Wenn Stars wie Paris Hilton für Krypto-Börsengänge werben


Paris Hilton ist ein Multitalent. Die 36-jährige Hotelerbin gibt sich nicht damit zufrieden, eines Tages über das Milliarden-Erbe ihrer Familie zu herrschen. Schon heute ist sie auf vielen anderen Partys unterwegs – ganz real, als DJane, im übertragenen Sinn, als Model, Schauspielerin, Designerin. Und jetzt auch virtuell: als Werbefigur für virtuelle Börsengänge, sogenannte ICOs.

ICOs sind ein noch junges Phänomen. Start-ups, oft aus dem Bereich der Kryptowährungen, geben bei einem ICO keine Aktien heraus, sondern virtuelle Gutscheine, sogenannte Tokens. Anleger handeln diese in der Hoffnung auf fantastische Gewinne analog zur Kursrally beim Bitcoin. Was sie für die Tokens bekommen, ist oft unklar. Manche versprechen eine Beteiligung an künftigen Gewinnen der Firma, andere einen Zugang zum geplanten Service. Teilweise werden sie von den Anbietern einfach nur als „Spenden“ deklariert. Insider glauben, dass die meisten ICOs zum Scheitern verurteilt sind, da den Start-ups funktionierende Geschäftsmodelle fehlen. Platzt die Blase, dürften die Anleger ihren Einsatz verlieren.


Superstars wie Paris Hilton scheinen solche Warnungen nicht zu stören. Anfang September kündigte das millionenschwere It-Girl auf Twitter an, am ICO von Lydian teilzunehmen. Die Agentur bietet Marketing für Krypto-Firmen an. In einem weiteren Tweet teilte sie das „White Paper“, das Geschäftskonzept von Lydian, mit ihren über 17 Millionen Fans. Zahlreiche Medien berichteten nach Hiltons Tweet über das zuvor unbekannte Start-up, das 100 Millionen Dollar erlösen wollte.

Paris Hilton ist nicht der einzige Promi, der ins ICO-Business eingestiegen ist. Ebenfalls auf Twitter wirbt US-Schauspieler Jamie Foxx für den ICO von Cobinhood, einem Start-up, das eine kostenfreien Handelsbörse für Kryptowährungen angekündigt hat. Bis heute hat die Firma über 13 Millionen Dollar eingesammelt.


Auch der ehemalige Boxweltmeister Floyd Mayweather zeigt sich öffentlichkeitswirksam im ICO-Fieber: Auf der Foto-Plattform Instagram verkündete er, er werde eine „scheißgroße Summe an Geld machen“ beim ICO der Firma Stox.com. Nach einem Tag war der ICO der Prognoseplattform abgeschlossen, Anleger investierten mehr als 30 Millionen Dollar in die virtuellen Gutscheine.

Die Motive der Promis, ihren Namen für virtuelle Börsengänge in den Ring zu werfen, sind Beobachtern zufolge klar: Das ICO-Business ist ein Milliardengeschäft. Wer mit Werbeverträgen oder einem eigenen Investment an Bord ist, kann in kürzester Zeit sehr viel Geld verdienen. Gab es 2016 laut der Branchenseite Coinschedule ganze 46 ICOs, liegt die Zahl 2017 schon bei über 200 – über 3,6 Milliarden Dollar wurden eingesammelt. 2016 hatte die Summe noch bei 96 Millionen Dollar gelegen. Mehr als 360 ICOs sind derzeit in Planung. Die prominente Schützenhilfe könnte den Markt nun weiter anheizen.


Beobachter wie Frank Dornseifer befürchten eine neue Blase. Der Geschäftsführer des Bundesverbands Alternative Investments (BAI) kennt sich aus mit neuartigen Finanzprodukten und ist Innovationen gegenüber aufgeschlossen. Den Hype um virtuelle Börsengänge sieht er hingegen kritisch. „Ein ICO muss seriös vonstattengehen. Dann ist das ein spannendes neues Finanzierungsinstrument für junge Firmen. Es tummeln sich jedoch viele Glücksritter in dem Bereich, die kein funktionierendes Geschäftsmodell haben.“ Der aktuelle Boom erinnere ihn an den Beginn des grauen Kapitalmarkts, als Anbieter ohne Prospektpflicht und regulatorische Aufsicht Gelder einwerben konnten.

„Viele Anbieter haben regelrecht Dollar-Zeichen in den Augen. Sie werben auf Roadshows und im Internet für ihre ICOs, es gibt jedoch keine Zwischeninstanz oder Aufsicht. Unseriösen Anbietern öffnet das Tür und Tor.“ Dornseifer zieht eine klare Konsequenz: „Die Politik sollte einen verlässlichen rechtlichen Rahmen bereitstellen, der gleichzeitig Sicherheit für die Anleger schafft.“



Die Blase wächst und Hilton blamiert sich


Die Mühlen der Aufsicht mahlen langsam. Die Regulierer haben vor allem in Europa lange gezögert, sich zu virtuellen Börsengängen zu äußern. Die deutsche Finanzaufsicht Bafin hat schließlich Anfang November eine offizielle Verbraucherwarnung herausgegeben. Anleger riskieren demnach Totalverluste, sollten sich genau über die Anbieter informieren. Kurz darauf warnte auch die europäische Aufsichtsbehörde ESMA, ICOs seien betrugsanfällig, könnten der Geldwäsche und Terrorfinanzierung dienen.

