Stadtspaziergang - Am Nockherberg: Ein Viertel im Um- und Abbruch

Lea Kramer

Im Dreieck Obergiesing, Obere und Untere Au bleibt gerade kein Stein auf dem anderen. Ein Stadtspaziergang, der nachdenklich macht.

München - Nicht erst seit Paulaner angekündigt hat, den Nockherberg verlassen zu wollen, ist der Anstieg hinauf zu Münchens Schotterebene Stadtgespräch. "Dass er auch dem frömmsten Münchner lieber ist als Altötting oder jeder andere noch so heilige Wallfahrtsberg im Lande Oberbayern", schreibt etwa Elfriede Meinhold um die Jahrhundertwende in ihr Tagebuch. Da ist auch heute noch was dran.

Um 1905 herum posieren diese beiden Kinder auf dem gerade neu angelegten Nockherberg. F: Stadtarchiv München

Um diese Zeit, vor etwas mehr als 100 Jahren, erlebt das Gebiet rund um den Nockherberg seine letzte große städteplanerische Wandlung. 1903 wird das Nockherschlösschen abgerissen, das ehemalige Sommerhaus der Bankiersfamilie Nockher, das dem Hügel seinen Namen gab. Beides geschah im Zuge der Bergregulierung. Zwölf Prozent Steigung sollten nicht einmal die neu eingemeindeten Arbeiter aus dem Herbergsviertel rund um das Isarhochufer regelmäßig überwinden müssen.

Aus dieser Zeit stammen auch die Treppen, die die Obere Au, die Untere Au und Obergiesing – Kesselhaus und Eiswerk – miteinander verbinden. Oben und unten muss heute nicht mehr zwingend verknüpft werden. In den kommenden Jahren wird sich das Gebiet rund um den Nockherberg komplett verändern. Was bleibt vom einstigen Arbeiterviertel? Ein Rundgang entlang alter Klostermauern und ehemaliger Lagerkeller.

Los geht’s an der Hochstraße.

Gourmetküche im Wirtshaus

Bis 2018 zu: Der Paulaner Garten. F: Lea Kramer

Seit 1634 wird am östlichen Isarhochufer Bier gebraut. Ausgeschenkt wird das Paulaner unter den großgewachsenen Kastanien im Paulanergarten an der Hochstraße. Der Biergarten wird derzeit kernsaniert. Im Februar 2018, pünktlich zum Salvatoranstich, soll alles fertig sein – inklusive neuer Wirte. Nach 27 Jahren meldet sich Peter Pongratz vom Nockherberg ab. Er macht Platz für Christian Schottenhamel, bislang Pächter des Löwenbräukellers, und "Moarwirt"-Betreiber Florian Lechner.

Richtig viel wollen alle Beteiligten noch nicht über den "neuen" Paulaner verraten. Der Festsaal soll größer werden, die Gaststätte modernisiert, ein Teilabriss ist möglich. In der hauseigenen Brauerei soll ein Nockherberg-Bier gebraut werden. Klassischen Schweinsbraten wird’s schon noch geben – "kulinarisch erwartet der Gast aber mehr", sagt Schottenhamel. Die bayerische Küche werde im Restaurant zukünftig modern interpretiert. Es ist der zweite große Neu- und Umbau. 1999 wurde der damalige "Paulanerkeller" durch einen Brandanschlag zerstört. Bis 2003 wurden die Gebäude für 25 Millionen Euro wieder aufgebaut.

Am Freisitz geht’s die Treppe runter entlang der Ohlmüllerstraße über den Auer Mühlbach.

Wohnen im Frauenknast

Denkmal für Wohnkultur: Das künftige "Haus Mühlbach" in der alten JVA Neudeck. F: Lea Kramer

Es soll ein "Denkmal für Wohnkultur" werden, das Haus am Mühlbach. Wenn es nach dem Bauherren "Legat living" geht, ziehen "Anspruchsvolle", die "Wert auf Qualität" legen, ein in den Komplex an der Ecke Ohlmüllerstraße/Am Neudeck.

Dass es sich bei dem herrschaftlichen Baudenkmal um die frühere Justizvollzugsanstalt Am Neudeck handelt, steht freilich nirgends. Auch nicht, dass hier im März 1943 nach den Verhören im Gestapo-Gefängnis Wittelsbacher Palais zeitweilig Mitglieder der Weißen Rose wie Alexander Schmorell und Kurt Huber bis zu ihrem Prozess vor dem Volksgerichtshof inhaftiert waren. Auch nichts darüber, dass das Gebäude seit acht Jahren leer steht. Und freilich auch nichts über die Klagen, die das angrenzende Landratsamt gegen vorherige Planungen angestrengt hatte.

Vor einigen Jahren wollten die Macher der Obdachlosenzeitschrift "Biss" das Gelände kaufen.
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