Stahlbranche fordert EU-Antwort auf Strafzölle – Sorge vor neuer Importwelle aus China

In der Branche geht die Sorge um, dass der weltweite Stahlhandel aus dem Gleichgewicht gerät. Und sie hofft auf eine starke Antwort aus Europa.

Eigentlich wollten sich die Vertreter die Stahlindustrie am Mittwoch mit der Zukunft ihres Geschäfts beschäftigen: Hightech-Stahl, E-Mobilität, Klimaschutz standen als Themen bei der Handelsblatt-Tagung „Zukunft Stahl“ auf dem Programm. Doch dann holte die Branche die Gegenwart schnell wieder ein.

Auf die Frage von Moderator Martin Wocher, wer von den Anwesenden in den USA Geschäfte macht, hebt gut die Hälfte der Anwesenden die Hand. Angst vor einem Handelskrieg hat immer noch ein gutes Drittel.

Der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, Hans Jürgen Kerkhoff, fasst die Lage der Branche in seinem Eröffnungsvortrag zusammen: „Die Stahlzölle in den USA werden drastische Folgen für Unternehmen in Deutschland und Europa haben.“ Ein erneuter Ausbruch der Importkrise, die Europas Stahlindustrie gerade überwunden glaubte, ist seine Befürchtung.


Noch befinden sich Europas Stahlkonzerne in Wartestellung: Die meisten wollen zunächst schauen, wie die Zölle auf Stahl und Aluminium, die US-Präsident Donald Trump in der vergangenen Woche ankündigte, tatsächlich aussehen.

Doch selbst wenn es keine Ausnahmen für europäische Hersteller geben wird: Um ihr Amerika-Geschäft fürchten derzeit die wenigsten. „Wir wissen nicht genau, welche Maßnahmen kommen werden“, sagt etwa Peter Schwab, Vorstandsmitglied beim österreichischen Hersteller Voestalpine.

Sein Konzern prüfe derzeit, inwieweit er betroffen ist. „Das ist nicht trivial.“ Voestalpine betreibt zwar eigene Produktionswerke in den USA. Allerdings wird dort auch Stahl verarbeitet, der aus Europa stammt – und künftig mit einem Strafzoll von 25 Prozent belegt werden könnte.

Stärker noch als die Sorge vor steigenden Produktionskosten wiegt allerdings die Angst, dass der weltweite Stahlhandel aus dem Gleichgewicht geraten könnte – und Hersteller aus Ländern wie China, Indien und der Türkei ihren überschüssigen Stahl künftig in Europa absetzen könnten. Schließlich importieren die USA 35 Millionen Tonnen jährlich - noch.


„Die Maßnahmen der USA treffen uns in einer Zeit, in der die weltweite Importkrise auf dem Stahlmarkt überwunden schien“, so Kerkhoff. Nun drohe eine Rückkehr der alten Probleme. „Europa darf sich nicht wehrlos zeigen.“ Seine Forderung: Die EU müsse den heimischen Markt vor Handelsumlenkungen schützen. „Die Welthandelsorganisation stellt entsprechende Instrumente bereit. Wir sind keine Protektionisten.“

Ähnlich äußert sich Jörg Fuhrmann, Vorstandsvorsitzender von Salzgitter, gegenüber dem Handelsblatt: „Sorgen machen uns die möglichen indirekten Effekte.“ Fuhrmann tritt am Donnerstag bei der Stahltagung auf. „Wir erwarten deshalb, dass die EU-Kommission rechtzeitig die erforderlichen Maßnahmen ergreift, um die Umlenkung von internationalen Stahlströmen in den EU-Markt zu verhindern.“

Wolfgang Eder, Vorstandschef bei Voestalpine, stimmt ihm zu: „Europa muss aufpassen, nicht zum Abfallkübel der Welt zu werden.“ Zwar haben es gerade chinesische Hersteller derzeit schwer, ihren Stahl auf den Märkten in den USA und der EU zu verkaufen: Beide haben in den vergangenen Jahren mehrere Anti-Dumping-Maßnahmen verhängt, die größere Konkurrenz aus China verhindern.