Die Zeitung „Financial Times“ zeigt in ihrer jüngsten Ausgabe eine Übersicht über den Umgang mit ICOs in verschiedenen Ländern. Die Aufsichtsregime wurden unterteilt in die Kategorien „Bans“ (Verbote in Kraft), „Fans“ (ICO-Anbieter werden aktiv unterstützt) und „Wary“ (Skepische Boebachtung).

  • Verbote gelten demnach in China, Südkorea, Vietnam, in abgeschwächter Form auch in Russland;
  • aktiv gefördert wird das Geschäft in den Steueroasen Gibraltar, Isle of Man, Cayman Islands und auf Mauritius;
  • skeptisch sind die Aufseher in den USA, Großbritannien, der Europäischen Union, Schweiz, Hongkong, Singapur, Kanada und Australien.


Die Skepsis der großen Aufsichtsbehörden hat Gründe: Immer häufiger zeigt sich, dass virtuelle Börsengänge prädestiniert sind für betrügerische Absichten. Vor einem Monat hat etwa die US-amerikanische Finanzaufsicht SEC zwei ICO-Anbieter des Betrugs angeklagt. Die beiden fraglichen ICOs namens „REcoin“ und „DRC“ basierten den Vorwürfen zufolge auf betrügerischen Versprechungen. Beim einen wurde ein auf Immobilienbesitz basierendes Geschäftsmodell versprochen, beim anderen die Deckung durch Investitionen in Diamanten angepriesen. Beworben wurden funktionierende Firmen mit Angestellten, Anwälten und Kundenbeziehungen. Der SEC zufolge wiesen beide aber keinerlei echte Geschäftstätigkeit auf.

Am Dienstag machte der Fall des Start-ups Confido Aufsehen, das bei einem kleinen ICO 400.000 Dollar einnahm – und anschließend spurlos verschwand. Das letzte Lebenszeichen der Gründer war ein Verweis auf angebliche „Rechtsprobleme“, kurz darauf war die Internetseite gelöscht. Ein Szene-Insider bezeichnet das Vorgehen gegenüber dem Handelsblatt als „sehr gut aufgelegten Scam“, also als schlichte Abzocke unbedarfter Anleger.

Für Confido hatte kein Star geworben. Geht der Trend aber weiter, dürfte es nur noch eine Frage der Zeit sein, bis die ersten Promis mit Werbeaktionen für virtuelle Börsengänge Schiffbruch erleiden.


Dass Stars hier nicht nur ihren Ruf riskieren, hat zuletzt die US-amerikanische Börsenaufsicht verdeutlicht. Die SEC warnte potentielle Werbebotschafter Anfang November, die Unterstützung eines ICOs könne gegen Werbeverbote verstoßen. Noch expliziter hat sich das US-Justizministerium geäußert: Es nimmt ICOs derzeit unter die Lupe und weist Anbieter auf drohende Strafen hin.

Paris Hilton hat sich mit der Werbung für Lydian bereits blamiert. Wenige Wochen nach ihren Jubelbotschaften musste sie sich von dem Start-up distanzieren, nachdem bekanntgeworden war, dass der Chef in rechtlichen Schwierigkeiten steckt. Die Tweets konnte das It-Girl wieder löschen. Das Rampenlicht für eine dubiose Firma – und der Schaden fürs Hilton-Image – werden bleiben.

KONTEXT

Hackerangriffe auf Bitcoin & Co

Bereits knapp eine Million Bitcoin gestohlen

Börsen, an denen Bitcoin & Co. gehandelt werden, sind ein beliebtes Ziel von Hackern. Bei ihren Überfällen erbeuten sie manchmal Millionen und stürzen die Betreiber der Handelsplattformen oft in die Insolvenz. Bislang wurden insgesamt knapp eine Million Bitcoin gestohlen - zum aktuellen Kurs ist das eine Beute von 8,2 Milliarden Dollar.

Einer Studie von Tyler Moore zufolge, einem Professor für Cyber-Sicherheit an der Universität von Tulsa, wurden seit der Erfindung von Bitcoin 2009 ein Drittel aller Handelsplattformen für Krypto-Währungen gehackt. Nach Angaben der Datenschutz-Organisation Privacy Rights Clearinghouse lag die Quote bei US-Banken im gleichen Zeitraum bei einem Prozent.

