tausend Menschen um ihr Leben, da sie die kalten Nächte ohne ein Dach über ihrem Kopf verbringen müssen. Allein in Berlin wurden im Januar 2020 rund 2000 Obdachlose gezählt – die Dunkelziffer dürfte höher liegen. Inoffiziell gehen Experten von 4000 bis zu 10.000 Obdachlosen in der Hauptstadt aus. Übernachtungsplätze gibt es lange nicht so viele.

Das Unternehmen „My Molo“ bietet mobile Unterkünfte für Events an. Im Sommer kann man sich hier für Veranstaltungen kleine Lodges mit Betten und Schränken mieten. So findet man die kleinen Unterkünfte zum Beispiel beim „Deichbrand“-Festival, Sportveranstaltungen oder Messen. Nico Marotz ist Mitgründer des Unternehmens. „Da unser Geschäft sehr saisonabhängig ist, stehen die meisten unserer Lodges im Winter leer.“ Daher stellt die Firma die Wohnboxen im Winter für Obdachlose zur Verfügung.

Seit 2016 gibt es „My Molo“, ursprünglich wurden nur Unterkünfte für Festivals hergestellt. Marotz: „Ich bin zwar vorher noch nie auf einem Festival gewesen, aber habe es mir doch sehr unpraktisch vorgestellt. Meine Freunde erzählten mir vom ungemütlichen Campen und überfluteten Zelten.“ Also gründete Marotz mit zwei Freunden „My Molo“. Mittlerweile haben sie 80 Tiny Houses, die sie auf Events in ganz Europa aufbauen – von Deutschland über Dänemark bis nach Österreich und der Schweiz. Da Festivals, Messen und Outdoor-Events meist im Sommer stattfinden, können einige der Unterkünfte im Winter für Obdachlose aufgestellt werden. „Das ist ein absolutes Herzensprojekt von uns“, sagt Marotz. Im ersten Jahr waren es vier Häuschen, mittlerweile stehen bereits elf Lodges in Berlin.

„Großer Luxus“ für die Obdachlosen

Martin Parlow von der Berliner Kältehilfe erzählt: „Die Unterkünfte werden sehr wertgeschätzt. Hier haben die Obdachlosen ihre Ruhe und Privatsphäre – das ist ein großer Luxus für sie.“ In der Notübernachtung der Caritas können normalerweise bis zu 25 Personen im Winter schlafen, seit Corona sind es aus Hygienegründen nur noch 18 Plätze. Drei Betten sind nun in den drei kleinen Wohnboxen von „My Molo“ untergebracht. Die Kältehilfe ist eines der niedrigschwelligsten Angebot für Menschen, die auf der Straße leben: Die Übernachtungen sind kostenlos und die Menschen müssen sich nicht ausweisen oder rechtfertigen.

„Besonders im letzten Corona-Jahr waren die Tiny Houses eine sehr willkommene Möglichkeit für uns“, sagt Parlow. „Wir hatten teilweise nur Masken und Desinfektionsmittel, konnten die Personen nicht testen und Impfungen gab es auch noch nicht. Es war ein Winter voller Angst. Aber natürlich möchten wir niemanden wegschicken, weil er oder sie hustet.“ So konnten die Tiny Houses zur Isolation genutzt werden für die Menschen, die nicht im großen Schlafsaal übernachten konnten.

Es gibt auch Betroffene, die beispielsweise im Schlaf reden oder psychische Probleme haben, erzählt Parlow. Für sie ist es ebenfalls eine gute Möglichkeit, etwas Platz für sich zu haben. Denn die kleinen Häuser bieten Schutz und Sicherheit. „Sie sollen vor allem auch die Eigenverantwortung und das Selbstwertgefühl der Bewohner stärken“, sagt Marotz.

Elf Tiny Houses stehen Obdachlosen in Berlin zur Verfügung

Insgesamt hat sein Team elf Häuser in Berlin aufgestellt: drei auf dem Gelände der Caritas und acht bei der St. Pius-Kirche in Berlin-Friedrichshain. Eine Lodge ist 7,5 Quadratmeter groß, bietet Bett, Schrank und Heizung. „Schon beim Designen haben wir darauf geachtet, dass sie ausreichend gedämmt sind“, erklärt der Gründer. Bett und Schrank sind integriert, innerhalb weniger Stunden lassen sich die Häuser auf- und abbauen.

Finanziert wird das Projekt durch Spenden und von den Organisationen selbst. „Vor allem aber brauchen wir Platz“, so der Gründer. Um die Boxen aufzustellen, braucht die Firma Stellplätze, die Zugang zu Sanitäranlagen und Strom haben. „Aber es ist auch wichtig, dass Betreuungspersonal vor Ort ist, um die Übernachtungen zu koordinieren.“

Bei der Caritas können die Obdachlosen abends ab 19.30 Uhr ihre Schlafplätze beziehen und müssen sie morgens um 7.30 Uhr wieder verlassen. Alkohol, Drogen und Rauchen sind verboten. „Wenn wir die Lodges im März und April wieder abbauen, kann es schon mal sein, dass es ein paar kleine Schäden gibt“, sagt Marotz. Allerdings seien das meist kleinere Reparaturen. „Abgesehen davon sind die Lodges nach Festivals auch nicht immer heil.“

Sein Wunsch für die kommenden Jahre: „Wir würden gerne mehr Häuser aufstellen. Mit einigen größeren Städten wie Hamburg oder Köln haben wir bereits Kontakt.“ Am besten eigneten sich eingezäunte Flächen mit Infrastruktur, zum Beispiel Betriebsgelände, Krankenhäuser, Kirchen, Gemeinden oder bestehende Obdachlosen-Projekte.

Die Häuser sind mit Bett, Regal und Heizung ausgestattet
Die Häuser sind mit Bett, Regal und Heizung ausgestattet

Das könnt ihr tun, wenn ihr im Winter eine obdachlose Person seht

Falls ihr vermutet, dass eine Person unter den Witterungsbedingungen leidet, könnt ihr sie höflich ansprechen und fragen, ob sie etwas braucht oder ob sie Hilfe annehmen möchte. In vielen Großstädten fahren nachts sogenannte Kältebusse, um Menschen ohne Unterkunft zu versorgen und kostenfrei in Notunterkünfte zu bringen. Eine Übersicht mit Webseiten und Telefonnummern findet ihr hier.

Wirkt eine Person hilflos, ist nicht ansprechbar oder bringt sich oder andere möglicherweise in eine akute Gefahrensituation, solltet ihr die Polizei unter 110 oder den Rettungsdienst unter 112 anrufen.

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