Stahlpräsident Kerkhoff rechnet zwar damit, dass die US-Zölle die europäischen Hersteller zwar für eine längere Zeit beschäftigen dürften. „Doch das Hauptproblem liegt in China.“ Noch immer produziere das Land rund 280 Millionen Tonnen Stahl mehr pro Jahr, als es verbrauche.


Nur langsamer Wandel


Nicole Voigt, Stahlexpertin und Partnerin bei der Beratungsfirma Boston Consulting Group, ist allerdings überzeugt, dass sich das Handelsgefüge auf dem Stahlmarkt infolge der Zölle zunächst „nur langsam“ verändern wird. Denn die US-Stahlproduktion sei derzeit ausgelastet. Die Hersteller könnten also im Falle zügig eingeführter Zölle, wie sie Trump in Aussicht stellte, wohl nur zeitverzögert reagieren. Das verringerte Angebot dürfte im ersten Schritt zu deutlich steigenden Preisen führen.

Dem können die europäischen Stahlfirmen also erst einmal gelassen entgegensehen: Steigen die heimischen Preise um mehr als 25 Prozent, lohnt es sich für US-Firmen trotzdem noch, Stahl zu importieren.
Hinzu kommt: „Die europäischen und japanischen Hersteller haben Produkte im Sortiment, die in den USA nicht produziert werden.“ Viele US-Käufer wollen oder können aber nicht auf diese Produkte verzichten – und bleiben daher im Zweifel auf ausländische Hersteller angewiesen.

So erklärte auch Henrik Adam, Vertriebsvorstand bei Tata Steel Europa: „Wir pflegen seit 50 Jahren Kundenbeziehungen in die USA.“ Wenn die Kunden ihren Stahl auch von US-Herstellern hätten beziehen können, so seine Einschätzung, hätten sie das vorher bereits getan. „Ich gehe deshalb davon aus, dass diese Beziehungen fortbestehen werden.“


Die Frage lautet nun, ob die US-Unternehmen im Schutz der Zölle zu größeren Investitionen bereit sind, um ihre Produktion qualitativ auf diese Nachfrage einzustellen. Voigt hält das für fraglich. „Wenn ein Unternehmen beschließt, ein Stahlwerk zu bauen, gibt es einen Planungshorizont von zehn bis 15 Jahren“, so Voigt. Trump ist allerdings noch höchstens sieben Jahre im Amt. Das macht größere Investitionen zu einem unkalkulierbaren Risiko.

„Die USA schaden sich selbst“, so lautete auch das Urteil von Stahlpräsident Kerkhoff. In seiner Rede betonte er, Europa müsse sich jetzt darauf konzentrieren, was es jetzt selbst tun könne. „Die EU muss sich handlungsfähig zeigen.“

Ob Zölle auf Blue Jeans, Whiskey und Harley Davidson die richtige Antwort seien, stellt Kerkhoff infrage. Aber: „Wir brauchen Regeln, die uns vor den Handelsumlenkungen schützen.“ Dazu zählten etwa sogenannte „Safeguard-Maßnahmen“, mit denen die EU beispielsweise über Zollkontingente erlaubte Importmengen festlegen kann. Auch Klagen vor einem Schiedsgericht seien denkbar, so Kerkhoff.

Hinter der Skepsis gegenüber Vergeltungszöllen auf stahlfremde Produkte, wie sie derzeit in der EU-Kommission diskutiert werden, steckt eine weitere große Sorge der Stahlproduzenten – vor der Eskalation. Wie Kerkhoff warnt auch Voestalpine-Chef Wolfgang Eder vor einer Spirale des Protektionismus. „Wir müssen diese gesellschaftliche Tendenz, die auch hinter dem Brexit, der Italien-Wahl und dem Protest gegen das Handelsabkommen Ceta steckt, stoppen“, erklärte er am Dienstagabend vor dem Düsseldorfer Wirtschaftsclub – und forderte eine „Allianz der Rationalen“, die sich der Abschottung entgegenstellt.

Doch wie Kerkhoff forderte auch Eder die auch EU auf, Schutzmaßnahmen gegen nun drohende Stahlschwemme in Europa zu beschließen. Wie das zusammenpasst? „Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt“, sagte er.