Mt.Gox

Am bekanntesten ist die Attacke auf die damals weltgrößte Bitcoin-Börse Mt.Gox aus Japan. Etwa 25.000 Kunden verloren rund 650.000 Bitcoin - aktueller Wert: 5,3 Milliarden Dollar. Die Bitcoin-Börse über die seinerzeit 90 Prozent des weltweiten Handels abgewickelt wurde, schlitterte daraufhin Anfang 2014 in die Pleite. Der Insolvenz-Verwalter der Börse hat Ansprüche von Geschädigten im Volumen von 400 Millionen Dollar anerkannt.

Tether

Das jüngste Hacking-Opfer ist Tether. Das Startup teilte am 21. November 2017 mit, "externe Angreifer" hätten die gleichnamige Kryptowährung im Volumen von 31 Millionen Dollar gestohlen. Dem Branchendienst CoinMarketCap.com zufolge ist Tether mit einem Börsenwert von insgesamt 674 Millionen Dollar die Nummer 19 der insgesamt etwa 1300 Internet-Währungen.

Bitfinex

Im August 2016 erbeuteten Hacker bei einem Angriff auf die Hongkonger Handelsplattform Bitfinex 120.000 Bitcoins im damaligen Wert von etwa 70 Millionen Dollar. Gemessen am aktuellen Kurs beläuft sich der Schaden auf 982 Millionen Dollar.

Cryptsy

Im Juli 2017 wurde der Betreiber der kollabierten Börse Cryptsy dazu verurteilt, 8,2 Millionen Dollar an seine Kunden zu zahlen. Der Richter sah es als erwiesen an, dass 11.325 Bitcoin (heutiger Wert: rund 92 Millionen Dollar) gestohlen wurden. Allerdings blieb unklar, von wem.

Kraken

Am 7. Mai 2017 verloren Kunden der Handelsplattform Kraken einer Klageschrift zufolge fünf Millionen Dollar, weil sie während eines Hacker-Angriffs nicht auf ihre Konten zugreifen konnten. In dieser Zeit stürzte der Kurs der Internet-Währung Ether auf der Handelsplattform um 70 Prozent ab. Die Ether-Bestände derjenigen Anleger, die auf Pump spekuliert hatten, wurden daher zwangsverkauft.

Quelle: Reuters

KONTEXT

Das Krypto-ABC

Bitcoins

Bitcoins sind eine elektronische Währung, manchmal auch Kryptowährung genannt. Sie basiert auf einer Blockchain. Die Identität des Gründers, Satoshi Nakamoto, ist unbekannt.

Blockchain

Blockchains sind elektronische Buchhaltungen, die jedem Nutzer dezentral in identischer Form zur Verfügung stehen.

DAO

DAO steht für "Digitale autonome Organisation". Das Unternehmen existiert virtuell, und die Eigentümer lenken es durch elektronische Entscheidungsprozesse.

Ethereum

Ethereum ist ein Projekt, das dem der Bitcoins ähnelt. Die zugehörige Währung heißt Ether. Die zentrale Gründerfigur ist der russischstämmige Kanadier Vitalik Buterin. Eine besondere Rolle spielen dabei Smart Contracts.

ICO

ICO steht für Initial Coin Offering. Im Internet sammeln Firmen bei virtuellen Börsengängen Geld für Geschäftsprojekte ein, häufig in Form von Bitcoins. Im Gegenzug erhalten die Investoren Tokens. Oft befinden sich die Projekte in einem frühen, sehr experimentellen Stadium. Manchmal handelt es sich bei den Unternehmen um DAOs.

Kryptowährungen

Kryptowährungen sind Zahlungsmittel, die allein auf einer Software basieren - auf einer globalen, praktisch fälschungssicheren Datenbank (der Blockchain). Die bekannteste Währung ist der Bitcoin. Elektronische Verschlüsselung stellt sicher, dass die digitalen Einheiten oder Münzen (Coins) nur ihren Besitzern zur Verfügung stehen.

Ripple

Ripple ist eine Alternative zu Bitcoins, die für den Zahlungsverkehr unter Banken gegründet wurde. Die zugehörige Währung heißt XRP. Das wichtigste Unternehmen ist Ripple-Lab.

Smart Contracts

Smart Contracts bewirken automatisch Vorgänge, etwa Zahlungen, bei Erfüllung bestimmter Bedingungen.

Token

Tokens werden im Rahmen von ICOs herausgegeben und sind keine Aktien. Sie ähneln eher digitalen Gutscheinen oder Einzahlungsbelegen, versprechen eine Beteiligung an künftigen Gewinnen oder Management-Entscheidungen, oder einen Zugang zum geplanten Service der Firma. Die Tokens sollen den Investoren die Teilhabe an dem Projekt garantieren, das mit ihrem Geld realisiert wird. Rechte für die Anleger sind mit ihnen aber meist nicht verbunden, teilweise deklarieren die Anbieter sie sogar als "Spenden". Viele Anleger handeln sie wie Bitcoins - in der Hoffnung auf Spekulationsgewinne.